Politik

Falsche Tagebücher im "Stern" "Hitler hat immer nur diktiert"

"Stern"-Reporter Gerd Heidemann präsentiert die Kladden mit den angeblichen Tagebüchern. Zwei Wochen nach der Veröffentlichung wird bekannt, dass sie gefälscht sind.

"Stern"-Reporter Gerd Heidemann präsentiert die Kladden mit den angeblichen Tagebüchern. Zwei Wochen nach der Veröffentlichung wird bekannt, dass sie gefälscht sind.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Frühjahr 1983 ist die Bundesrepublik in Aufruhr. Auslöser sind die angeblichen Tagebücher des "Führers". Der "Stern" veröffentlicht Auszüge aus den privaten Auszeichnungen Adolf Hitlers. Ein großer Coup? Keineswegs. Die Tagebücher sind Auslöser des größten deutschen Presseskandals und für den "Stern" eine schmerzliche Blamage. 30 Jahre später erinnert sich der damalige Redakteur Michael Seufert an jene Tage, in denen das Hamburger Magazin auf einen gerissenen Fälscher hereinfiel.

Noch heute eine Rarität bei Sammlern: die "Stern"-Ausgabe über die Hitler-Tagebücher.

Noch heute eine Rarität bei Sammlern: die "Stern"-Ausgabe über die Hitler-Tagebücher.

(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: 30 Jahre Hitler-Tagebücher, wie fühlt sich das für Sie heute an?

Michael Seufert: Das ist Geschichte, aber ich wundere mich, wie aktuell der Fall noch ist. Immer wieder melden sich Studenten, Doktoranden, die genauere Informationen wollen. Es ist gerade in der Wissenschaft ein großes Thema geworden. Ich habe vor fünf Jahren ein Buch über die Hitler-Tagebücher im "Stern" geschrieben. Für mich selbst ist die Geschichte abgeschlossen.

Sie haben damals als Redakteur beim "Stern" gearbeitet. Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal von den Tagebüchern erfahren haben?

Ich war damals Ressortleiter Deutschland/Aktuell. Wir waren total überrascht und erstaunt, dass Adolf Hitler Tagebücher geführt haben sollte. Denn wie wir wussten, hat er höchst ungern geschrieben. Er hat eigentlich immer nur diktiert.

Es gab also Zweifel in der Redaktion?

Bei mir gab es überhaupt keine Zweifel. Ich wusste ja, wie der "Stern" arbeitet, und es war für mich völlig ausgeschlossen, dass er eine solch brisante Geschichte veröffentlicht, ohne sie nach allen Regeln der Kunst überprüft zu haben.

Dieser Mann narrte den "Stern": Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau.

Dieser Mann narrte den "Stern": Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Der Reporter Gerd Heidemann hat die angeblichen Hitler-Tagebücher damals für 9,3 Millionen Mark von einem Militaria-Händler beschafft. Wie haben Sie Ihren Kollegen damals erlebt?

Heidemann war ein sehr tüchtiger Rechercheur, ein sehr guter Fotograf, prämiert mit dem World-Press-Fotopreis. Aber er hatte eine Macke. Wenn er sich in ein Thema zu sehr einarbeitete, verlor er jede Distanz zu seinem Recherchegegenstand. Das ist, das muss man im Nachhinein sagen, bei den Hitler-Tagebüchern und seiner Beschäftigung mit der Nazi-Zeit völlig aus dem Ruder gelaufen.

Heidemann galt als Mann mit einem besonders ausgeprägten Nazi-Tick.

Das begann 1973, als er die Yacht von Hermann Göring, die Carin II., von einem Bonner Druckereibesitzer kaufte. Er meinte, mit diesem abgewrackten Schiff das Geschäft seines Lebens zu machen. Er hat es für 160.000 Mark gekauft und hätte es gern für 160.000 Dollar weiter verkauft, aber kein Mensch wollte das Schiff haben. In kürzester Zeit hatte Heidemann 300.000 Mark Schulden angehäuft, die ihm finanziell den Hals zuschnürten.

Warum ließ man Heidemann trotzdem gewähren, obwohl der "Stern" von seinem Tick wusste?

Als Reporter hatte er einen besonderer Status beim "Stern" und war zunächst auch keinem Ressort unterstellt. Er hatte also ziemlich freie Hand. Als Heidemann die Spur zu den Tagebüchern aufnahm, hat er sich ziemlich abgeschottet. Völlig unbeobachtet konnte er seine Recherchen machen. Dann ist er mit seinem späteren Ressortleiter Thomas Walde nicht zur Chefredaktion gegangen, sondern direkt zum Vorstandsvorsitzenden von Gruner + Jahr. Der war so begeistert, dass er sofort entschied: "Wir sagen der Chefredaktion erst einmal gar nichts, die halten nicht dicht." Schon am ersten Tag wurden Heidemann 200.000 Mark ausgehändigt, um Kontakt zu dem Militaria-Händler Konrad Kujau aufzunehmen, den er als Konrad Fischer kannte. Das war der Geburtsfehler der ganzen Geschichte: Was die Tagebücher anging, stand die Welt bei Gruner + Jahr von Anfang an auf dem Kopf.

