Politik

Streit um Hartz IV "Ich habe Herrn Spahn einiges zu sagen"

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Geht Jens Spahn auf ihre Forderung ein? Sandra Schlensog trifft sich am Samstag in Karlsruhe mit dem Politiker.

(Foto: picture alliance / Marijan Murat)

Ihre Petition gegen Jens Spahn hat Sandra Schlensog berühmt gemacht. Am Samstag trifft sie sich in Karlsruhe mit dem CDU-Politiker. Im Interview mit n-tv.de erklärt die 40-jährige Hartz-IV-Empfängerin, wie sie sich darauf vorbereitet.

n-tv.de: Warum haben Sie sich über die Äußerungen von Jens Spahn über Hartz IV vor einigen Wochen so geärgert?

Sandra Schlensog: Die Äußerungen kamen für mich in einer schwierigen Zeit. Ich hatte gehofft, dass ich aus Hartz IV rauskomme, aber dann habe ich meinen Job im Februar am letzten Tag der Probezeit wieder verloren. Dann kam Spahn. Was er sagte, hat mich daher besonders getroffen. Ich habe gedacht: Natürlich bedeutet Hartz IV Armut. Das ist doch Leugnen von Tatsachen, von oben herab und Zynismus pur.

Dann haben Sie eine Online-Petition gestartet. Hätten Sie erwartet, dass die Resonanz so groß sein würde?

Nein. Ich hatte vorher gedacht, es ist schon gut, wenn ich ein paar Leute zum Nachdenken bringe. Am nächsten Tag hat die "Tagesschau" über die Petition berichtet. Da war ich plötzlich mittendrin und musste schwimmen lernen (lacht).

Ein paar Tage später hat Jens Spahn Sie angerufen. Waren Sie überrascht?

Ich war komplett überfordert, damit hätte ich ja nie gerechnet. Vor meiner Tür stand gerade Stern TV mit Norbert Blüm und wollte drehen. In dem Moment klingelte mein Telefon. "Hier ist Jens Spahn", sagte die Person. Ich so: "Ja, nee, ist klar." Ich dachte, es gibt genug Idioten da draußen, da will mich jemand veralbern. Aber dann war mir schnell klar, dass es nicht so ist.

Wie war das Gespräch?

Wir haben fünf Minuten gesprochen. Spahn war nett, es war ein konstruktives Gespräch auf Augenhöhe, so was kann er. Er meinte, es sei gut, dass sich jemand stark macht, und hat ein Treffen vorgeschlagen, in dem ich meine Ansichten darlegen kann.

Hat er sich entschuldigt?

Nein.

Haben Sie am Telefon gestritten?

Nein, ich will ja auch nicht streiten, sondern nur Dinge klarstellen.

Sie treffen sich am Samstag in Karlsruhe. Was genau ist geplant?

Wir verhandeln noch über Details. Der Ort des Treffens soll öffentlich nicht bekannt gegeben werden. Danach soll eine Pressekonferenz stattfinden, bei der ich Herrn Spahn die Petition übergeben will.

In Ihrer Petition fordern Sie Spahn auf, einen Monat lang vom Hartz-IV-Satz zu leben.

Ich fände es toll, wenn er sich darauf einlässt. Wenn man ehrlich ist, ist das in seiner Situation natürlich schwer umsetzbar. Meine Forderung ist sehr plakativ. Aber ich fände es toll, wenn er es vielleicht zumindest für ein paar Tage mal probiert, mit wenig Geld auszukommen. Spahn ist ja einer, der sich gern profiliert, deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass er das macht. Mal sehen, wie wir das am Ende umsetzen können.

Sind Sie schon aufgeregt?

Erstaunlicherweise nicht. Ich bin jemand, der sich erst verrückt macht, wenn es so weit ist.

Wie bereiten Sie sich vor?

Meine Erfahrung hat mir gezeigt: Je mehr ich mich vorbereite, desto kirrer mache ich mich. Ich will Spahn einen Hartz-IV-Antrag zeigen und ein Carepaket, was man als Hartz-IV-Empfänger Ende des Monats so braucht. Vieles wird sich dann aus dem Gespräch ergeben. Mir ist wichtig, dass ich die persönliche Ebene treffe. Ich hoffe, dass Spahn eingesteht, dass Hartz IV eben doch Armut bedeutet und dass das für die Betroffenen gar nicht so einfach ist.

Was fordern Sie von ihm?

Ich habe Herrn Spahn einiges zu sagen. Es gibt viele Themen, für die er sich als Mitglied des Bundestags einsetzen könnte. Ich fordere eine Beendigung der Sanktionen und eine Erhöhung des Mindestlohns. Der ist so gering, dass viele Leute trotzdem aufstocken müssen. Außerdem halte ich es für falsch, dass das Kindergeld auf Hartz IV angerechnet wird, weil das die Kinderarmut fördert. Das ist mir wichtig und darüber möchte ich mit ihm reden.

Die Petition hat Sie deutschlandweit bekannt gemacht. Wollen Sie sich nach dem Treffen mit Jens Spahn weiter engagieren?

Es imponiert mir, was man mit einer Petition erreichen kann. Das hat mir gezeigt: Jeder hat eine Stimme. Ich wurde schon von einigen Organisationen und auch von der Partei Die Linke gefragt, ob man nicht zusammen was auf die Beine stellen kann. Ich hätte schon Lust darauf, einen Verein zu gründen oder so, aber das ist natürlich viel Arbeit und eigentlich will ich ja auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen. Ich muss schauen, wie ich das als Alleinziehende zeitlich hinbekomme.

Glauben Sie, dass die aktuelle Debatte etwas an der schwierigen Situation von Hartz-IV-Empfängern in Deutschland ändert?

Das hat sie ja schon. Das Thema Hartz IV war lange in den Schubladen verschwunden, jetzt wird es wieder öffentlich debattiert und ist überall Thema Nummer eins. Das ist ein Riesenerfolg.

Mit Sandra Schlensog sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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