Politik

Boxer und Bürgermeister Im Krieg hat sich Klitschko Respekt erarbeitet

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Als Politiker dürfte Klitschko nach dem Krieg für Überraschungen gut bleiben.

(Foto: IMAGO/Ukrinform)

Die politische Karriere von Vitali Klitschko verlief alles andere als gradlinig. Bis heute wird er in Kiew auch kritisch gesehen. Für seine Präsenz und seinen Mut erhält der Bürgermeister dennoch viel Respekt. Vor allem freuen die Kiewer sich über den Optimismus, den Klitschko verbreitet.

Für die Ukraine ist Vitali Klitschko nicht nur ein Promi wie in Deutschland, wo jeder den Bürgermeister von Kiew und seinen jüngeren Bruder Wladimir als ehemalige Boxweltmeister kennt. Gerade das gilt in ihrer Heimat als größter Verdienst der Klitschko-Brüder: Nicht wenige auf der Welt dürften erst durch deren sportliche Erfolge überhaupt von der Existenz der Ukraine erfahren haben. Neben dem Fußballer Andrij Schewtschenko gehören sie zu den bekanntesten Sportlern, die das Land hervorgebracht hat.

Die politische Karriere von Vitali Klitschko wurde in Deutschland lange eher am Rande wahrgenommen, obwohl er zu den drei Vorsitzenden der im Parlament vertretenen Oppositionsparteien gehörte, die während der Maidan-Revolution 2014 eine prominente Rolle spielten. Die politischen Anfänge der Klitschko-Brüder gehen noch weiter zurück in die Tage der Orangen Revolution 2004, als die beiden den späteren Präsidenten Wiktor Juschtschenko unterstützten und bereits damals auf dem Maidan auftraten.

Schon immer haben sich die Brüder politisch geäußert und sich für die Ukraine einen westlich orientierten Weg gewünscht, obwohl ihr Vater, Generalmajor der Luftfahrt, den größten Teil seines Lebens in der Sowjetarmee gedient hatte. Während sich Wladimir überwiegend auf die Geschäfte der Familie konzentrierte, ging Vitali in die Politik. Sein Start war alles andere als ein Selbstläufer: Auch in diesen Tagen, in denen er medial sehr präsent ist und gerade in ausländischen Medien für mehr Unterstützung für die Ukraine wirbt, wird er zu Hause häufig kritisiert.

Respekt für Präsenz und Mut

So fuhr er angeblich zu früh zu beschossenen Orten in der Hauptstadt, deren Bürgermeister er seit 2014 ist. Der Vorwurf lautete, dass die entsprechenden Veröffentlichungen der russischen Armee hätten helfen können, das Feuer zu korrigieren. Dennoch erhalten beide Klitschkos viel Respekt für ihre aktive Position, ihre Präsenz und ihren Mut, auch wenn der ältere Bruder im Moment gar nicht der Hauptverantwortliche für die ukrainische Hauptstadt ist: Für die Zeit des Krieges ist das nicht der Bürgermeister, sondern der Chef der Kiewer Militärverwaltung. Daher könnte seine Präsenz im Ausland bedeutender wirken als in Kiew selbst. Doch auch Kiewer warten geradezu auf die Neuigkeiten von ihrem Bürgermeister und freuen sich über den Optimismus, den er in diesen düsteren Zeiten verbreitet.

Zweimal kandidierte Vitali Klitschko vergeblich für das Amt, bevor er Bürgermeister wurde. Als ihm das im Frühjahr 2014 gelang, dürfte es sich ein wenig wie eine Niederlage angefühlt haben. Denn zu Beginn der Maidan-Revolution galt Klitschko noch als Favorit im Präsidentschaftsrennen. Im Laufe der damaligen Krise verspielte der Ex-Boxer seine Pole Position, obwohl er sich häufig am Ort des Geschehens zeigte. Er wirkte dort allerdings nicht souverän und trug mit einigen Versprechern zur ukrainischen Politfolklore bei, nicht aber zum Erfolg seiner politischen Ambitionen.

Nach der Flucht des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch nach Russland nahm Klitschko an einem dubiosen Treffen in Wien teil, zu dem auch das spätere Staatsoberhaupt Petro Poroschenko und der umstrittene ukrainische Oligarch Dmitrij Firtasch kamen. Ein Ergebnis dieses Treffens war, dass Klitschko Poroschenko bei der Präsidentschaftswahl unterstützte, während Poroschenko im Gegenzug Klitschko bei der Wahl zum Kiewer Bürgermeister half. Beide gewannen die jeweilige Wahl im ersten Wahlgang.

"Quentin Karantino"

Zwei Mal wurde Klitschko als Kiewer Bürgermeister bestätigt, zum letzten Mal im Herbst 2020 - damals gleich in der ersten Runde. Dennoch gilt seine bereits recht lange Amtszeit als nicht besonders erfolgreich. Kiews Probleme in Sachen ÖPNV bleiben enorm, zumal in diesen fast acht Jahren kein neuer U-Bahnhof eröffnet wurde. Zudem wurde Klitschko vorgeworfen, vor allem im Sinne von Investoren zu handeln. Seine Erfolge hatten zudem eher einen PR-Hintergrund. Dazu zählt etwa der Bau einer touristischen Fußgängerbrücke in der Innenstadt, die kaum einen relevanten Beitrag zur Infrastruktur der Stadt leistet.

Doch während sich Klitschko, den viele seit jeher ein bisschen als Witzfigur ansahen, früher zu ernst inszenierte, hat sich das in den letzten Jahren verändert. Schon seit Beginn der Corona-Pandemie legt der heute 50-Jährige eine gute Dosis Selbstironie an den Tag. So trug er in der Zeit der Lockdowns T-Shirts mit der Aufschrift "Quentin Karantino", zeigte auf Tiktok, wie er sich selbst die Haare schnitt, und brachte sogar ein kleines Bilderbuch mit seinen berühmtesten Versprechern und Sprüchen heraus. "Wer es nicht hört, wird es sehen" heißt das Buch, in dem Zitate wie "Um das kalte Wasser heiß zu machen, muss es erwärmt werden" mit passenden Karikaturen bebildert sind.

Seither wird Klitschko als Politiker deutlich positiver wahrgenommen, obwohl er weit von seinem Traum entfernt ist, doch einmal zum ukrainischen Präsidenten gewählt zu werden. Wer jedoch an ihm zweifelt, tut Klitschko womöglich unrecht. Denn kämpfen kann er auch außerhalb des Rings. Nicht nur ist er im dritten Anlauf Bürgermeister von Kiew geworden. Auch wollte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach seiner Wahl im Frühjahr 2019 den Bürgermeister mehrfach entmachten.

Daraus ist bisher nichts geworden. Dass er für die Zeit der Invasion entmachtet wurde, bedeutet für die Zukunft nicht viel - auch an anderen Orten wurden Bürgermeister und Gouverneure durch Militärs ersetzt. Das Verhältnis zwischen Klitschko und Selenskyj bleibt angespannt. Dennoch: Als Politiker dürfte Klitschko auch nach dem Krieg für Überraschungen gut bleiben.

Quelle: ntv.de

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