Politik

Verschleppte ukrainische Kinder"Ihnen wird das Recht auf Identität und Familienleben genommen"

16.05.2026, 15:11 Uhr
imageInterview: Lea Verstl
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Ein Mahnmal für die verschleppten ukrainischen Kidner in Washington - diejenigen, die zurückkehren, finden oft nur mühsam zurück in den Alltag. (Foto: AP)

Unicef hilft Kindern, die von Russland verschleppt wurden, bei der Rückkehr in die Ukraine. "Die Trennung von der Familie ist eine der traumatischsten Erfahrungen, die ein Kind im Leben machen kann", sagt Unicef-Sprecher Toby Fricker.

ntv.de: Was bedeutet es für Kinder, von ihren Familien getrennt zu werden - insbesondere in Kriegszeiten?

Toby Fricker: Die Trennung von der Familie ist eine der traumatischsten Erfahrungen, die ein Kind machen kann - jederzeit, aber besonders im Krieg, wenn Kinder zahlreichen Gefahren ausgesetzt sind. Gerade dann ist die Familie der Ort, der Schutz, Fürsorge und Liebe bietet. Werden Familien durch Krieg dauerhaft auseinandergerissen, wird Kinder faktisch ihr Recht auf Identität und Familienleben genommen - mit weitreichenden Folgen.

Wie unterstützen Sie die zurückgekehrten verschleppten Kinder?

Wir arbeiten mit zahlreichen Partnern zusammen, um die ukrainische Regierung technisch zu unterstützen, etwa beim Register deportierter Kinder. Entscheidend ist aber vor allem eine nachhaltige Reintegration der Kinder nach ihrer Rückkehr. Die Hilfe darf sich nicht auf unmittelbare Maßnahmen wie Unterkunft, medizinische Versorgung und psychosoziale Betreuung beschränken, sondern muss langfristig angelegt sein. Nur so können sich die Kinder erholen, wieder in die Gemeinschaft eingliedern und vor allem ihre Kindheit in einem familiären Umfeld zurückgewinnen.

Werden sie dann von Pflegefamilien betreut?

Es gibt unterschiedliche Modelle, etwa das Patenschaftssystem - im Grunde eine Form von Notfall-Pflegefamilien. Diese Familien erhalten Unterstützung, Schulungen und teilweise auch Wohnraum, um Kinder aufzunehmen und in einem stabilen Umfeld großzuziehen. Entscheidend ist zudem der Zugang zu grundlegenden sozialen Diensten auf kommunaler Ebene, damit Pflegefamilien und andere Betreuungspersonen in dieser schwierigen Situation ausreichend unterstützt werden.

Was ist die größte Herausforderung bei der Reintegration?

Diese Kinder haben enorme Belastungen erlebt, viele sind traumatisiert. Neben Kindern, die aus besetzten Gebieten oder aus der Russischen Föderation zurückkehren, unterstützen wir auch jene, die zu Beginn des Krieges aus Einrichtungen in der Ukraine evakuiert wurden - oft in EU-Staaten oder andere Länder - und nun unter sehr schwierigen Umständen zurückkommen.

Worauf legen Sie in der langfristigen Betreuung dieser Kinder den Fokus?

Gemeinsam mit der ukrainischen Regierung arbeiten wir an der Umsetzung der "Better Care Reform". Ziel ist eine grundlegende Reform des Kinderschutzsystems: soziale Dienste auf kommunaler Ebene stärken, die Qualität und Zahl der Sozialarbeiter erhöhen und lokale Organisationen unterstützen - vor allem, damit jedes Kind in einer Familie aufwächst. Das bedeutet auch, dass Kinder, die früher in Heimen lebten, nicht dorthin zurückkehren sollen.

Warum musste das System in der Ukraine reformiert werden? Wo lagen die Probleme?

Über viele Jahre hinweg lebten in der Ukraine große Zahlen von Kindern in Heimen. Bereits vor 2022 unterstützte Unicef gemeinsam mit Partnern die Regierung dabei, familienbasierte Betreuung zu fördern. Seit 2022 wurden diese Bemühungen deutlich verstärkt, um der Reform zusätzlichen Schub zu geben. Die ukrainische Regierung treibt diese Veränderungen seit Jahren aktiv in allen Regionen voran - auch in Frontgebieten und im Rahmen des Wiederaufbaus - und verknüpft sie mit anderen Politikfeldern, etwa dem EU-Beitrittsprozess.

Was hilft Kindern, nach ihrer Rückkehr wieder in den Alltag zu finden?

Für Kinder, die von ihren Familien getrennt waren, ist es entscheidend, möglichst schnell wieder feste Routinen zu entwickeln. Dazu gehören der Schulbesuch und der Kontakt zu Gleichaltrigen. Viele dieser Kinder waren isoliert - von Freunden, Verwandten und ihren Familien. Deshalb ist es wichtig, ihnen Raum zu geben, um Beziehungen neu aufzubauen. Neben spezialisierter Unterstützung im Kinderschutz geht es vor allem darum, eine stabile Alltagsstruktur zu schaffen, damit die Kinder wirklich wieder in ihrer Gemeinschaft ankommen können.

Mit Toby Fricker sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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