Politik

Lebensversicherung in Hongkong "Ich werde keinen Selbstmord begehen"

imago95922263h.jpg

Seit Monaten gehen die Menschen in Hongkong auf die Straße, um die Demokratie zu verteidigen.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Eine Zahl mysteriöser Todesfälle veranlasst Protestierende in Hongkong dazu, mündliche oder schriftliche Anti-Suizid-Absichten zu hinterlassen. Sie sollen davor schützen, durch Polizeigewalt umzukommen.

Festnahme in Hongkong: Zwei Polizeibeamte legen einem wasserstoffblond gefärbten Schlacks Handschellen auf dem Rücken an. Ein Auto nähert sich und filmt die Szene. Es stoppt unmittelbar vor dem Trio. "Wie ist dein Name?", fragt der Mann, der offenbar das Video dreht. Der Blonde blickt einen Augenblick lang überrascht in die Kamera und antwortet dann schnell: "Lee Chun Hin". Reflexartig fügt er hinzu: "Ich werde keinen Selbstmord begehen." Kaum hat er das ausgesprochen, wird er mit einem Schlag ins Gesicht von einem der Beamten zum Schweigen gebracht und abgeführt. Das Auto rast wieder davon.

Der junge Mann spricht keineswegs wirren Unfug. Er schließt sehr bewusst in allerletzter Sekunde so etwas wie eine Lebensversicherung ab. Denn der harte Kern der Protestbewegung in Hongkong, die seit Monaten ihre demokratischen Rechte gegen die autoritäre chinesische Führung in Peking verteidigen will, reagiert mit solchen Botschaften auf eine Reihe vermeintlicher Selbstmorde unter ihren Mitgliedern.

Sturz aus dem Fenster

imago95966085h.jpg

Demonstranten auf dem Weg zu einem der großen Proteste.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Seit einiger Zeit werden in Hongkong Leichen von jungen Menschen entdeckt, deren Todesursachen von der Stadtregierung mit Selbstmord erklärt werden. Die Protestbewegung dagegen behauptet, die Toten seien in Polizeigewahrsam umgebracht und anschließend sei ein Suizid vorgetäuscht worden. Mit dem öffentlichen Bekenntnis, sich nicht das Leben nehmen zu wollen, sollen die Beamten gewarnt werden, dass die mögliche Tötung eines Demonstranten nur wenig glaubhaft durch einen inszenierten Selbstmord verdeckt werden kann.

Die Hongkonger Demokratie-Bewegung Demosisto, deren Anführer Joshua Wong im vergangenen Jahr mit Außenminister Heiko Maas in Berlin zusammengetroffen war, verbreitete zum Wochenbeginn ein weiteres Video, das nach ihrer Ansicht die Vermutung von verschleierten Tötungsdelikten durch Polizeibeamte bestätigt. Aus einem Hochhausfenster filmt eine junge Frau, wie in rund 30 Metern Entfernung der Kopf eines Menschen bäuchlings aus einem Fenster hängt. Wenige Sekunden später sieht man die Füße des Mannes über seinem Kopf baumeln. Dann fällt der Körper auf einen Fenstervorsprung und von dort weiter in die Tiefe. Von weiter unten dringend entsetzte Schreie von Passanten bis nach oben.

Mysteriöse Leichenfunde

Demosisto kommentiert das Video: "Seit dem Ausbruch der Hongkong-Proteste wurden überall auf mysteriöse Weise Leichen gefunden. Immer wieder behauptete die Polizei, es handele sich nur um Selbstmorde. So kommt es zu einem Selbstmord." Unter dem Eintrag hinterließen Kommentatoren Zeichnungen davon, die veranschaulichen sollen, in welch unnatürlicher Haltung der Körper aus dem Fenster gefallen ist, um damit zu vermitteln, dass er wohl von jemandem hinausgeworfen sein musste.

imago95966070h.jpg

Vermummte Polizisten - auch aus China?

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Erste Vermutungen zu möglichen Todesfällen von jungen Demonstranten durch Polizeigewalt gab es bereits im Oktober. Damals wurde die nackte Leiche einer 15-jährigen Aktivistin aus dem Meer gezogen. Die letzten Stunden der Jugendlichen wurden rekonstruiert und warfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gaben. Beispielsweise, dass die Jugendliche 20 Minuten lang barfuß durch die Stadt zum Meer gelaufen sein musste, um sich dort schließlich zu töten. Zu einer Obduktion kam es nicht. Ehe die Leiche untersucht oder von Freunden oder Verwandten überhaupt abschließend identifiziert werden konnte, hatten die Behörden die Einäscherung angeordnet und den Leichnam verbrannt. Die Kleider des Mädchens blieben indes verschwunden.

"Polizei ist Instrument der Unterdrückung"

Patrick Poon der sich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit der Volksrepublik China befasst, sagte dem Magazin "Vice", es sei durchaus üblich, dass chinesische Beamte Häftlinge schlagen, ihnen Schlaf, Nahrung oder Medikamente entziehen oder sie dazu zwingen würden, stundenlang in unbequemer Position zu stehen. "Wenn Protestler Nachrichten hinterlassen, in denen sie versichern, sich nicht umbringen zu wollen, dann tun sie das nicht, weil sie das unbedingt sagen wollen. Es macht sehr deutlich, wie groß Angst und Misstrauen gegenüber der Regierung sind", sagte Poon.

Chinesische Beamte? In Hongkong hat immer noch die lokale Polizei das Sagen, zumindest auf dem Papier. Dass dem wohl nicht mehr so ist, haben bereits mehrere China-Experten öffentlich vermutet. Stattdessen sollen Einheiten aus der Volksrepublik, die wie Hongkongs Bürger Kantonesisch als Muttersprache sprechen, die überbordende Gewalt von Polizisten gegen Protestierende verantworten. Das würde faktisch bedeuten, dass Peking entgegen seiner vertraglichen Zusicherung in die inneren Angelegenheiten Hongkongs eingreift.

Der Politologe Andreas Fulda sagte ntv.de: "Hongkongs Polizei ist seit der Niederschlagung der Regenschirm-Revolution im Jahr 2014 ein Instrument der politischen Unterdrückung geworden. Seit Anfang September 2019 übernimmt sie die gleiche Funktion wie die People's Armed Police in Festlandchina." Die People's Armed Police wird zur Niederschlagung von Demonstrationen in der Volksrepublik eingesetzt.

Nicht jede der vielen Tausend Festnahmen, die es seit Ausbruch der Anti-Peking-Demonstrationen vor mehr als einem halben Jahr gegeben hat, konnte auf Video dokumentiert werden. Also hinterlassen Protestierende schriftliche Beteuerungen über soziale Medien oder in Briefen, die sie bei Freunden oder Familie in Obhut geben. Die Kernaussage dieser Nachrichten ist immer gleich: "Ich werde mich nicht selbst töten".

Quelle: ntv.de