Wie konnte es sein, dass der Vorstand die Chefredaktion missachtete und keinen größeren Einfluss auf die Echtheitsprüfung der Bücher nahm?

Das ist für mich das große Rätsel. Die Chefredaktion war ja am 1. Januar 1981 neu installiert wurden. "Stern"-Gründer Henri Nannen wurde Herausgeber, es gab fortan drei Chefredakteure. Doch von denen hielt der Vorstandsvorsitzende Manfred Fischer offenbar nicht so viel, er wollte lieber selber Chefredakteur spielen.

Die Tagebücher sind gefälscht, das gibt Hans Booms vom Bundesarchiv am 6. Mai 1983 bekannt.

Die Tagebücher sind gefälscht, das gibt Hans Booms vom Bundesarchiv am 6. Mai 1983 bekannt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Am 6. Mai 1983, zwei Wochen nach der ersten Veröffentlichung im "Stern", melden die Nachrichtenagenturen, die Tagebücher sind gefälscht. Die Untersuchungen hatten ergeben, dass die Tagebücher mit Nachkriegstinte auf Nachkriegspapier geschrieben worden waren. Die Polyester-Fäden, mit denen die Bände gebunden wurden, gibt es erst seit den 50er-Jahren. Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als alles aufflog?

An diesem Freitag-Vormittag gab es wie üblich eine Heftkritik, bei der die zweite Ausgabe mit den Tagebüchern besprochen wurde. Besonders die Darstellung im "Stern" sorgte für Empörung. Die Nazi-Zeit war vielen zu positiv dargestellt. Von den Verbrechen war auf den Fotos überhaupt nichts gesehen. Darüber haben wir uns wahnsinnig aufgeregt. Dann kam als kalte Dusche um 13.30 Uhr: alles falsch. Wir waren wie gelähmt und die Diskussionen begannen. Ich wurde von Nannen zum Vorstand in den 9. Stock heraufgerufen. Da saß eine Runde graugesichtiger Männer.

Herr Nannen hat Sie beauftragt, den Skandal aufzuklären. Was haben Sie herausgefunden: Wie konnte der "Stern" auf eine Fälschung hereinfallen?

Meine These ist: Es war eine programmierte Katastrophe. Schon nach wenigen Stunden stand fest: Die ganze Geschichte ist von Anfang bis Ende erlogen. Was die Tagebücher anging, hatte der Vorstand geheime Verträge mit Heidemann und Walde geschlossen: Die beiden wurden direkt wirtschaftlich am Erfolg des Unternehmens beteiligt und konnten sich mit ihrer Unterschrift als Millionäre fühlen. Zudem garantierte ihnen der Vorstand das alleinige und exklusive Auswertungsrecht. Sie allein hatten die Hoheit über die Tagebücher, sie allein konnten bestimmen und verhindern, dass andere, zum Beispiel Historiker, an den Arbeiten beteiligt wurden. Das ist deshalb so fatal, weil Heidemann Fotograf und Rechercheur und Walde promovierter Politikwissenschaftler war, also auch kein Historiker. Und die beiden durften nun die vermeintliche Weltsensation auswerten. Es war immer eine geheime Kommandosache. Angeblich ging es um Menschenleben, die man gefährden würde, wenn das vorher bekannt würde. Das Schlimme ist: Heidemann und Walde haben zahlreiche Hinweise bekommen, dass mit den Tagebüchern etwas faul ist, aber das haben sie mit jedem noch so blödsinnigen Argument wegdiskutiert.

Was für Hinweise gab es denn?

Alles beginnt schon, als Heidemann Kujau zum ersten Mal besucht. Am Klingelschild sieht er die Namen von Kujaus Lebensgefährtin Lieblang und so etwas wie Kojak, das merkt er sich. Von Fischer, wie er Kujau kennt, steht da nichts. Normalerweise hätte er am nächsten Tag nochmal hingehen müssen, um zu sehen, dass der Mann Kujau heißt. Dann hätte er mit einem Anruf bei der Polizei festgestellt, worauf er sich da einließ. Kujau war als Hochstapler polizeibekannt. 1980 war er wegen Titelmissbrauchs bestraft worden. Aber auch seine Geschichte war so blödsinnig! Sein Bruder, angeblich ein General der Volksarmee in der DDR, sollte die Bücher in den Westen geschmuggelt haben mithilfe der Deutrans-Spedition, das war ein Stasi-Unternehmen. Dass dieses Märchen jemand geglaubt hat, war erschütternd. Heidemann hat auch einem früheren SS-General die Tagebücher gezeigt. Als er das Tagebuch gelesen hatte, sagte er: "Heidemann, das ist falsch!" Da ging es um die Leibstandarte Adolf Hitler, der Mann war Gründungsmitglied. Er meinte: Damals hießen wir noch gar nicht Leibstandarte Berlin und wir waren auch nicht in der Kaserne in Berlin-Lichterfeld, das stimmt alles nicht. Heidemann wollte das nicht glauben. Er hat Walde diese offensichtliche Falschdarstellung zwar berichtet, aber beide beschließen, dass sie Hitler bei einem Fehler erwischt haben.

