Politik

Der Mann, der Präsident bleiben will Hollande verscherzt es sich mit allen

8dd86acab9ab5a46278aec89242a9c7e.jpg

François Hollande begeht zurzeit Image-Harakiri.

(Foto: REUTERS)

François Hollande lässt in einem Buch zwei Journalisten unwidersprochen aus Gesprächen zitieren. Der Präsident lässt dabei an niemandem ein gutes Haar. Die Franzosen fragen sich: Warum macht er das?

Frankreich Präsident François Hollande würde gerne im Amt bleiben. Wenn im kommenden Jahr gewählt wird, könnte es deshalb zum großen Dreikampf mit seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy und Front-National-Chefin Marine Le Pen kommen. Einer erneuten Kandidatur Hollandes steht an sich nichts im Wege. Abgesehen von François Hollande selbst vielleicht.

fd3c9de6ca36db308949908a3bbcde92.jpg

Lösten mit ihrem Buch eine Welle der Empörung aus: Gérard Davet und Fabrice Lhomme.

(Foto: AP)

Seit etwa einer Woche gibt es im politischen Paris kein anderes Thema mehr als "Un président ne devrait pas dire ça". Das ist der Titel eines Buches zweier Journalisten von "Le Monde", er bedeutet übersetzt: "Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen". Und der Name ist Programm.

In Dutzenden Gesprächen hat Hollande Gérard Davet und Fabrice Lhomme allerhand Indiskretionen und Verunglimpfungen in den Block diktiert. Auch eine Woche nach Veröffentlichung des Buchs hat Hollande keine Zeile zurückgenommen, nur hier und da halbherzige Erklärungen angefügt. Nur in einem Fall sah er bisher Anlass zur Entschuldigung – aber dazu später mehr.

Dabei hätte er Anlass, bei weit mehr Leuten um Verzeihung zu bitten:

  • Seinen Vorgänger Nicolas Sarkozy nennt er einen "kleinen Möchtegern-De Gaulle": "Wir hatten den kleinen Napoleon, jetzt haben wir den kleinen De Gaulle", heißt es in dem Buch wohl auch mit Bezug auf Sarkozys geringe Körpergröße von 1,65 Metern. Hollande misst übrigens 1,70 Meter. Weiter urteilt Hollande über Sarkozy: "Er kann nicht unterscheiden, was möglich ist oder nicht, was legal ist oder nicht, was anständig ist oder nicht. Und warum immer wieder diese Sucht nach Geld?"
  • Außenminister und Ex-Premier Jean-Marc Ayrault sei "so loyal, dass er unhörbar ist", ätzt Hollande. "Ihm fehlt es an Glätte und Leichtigkeit und dem Geschick, ein Kompliment zu machen, um andere mitzuziehen. Wenn er das hätte, wäre er Präsident und nicht Premier."
  • Seine Ex-Freundin und heutige Umweltministerin Ségolène Royal, die sich immerhin einst auch einmal anschickte, Präsidentin zu werden, watscht er ab: "In dieser Beziehung war ich der politische Kopf." Hollande verzichtete 2007 zugunsten seiner damaligen Lebensgefährtin Royal auf eine Kandidatur. Noch im Wahlkampf entfremdete sich das Paar. Royal unterlag am Ende Sarkozy.
  • Heute ist Hollande mit Schauspielerin Julie Gayet liiert. Wobei sich das Verhältnis angesichts des Hollande-Buchs womöglich etwas abgekühlt hat. Gayet darf nicht als First Lady auftreten - nicht einmal als inoffizielle. Hollande: "Sie will unsere Beziehung offiziell machen. Sie leidet darunter. Aber es wird das nicht geben, auch nicht in einer zweiten Amtszeit."
  • Die französische Fußballnationalmannschaft besteht für Hollande offenbar aus Dummköpfen, den Spielern fehlten "Hirnmuskeln". Die Elf hätte dringend "Gehirntraining" nötig, scherzt er. Die Spieler seien schlecht erzogene Kids, die zu superreichen Stars geworden seien.
  • Hollande äußert die Meinung, Frankreich, in dem 23 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, habe ein Problem mit dem Islam. "Die Frau mit Kopftuch ist die Marianne von morgen", sagt er. Die Konservativen verstehen das so, als opfere Hollande die französische Ikone der Freiheit dem politischen Islam. Hollande selbst will es freilich genau andersrum gemeint haben: "Wenn wir es schaffen, der Frau mit Kopftuch die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung zu bieten, wird sie sich von ihrem Kopftuch befreien und zu einer Französin werden."
  • Am meisten Aufsehen erregte Hollandes Abrechnung mit der Justiz seines Landes. Diese bezeichnet er als "Institution der Feigheit": "All diese Staatsanwälte, all diese hohen Richter verstecken sich, spielen die Tugendhaften. Die Justiz mag die Politik nicht."

Diese Sätze haben einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Hollande sah sich dazu gezwungen, einen offenen Brief zu schreiben: Er "bedauere zutiefst" seine Worte. Sie spiegelten nicht seine wahren Gedanken und sein Handeln als Präsident wider.

Doch da war der Schaden schon da. Selbst in seiner eigenen Partei gehen viele deutlich auf Abstand zu Hollande. Premierminister Manuel Valls sagte: "Diese Diskussionen sind nicht gut für die Politik und die Demokratie". Ayrault befindet: "Ein Präsident darf so nicht reden." Und Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis warnte Hollande: "Er macht es uns nicht leicht mit seiner Präsidentschaftskandidatur."

Den Kampf um den Élysée-Palast scheint Hollande bereits verloren gegeben zu haben, auch wenn er nicht gewillt zu sein scheint, das Feld zu räumen. In dem Buch wird er zitiert: "Es stimmt, dass es demütigend sein kann, als Amtsinhaber zu verlieren." Es sei aber auch demütigend zu sagen: "Ich kann nicht antreten."

"Möchtegern-De Gaulle" Sarkozy wird das gerne hören. Am Sonntag findet die erste Vorwahl seiner in Republikaner umbenannten konservativen Partei statt. Er ist guter Dinge, sich gegen die parteiinterne Konkurrenz durchzusetzen. Dass er dann gegen einen Amtsinhaber antritt, der sich gerade fein säuberlich selbst demontiert, wird ihm genehm sein.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema