Politik

Polen gedenken Massaker-OpferHistorischer Streit zwischen Warschau und Kiew droht zu eskalieren

10.07.2026, 16:36 Uhr
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In Polen findet jährlich ein Gedenkmarsch zu Ehren der Wolhynien-Massaker statt. (Foto: picture alliance/dpa/epa)

Ukrainische Partisanen töteten im Zweiten Weltkrieg Zehntausende Polen. Heute werden sie als Streiter für die Unabhängigkeit von Präsident Selenskyj geehrt. Ein jahrzehntelanger Konflikt über die Weltkriegsvergangenheit der Ukraine droht sich zu vertiefen. Es geht um Ehre, Stolz und Anerkennung der Geschichte.

Zwischen Polen und die Ukraine sollte eigentlich kein Blatt passen: Russland ist ihr gemeinsamer Feind, und der Nachschub für die Ukraine im Moskauer Angriffskrieg läuft zum großen Teil über Polen. Doch seit mehreren Wochen haben sich die Nachbarn in einen Streit über Geschichte verbissen, der auf andere Bereiche überzugreifen droht. Was macht diesen Konflikt über die Ostgrenze von EU und Nato hinweg so gefährlich?

Ein Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern waren die Jahre unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Untergrundkämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) verübten in den Jahren 1943-45 brutale Massaker an zehntausenden Polen in der heutigen Westukraine. Die Massaker erreichten ihren Höhepunkt am 11. Juli 1943: An diesem Sonntag griffen Partisanen der UPA in Wolhynien und Ostgalizien, der heutigen Westukraine mehr als 100 polnische Dörfer an. Bis heute gedenkt Polen der Opfer der Massaker von Wolhynien, dieses Gedenken steht auch an diesem Samstag wieder an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten die Untergrundkämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee bis 1950 Widerstand gegen die Sowjetherrschafft. Daher sieht die moderne Ukraine die UPA-Partisanen als Streiter für Unabhängigkeit. Straßen werden nach UPA Kommandeuren benannt, und Ende Mai verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj einer Armee-Einheit den Beinamen "Helden der UPA".

"Niemand wird den Ukrainern jemals wieder etwas vorschreiben"

Unklar bleibt, warum Selenskyj auf dieser Welle mitschwimmt. Zwar hieß es aus dem Außenministerium, er sei lediglich einem Wunsch der Soldaten nachgekommen. Doch aus den Erklärungen in Kiew spricht auch ein neues Selbstbewusstsein. "Niemand wird den Ukrainern jemals wieder vorschreiben, welche Helden sie ehren, welche Feiertage sie begehen oder welche Geschichte sie lernen sollen", schrieb Selenskyjs Kanzleichef Kyrylo Budanow auf Facebook jüngst über eine neue nationale Helden-Gedenkstätte. Dieses geplante Pantheon bietet dabei Konfliktstoff nicht nur mit Polen und anderen Nachbarstaaten, sondern auch mit Israel und Deutschland. Erwartet wird eine Ehrung der ukrainischen Nazikollaborateure der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der UPA-Kämpfer.

Die Menschen in Polen waren parteiübergreifend empört über Selenskyjs Schritt. Aber der Streit mit der Ukraine wurde in der gespaltenen polnischen Politik schnell instrumentalisiert. Der rechtskonservative Präsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj Polens höchsten Orden.

Gestützt auf wachsende antiukrainische Stimmungen im Land wirft das rechte Lager der liberalen Regierung Nachgiebigkeit gegenüber Kiew vor. Ministerpräsident Donald Tusk mahnt vergebens zu Einigkeit gegen den russischen Feind. Auch er fordert mittlerweile ein Zeichen des Entgegenkommens von der Ukraine.

Übergabe von Waffen stockt

Ohne Polen, vor allem den Flughafen Rzeszow nahe der Grenze, kommt kein ausländischer Rüstungsnachschub in die Ukraine. Die militärische Kooperation ist strategisch wichtig. Seit der Geschichtsstreit schwelt, stockt die Übergabe der letzten alten Kampfjets MiG-29 aus polnischen Beständen an die Ukraine.

Die ukrainische Luftwaffe braucht jedes Flugzeug, doch Kiew teilt - so Warschau - bislang nicht wie vereinbart seine Drohnentechnik mit Polen. Die Gespräche würden aber fortgesetzt, kündigte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz der Nachrichtenagentur PAP zufolge an.

Wirtschaftlich aufeinander angewiesen

Auch wirtschaftlich bestehen für die Ukraine und Polen Risiken. Mit gut zwölf Prozent der ukrainischen Warenexporte ist Polen vor der Türkei und Deutschland einer der größten Absatzmärkte. Und knapp 17 Prozent des Imports von Benzin und Diesel kamen 2025 aus Polen - wegen der im Krieg zerstörten ukrainischen Raffinerien ein überlebenswichtiger Faktor für Kiew.

Bei der Wiederaufbaukonferenz URC in Danzig im Juni befürchteten polnische Manager, dass künftige Verträge in der Ukraine eher an die Konkurrenz aus Deutschland, der Türkei, den USA oder anderen Ländern gehen könnten.

Derzeit leben etwa 1,5 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen - Übersiedler wie Kriegsflüchtlinge. Die meisten arbeiten, tragen zu Polens Wirtschaftserfolg bei. Doch ihre Lage könnte sich durch den fortdauernden Streit verschlechtern. Polen hat bereits Sozialleistungen gekürzt. Der Konflikt ermutigt rechte Kräfte: Sie suchen dieser Tage Firmen von Ukrainern auf und fragen bedrohlich vor laufender Handykamera, was die Fremden hier machen.

EU-Beitritt in Gefahr?

Ein Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union liegt noch fern. Doch polnische Parteien wie die rechtskonservative PiS drohen ihn zu blockieren, wenn die Ukraine ihre Geschichtspolitik nicht ändert. Das Europaparlament hat Selenskyj kritisiert: Er habe die Empfindlichkeiten und das Leid Polens ausgeblendet.

Streit über Geschichte kann europäische Prozesse lahmlegen. Nordmazedonien ist etwa bereits seit 2005 EU-Beitrittskandidat. Verhandelt wird aber erst seit 2022, nachdem ein Streit um den Landesnamen mit Griechenland gelöst wurde.

"Dieser Konflikt ist nicht unüberwindbar"

Ein erstes versöhnliches Zeichen war, dass die Kontrahenten Selenskyj und Nawrocki sich beim Nato-Gipfel in Ankara zusammensetzten. Besonnene Stimmen raten zu einem Ausbalancieren der Beziehungen. Beide Seiten dürften einander nicht als selbstverständlich ansehen.

"Die Ukraine muss um die Herzen und Köpfe ihrer Partner kämpfen", sagte Daniel Szeligowski von der Warschauer Denkfabrik PISM. "Man kann den Konflikt durch gemeinsame Interessen neutralisieren" - bei Sicherheit, Wirtschaft, Migration, schrieb der Ukrainer Olexander Suschko in der Zeitung "Dserkalo Tyschnja". "Dieser Konflikt ist nicht so unüberwindbar, dass er fatale Folgen haben müsste."

Quelle: ntv.de, Friedemann Kohler, Andreas Stein, dpa

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