Politik

Interview zu 100 Jahren NSDAP "Hitler hat vor allem Hass gepredigt"

8428708.jpg

Hitler wusste, sich zu inszenieren. Er sei ein "verhinderter Theatermensch" gewesen, sagt Historiker Hans-Ulrich Thamer.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Vor 100 Jahren wurde in München aus der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei - die NSDAP. Zu den Initiatoren der Umbenennung gehörte der spätere Parteichef Adolf Hitler. "Er wollte auf Massenwirksamkeit und die Inszenierung von Politik hinaus", sagt Historiker Hans-Ulrich Thamer. Der neue Name habe "knalliger und plakativer" geklungen. Im Interview mit ntv.de spricht Thamer zudem über Hitlers Inszenierungen, seine Reden - und heutige Nazi-Vergleiche.

ntv.de: Im September 1919 schickte Hauptmann Karl Mayr den Gefreiten Adolf Hitler zu einer Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei, der DAP. Was fand Hitler dort vor?

Hans-Ulrich Thamer: Es gab damals viele politische Zirkel oder Stammtische, in München waren es schätzungsweise 20. Die DAP war von ihren beiden Gründern, Karl Harrer und Anton Drexler, aber nicht unbedingt als politische Partei mit größerer Öffentlichkeitsarbeit gedacht. Harrer, der aus der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft kam, wollte eigentlich Gesinnungsarbeit betreiben.

Warum hat Hitler im Februar 1920 aus der DAP die NSDAP gemacht?

POR_1ThamerHans-Ulrich_rechtefrei_rechtefrei.jpg

Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer lehrte von 1983 bis zu seiner Emeritierung 2011 Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein Buch "Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945" gilt als Standardwerk. Zuletzt legte er "Adolf Hitler. Biographie eines Diktators" vor, am 16. März erscheint "Die NSDAP" (beide bei C.H.Beck).

(Foto: Verlag C.H.Beck)

Er wollte auf Massenwirksamkeit und die Inszenierung von Politik hinaus. In "Mein Kampf" hat er das - fälschlicherweise - so dargestellt als sei die DAP ein hoffnungsloser Stammtisch gewesen. Das war sie natürlich nicht. Aber Hitler wollte mehr, er wollte das große Spektakel und hat das aufgrund seiner rhetorischen Fähigkeiten auch ziemlich schnell geschafft. Da ging es aus irgendwelchen Hinterzimmern in größere Säle, bis man in München im Saalbau des Zirkus Krone 2000 bis 3000 Menschen versammelt hat.

Hitlers Reden haben viele Leute angezogen. War er aus heutiger Sicht ein guter Redner?

An sich nicht. Die stilistischen Mittel, die er eingesetzt hat, wirken heute abstoßend. Hitler hat geschrien und vor allen Dingen Hass gepredigt, es waren ungeheure Hasstiraden. Und sie waren mit Gewaltandrohungen und symbolischen Gewalthandlungen verbunden. Da sind teilweise Parteiarmeen, darunter die frühe SA, aufeinandergeprallt. Diese Form von Gewalt galt damals als Entschiedenheit. Wer so auftrat, dem wurde die Fähigkeit unterstellt, etwas durchzusetzen. Nicht unterschätzt werden darf aber auch, dass Hitler fähig war, seine Gegner mit sehr viel Ironie anzugreifen. Das kam in der Atmosphäre einer Bierhalle ganz gut an.

Wie kam es zu dem Zusatz "nationalsozialistisch"? Aus heutiger Sicht klingen die beiden Begriffe recht gegensätzlich.

Das waren sie damals auch schon. Aber der Begriff ist nicht ohne Vorbild. Es gab nationalsozialistische Zirkel im ehemaligen Habsburgerreich, in Böhmen. Als Begriff geisterte das schon durch die Lande. Die NSDAP versuchte damit, den Sozialismus, der damals in aller Munde war, mit dem nationalen Gedanken zu verbinden. Deutsche Arbeiterpartei reichte Hitler nicht aus, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei klang knalliger und plakativer.

Hat diese Verbindung von "national" und "sozialistisch" die inhaltlichen Vorstellungen von Hitler getroffen?

Nur bedingt. Es war vor allen Dingen die Möglichkeit, politische Farben miteinander zu verbinden. Hitler war ein optisch-ästhetisch veranlagter Mensch, das war seine Stärke. Er hat sehr früh für die Parteiwerbung gegensätzliche Symbole ausgewählt. Das beschreibt er auch in "Mein Kampf", dass man mit solchen politischen Farben sensibilisieren und mobilisieren kann.

Wie waren in dieser Zeit seine inhaltlichen Ideen?

43874879.jpg

Das Bild von 1925 zeigt Adolf Hitler bei einem Besuch einer bayerischen Gruppe der Nationalsozialisten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das war ziemlich diffus. Seine ersten Vorstellungen, die er in Auseinandersetzungen mit ähnlichen völkisch-nationalistischen Parteien oder Grüppchen entwickelt hat, sind nicht sonderlich ausgegoren, er ging dabei hoffnungslos unter. Eine einigermaßen geschlossene Weltanschauung bastelte er sich erst in den nächsten Monaten und Jahren zusammen, bis zur Niederschrift von "Mein Kampf".

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die NSDAP in ihrer Anfangszeit sehr verschiedene Gruppen angesprochen hat, sowohl Arbeiterschaft, aber auch Bürgertum. Was war das verbindende Element dieser Gruppen?

