Politik

"Uns läuft die Zeit davon" Historischer Impfstart mit kleinen Pannen

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Als erste Kölnerin erhielt die 92-jährige Gertrud Vogel, Bewohnerin eines Pflegeheims, die Corona-Impfung.

(Foto: imago images/Future Image)

In Halberstadt wird vorzeitig mit dem Impfen begonnen, in Oberfranken und Augsburg verzögert sich der Start. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach drängt die Bundesregierung, für eine Ausweitung der Impfstoff-Produktion zu sorgen.

In allen 16 Bundesländern wie auch in der ganzen EU hat am heutigen Sonntag die größte Impfaktion der europäischen Geschichte begonnen. Bundesweit rückten hunderte Impfteams aus, um insgesamt mehrere tausend besonders gefährdete Menschen in Pflege- und Seniorenheimen zu immunisieren.

Zu den zuerst Geimpften gehörten am Morgen eine 101-jährige Frau in Berlin, eine 95-Jährige im nordrhein-westfälischen Siegen sowie eine Krankenschwester in Frankfurt am Main.

Probleme gab es zum Auftakt in einigen bayerischen Landkreisen. Wegen Ungereimtheiten in der Kühlkette beim Transport des Impfstoffes musste der geplante Start der Corona-Impfung in acht oberfränkischen Landkreisen und den dazugehörigen kreisfreien Städten verschoben werden.

Betroffen waren die Regionen Coburg, Lichtenfels, Kronach, Hof, Bayreuth, Wunsiedel, Forchheim und Kulmbach. Geimpft werden konnte in Oberfranken lediglich in der Stadt und dem Landkreis Bamberg. Zunächst hatten sechs Landräte mitgeteilt, dass wegen einer Abweichung von den Normwerten bei der Kühlung in den Transportboxen vorsichtshalber auf die Impfung verzichtet werden solle - darunter auch Deutschlands derzeitiger Top-Corona-Hotspot Coburg, wo am Sonntag laut Robert Koch-Institut eine Sieben-Tage-Inzidenz von 543 mitgeteilt wurde. Später kamen auch Forchheim und Bayreuth dazu.

In der Zwischenzeit hatte es auch ähnliche Probleme in Schwaben gegeben. Diese stellten sich aber nach Konsultation mit der Herstellerfirma Biontech als marginal heraus. Die betroffenen Landkreise im bayerischen Teil von Schwaben hätten nach Gesprächen mit dem Regierungsbezirk Schwaben und dem Impfstoff-Hersteller Biontech das Signal erhalten, dass der betroffene Impfstoff problemlos verwendet und mit dem Impfen begonnen werden könne, sagte ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums.

Frühstart in Halberstadt

Für Aufsehen sorgte ein Seniorenheim in Halberstadt in Sachsen-Anhalt, das bereits am Samstag mit dem Impfen begonnen hatte, obwohl EU-weit der Sonntag als gemeinsamer Impfstart verabredet worden war. Die Verantwortlichen im Landkreis Harz und der Heimleiter hatten angesichts der dramatischen Lage aber keine Zeit verlieren wollen.

"Es wurde immer gesagt: Bei Corona zählt jeder Tag", sagte der Technische Leiter des Impfzentrums im Landkreis Harz, Immo Kramer, der "Bild"-Zeitung. "Wir hatten den Impfstoff am Samstag und waren bereit - warum sollten wir dann bis Sonntag warten? Das versteht kein Mensch." Auch Ungarn und die Slowakei impften schon am Samstag.

"Schlüssel raus aus der Pandemie"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigte sich optimistisch. "Der Impfstart heute macht Hoffnung und gibt Zuversicht", schrieb er auf Twitter. "Die Impfung ist der Schlüssel raus aus der Pandemie." Dass der Impfstoff in Deutschland "für uns und für die Welt" entwickelt worden sei, erfülle ihn mit Stolz.

Der Schwerpunkt des Impfstarts in Deutschland lag auf den über 80-Jährigen in Pflege- und Seniorenheimen sowie auf Pflegern und medizinischem Personal. Die mehr als 400 Impfzentren für die breite Masse der Bevölkerung öffnen größtenteils erst in den nächsten Tagen. In einem Impfzentrum in Berlin-Treptow standen Angehörige des medizinischen Personals schon vor der Eröffnung um 14.00 Uhr Schlange, um sich impfen zu lassen.

Lauterbach mahnt Ausweitung der Produktion an

Angesichts der großen Herausforderung und der vergleichsweise geringen Impfmenge, die in der EU zur Verfügung steht, drängen Politiker, die Produktionskapazitäten für den Corona-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer auszuweiten. "Die Impfung läuft gut an. Das Problem aber ist, dass wir mit dem vorhandenen Impfstoff nur fünf Millionen Menschen bis Ende März impfen können", sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Uns läuft aber die Zeit davon. Das Virus hat bereits Mutationen gebildet."

Lauterbach verwies auf neuere Studien, wonach das Virus diese Mutationen vielleicht in immungeschwächten Patienten bilden könnte - zum Beispiel bei Krebspatienten oder Autoimmun-Erkrankten. "Durch die Mutationen wird die Impfung zum Wettlauf mit dem Virus. Wir müssen also möglichst schnell impfen, bevor sich die Mutationen auch gegen die Impfung auswirken." Die Bundesregierung sollte deshalb unbedingt prüfen, ob die Produktionskapazität für den Impfstoff in Deutschland kurzfristig aufgebaut oder erhöht werden könne, verlangte er.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder forderte mehr Tempo bei der Produktion von Impfstoffen. "Endloses Warten reduziert auch die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen", sagte der CSU-Chef in München.

Zunächst steht bundesweit nur eine sehr begrenzte Zahl von Impfdosen bereit. Pro Bundesland waren es bei der Verteilung am Samstag knapp 10.000, in Bremen knapp 5000 - insgesamt gut 150.000 Dosen. Bis Jahresende sollen 1,3 Millionen Impfdosen ausgeliefert werden. Bis Ende März sollen es dann elf bis dreizehn Millionen sein. Damit die Impfung die volle Wirkung entfalten kann, muss sie nach drei Wochen ein zweites Mal verabreicht werden.

Quelle: ntv.de, hvo/dpa/AFP