War es allein die wirtschaftliche Gier, die dazu geführt hat, dass sämtliche journalistische Prinzipien über Bord geworfen werden?

Alle Beteiligten haben geglaubt, sie könnten das Geschäft ihres Lebens machen. Deshalb sind alle Vorsichtsmaßnahmen, die in einer Redaktion aus guten Gründen bestehen, aufgehoben und auf den Kopf gestellt worden. Massiv dazu beigetragen hat aber auch diese Bunker-Mentalität mit dem Argument, man dürfe Menschenleben nicht gefährden. Wäre das diskutiert worden, hätte man schnell herausgefunden, dass das alles Blödsinn ist.

Inwiefern hat die Faszination für Hitler eine Rolle gespielt?

Natürlich ist es faszinierend, etwas zu lesen, was dieser Verbrecher zu Papier gebracht hat. Man hatte plötzlich etwas in der Hand! Um Gottes Willen: Das hat er, der Führer, selber geschrieben. So beschrieb es der Vorstandsvorsitzende auch vor Gericht, wie er die Tagebücher erstmals in den Händen gehalten hat. Aber man hätte sich deshalb trotzdem nicht so täuschen lassen dürfen, dass man sagt: Die Geschichte des Dritten Reiches muss in weiten Teilen umgeschrieben werden. Das hat der "Stern" ja damals so formuliert. Das war hanebüchen. Allerdings gibt es diese Faszination auch noch heute. Denken Sie nur an den "Spiegel"-Titel von Ende Januar 2013 mit "Hitlers Uhr".

Der frühere Stern-Redakteur Michael Seufert veröffentlichte 2011 sein Buch "Der Skandal um die Hitler-Tagebücher".

Der frühere Stern-Redakteur Michael Seufert veröffentlichte 2011 sein Buch "Der Skandal um die Hitler-Tagebücher".

(Foto: Michael Zapf)

Nachdem der Skandal aufgeflogen war, wurde Heidemann entlassen. Wie Kujau wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, zwei "Stern"-Chefredakteure erklären ihren Rücktritt. Aber die Verantwortlichen aus dem Vorstand blieben trotz ihrer gravierenden Mitverantwortung in ihren Ämtern. War das gerecht?

Heidemann war strafrechtlich verantwortlich, er hatte die Tagebücher beschafft und war der Einzige, der Kontakt zu Kujau hatte. Wie das Landgericht feststellte, hat Heidemann von den 9,3 Millionen Mark, die er insgesamt bar in die Hand gedrückt bekommen hat für die Bücher, 4,2 Millionen für sich beiseite geschafft. Dafür ist er verurteilt worden. Walde war genauso verantwortlich, denn er kannte alle Details, die gegen die Echtheit der Tagebücher sprachen. Der Unterschied war: Er hatte nie mit dem Geld zu tun. Aber er fiel dann später weich, er wurde Programmdirektor bei Radio Hamburg und ist inzwischen pensioniert. Für ihn ist es einigermaßen gut ausgegangen. Der Vorstands-Vorsitzende Gerhard Schulte-Hillen, der die 9,3 Millionen Mark freigeschaltet hatte, war natürlich genauso beteiligt und verantwortlich. Aber da hat der Bertelsmann-Eigentümer Reinhard Mohn befunden, er sei nicht belastet, er könne bleiben. Das sind die feinen Unterschiede, die da gemacht wurden.

Welche Folgen hatte der Tagebücher-Skandal für den "Stern" außer den personellen Konsequenzen?

Die Glaubwürdigkeit war erstmal total ruiniert. Dann ist die Auflage massiv gesunken. Das Schlimmste für uns war: Wir haben jahrelang daran arbeiten müsse, die Reputation Stück für Stück wiederherzustellen.

Ist es denn auch heute denkbar, dass so eine Fälschung durchkommt?

Ich halte das beim "Stern" für wenig wahrscheinlich. Der Schock war so groß, dass seitdem noch sorgfältiger gearbeitet wurde. Aber wenn man sich an die gefälschten Interviews mit Hollywoodgrößen erinnert, die im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" erschienen sind. Oder die gefälschten Reportagen, die ein Freier Mitarbeiter serienweise bei Privatsender und Öffentlich-Rechtlichen untergebracht hat – immer wenn es um viel Geld geht, ist Vorsicht geboten.

Schauen Sie sich zum Jahrestag den Film "Schtonk" an?

(lacht) Ich habe damals die ganze Redaktion des "Stern" eingeladen, den Film zu schauen. Ich finde den Film ganz wunderbar. Er ist hart an der Realität gedreht worden. Den kann man sich immer nochmal anschauen.

Mit Michael Seufert sprachen Gudula Hörr und Christian Rothenberg

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Quelle: ntv.de

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