Der Nationalismus war eins der Elemente, die ganz widersprüchliche weltanschauliche Orientierungen verbinden konnten. Aber das galt im Grunde für viele damalige Parteien. Nach dem Ersten Weltkrieg war das eine weit verbreitete Einstellung. Davon wurden vor allem Leute angesprochen, die sich wie Hitler dezidiert gegen das wandten, was man damals Internationalismus nannte, gegen die sozialistische Linke. Diese Feindschaft war immer klar.

Spielten in dieser Anfangszeit Protestwähler eine Rolle?

Es ging auch um Protest, gegen die Versailler Verträge und natürlich gegen die schlechten materiellen Lebensbedingungen. Allerdings war der Protest nicht so massenhaft, wie in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit 1929.

Gerade in den ersten Jahren gab es immer wieder Streit um die Ausrichtung der Partei. Wie konnte sich Hitler an der Spitze halten?

ANZEIGE
Die NSDAP: Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches
9,95 €
*Datenschutz

Er war der Starredner seiner Partei. Durch seine Rhetorik, durch seinen Hass wirkte er überzeugend, aber auch durch seine Fähigkeit, das mit Fahnen und dergleichen zu inszenieren. Hitler war im Grunde ein verhinderter Theatermensch, der wusste, dass Politik vor allen Dingen auf sinnliche Eindrücke und deren Vermittlung basierte und nicht auf programmatischen Reden.

Nach dem gescheiterten Putsch 1923, als Hitler in Festungshaft war, geriet die Partei in eine vorübergehende Krise. Warum?

Da fehlte es der Partei an der bindenden Kraft, sie zerfiel in rivalisierende Gruppierungen. Eine Führerpartei ohne Führer funktioniert nicht. Hitler hatte die Fähigkeit, diese Funktion auszufüllen und überzeugend rüberzubringen. Und er hatte die Fähigkeit, abzuwarten. Er hat rivalisierende Gruppen nicht von vornherein verdammt, sondern versuchte, sie zu integrieren - oder sie ins Leere laufen zu lassen wie bei der Auseinandersetzung mit der nordwestdeutschen NSDAP.

Sie schreiben, dass diese Ausrichtung der Partei auf einen Führer die Aufarbeitung nach 1945 erschwert hat. Wieso?

Man konnte aufgrund dieser Führungsstruktur behaupten, das sei nur eine kleine Clique gewesen, auf die man die Schuld schieben konnte. Das übersieht allerdings, dass die NSDAP in einem Punkt etwas sehr Modernes hatte: die Fähigkeit zur ungeheuren Massenmobilisierung. Es war eben nicht nur eine kleine Clique, sondern eine Massengefolgschaft, die aus unterschiedlichen Motiven mitgemacht hat.

Blicken wir noch kurz in die Gegenwart: In ihrem Buch wird dargestellt, wie radikal und gewalttätig die NSDAP vorging. Besteht da bei heutigen Nazi-Vergleichen - gerade jetzt nach der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen - die Gefahr, dass die NSDAP verharmlost wird?

Die Gefahr ist schon immer gegeben, dass man durch solche simplen historischen Analogien die Gewalttätigkeit, die Explosionskraft dieser Bewegung und des NS-Regimes unterschätzt. Auch der Begriff Faschismus, der jetzt wieder in Thüringen angewandt worden ist, kann zur Verharmlosung beitragen. Weil erstens dieser Gewaltcharakter der NSDAP und zweitens natürlich auch der Zerstörungs- und Vernichtungswille, der dahintersteckt, nicht miteinander vergleichbar sind. Die Vorstellung, wir hätten wieder Weimarer Verhältnisse, oder wie es nach der Thüringenwahl so schön hieß: einen Hauch von Weimar, das ist äußerst problematisch. Deutschland um 1930/32 ist nicht Deutschland 2020. Und die NSDAP ist etwas anderes als die AfD.

Ihr Kollege Heinrich August Winkler hat kürzlich die AfD mit den Deutschnationalen verglichen, der DNVP, die er eine "antidemokratische, nationalistische und reaktionäre Rechtspartei" nennt. Würden Sie dem Vergleich zustimmen?

Da würde ich zustimmen. Er hat es allerdings auch eingeschränkt und das ist wichtig: Winkler hat vom starken völkisch-extremistischen Flügel der DNVP gesprochen. In der Tat waren die Übergänge zwischen dieser sich radikalisierenden DNVP und der NSDAP fließend. Und das kann man, wenn man will, natürlich auch im Augenblick beobachten. Die AfD ist ja auch kein in sich geschlossener Block, sondern hat verschiedene Schattierungen. Wenn man es ganz pessimistisch sehen will, kann man sagen: Da ist im Kern einiges angelegt, was in diese Richtung driften könnte. Aber wenn Sie sich die NSDAP genau anschauen, dann hat sie ein ganz anderes Potenzial und die Entstehungs- und Erfolgsbedingungen sind andere als heute. Gewalt ist heutzutage nicht hoffähig, war es aber in der Weimarer Republik, vor allem in der späten Weimarer Republik.

Mit Hans-Ulrich Thamer sprach Markus Lippold

Das Buch "Die NSDAP" von Hans-Ulrich Thamer erscheint am 16. März bei C.H.Beck.

Quelle: ntv.de