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Nach Mord an Atomphysiker Im Nahen Osten rasseln die Säbel

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Das englische Programm des iranischen Staatsfernsehens berichtete über den Mord an dem führenden Atomphysiker, für den der Iran Israel verantwortlich macht.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Iranische Hardliner wollen Vergeltung für den Mord am Atomforscher Fakhrizadeh. Doch Rache birgt auch Risiken: Sie könnte Israel zum Gegenschlag provozieren und die Neuverhandlungen mit den USA über den Atomdeal in Gefahr bringen.

Das Killerkommando schlug am hellichten Tag zu: Einige Attentäter sprangen aus einem geparkten Auto, andere kamen ihnen auf Motorrädern zu Hilfe. Drei Kugeln trafen den führenden iranischen Nuklearforscher Mohsen Fakhrizadeh, der blutend aus dem Wagen zu Boden fiel. Die Ärzte in einem Teheraner Krankenhaus konnten den Wissenschaftler, der als "Vater des iranischen Atomprogramms" gilt, nicht mehr retten.

Wenige Wochen vor dem Ende der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ist die Situation in Nahost angespannt. Mit der Ermordung Fakhrizadehs droht sich der Konflikt zwischen dem Iran und seinen Gegnern zu verschärfen. Die Mullahs machen Israel für seinen Tod verantwortlich. Der 59-Jährige war zuletzt Kopf der Abteilung für Forschung und technologische Erneuerung im iranischen Verteidigungsministerium. Hardliner fordern nun Vergeltung, doch für die könnte der Iran einen hohen Preis zahlen.

"Es ist unwahrscheinlich, dass Teheran kurzfristig militärisch reagiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Ermordung unbeantwortet bleibt", sagt Shlomo Yariv, ehemaliger Berater für Terrorismusbekämpfung des israelischen Verteidigungsministeriums. "Die vielen Sabotageaktionen am iranischen Atomprogramm haben das Image des Regimes beschädigt."

Als Anfang des Jahres der von vielen Landsleuten verehrte Militärführer Ghassem Soleimani durch einen Drohnenangriff der USA ausgeschaltet wurde, griff der Iran US-Stützpunkte im Westirak mit ballistischen Raketen an. Doch die Bedeutung jenes Attentats ist laut Yariv höher einzustufen als die Tötung des Atomphysikers. Auch wenn er Verbindungen zu den Ayatollahs hatte. "Der Iran wird die Hintergründe der Ermordung genauestens untersuchen", sagt der Sicherheitsexperte. "Sie wissen, dass die politische Dimension dieses Attentats etwas ist, auf das auch Israel abzielt: Spannungen vor dem Ende der Trump-Ära zu eskalieren, um den Iran und die USA in einen ernsteren Konflikt zu ziehen. Dieser würde den Weg der Diplomatie für die nächste US-Regierung erschweren."

Israel führt "Krieg zwischen den Kriegen"

In Israel ist man auf iranische Drohungen eingestellt. Auch wurden für jüdische und israelische Einrichtungen im Ausland die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Zwar erachten Geheimdienstkreise einen Krieg als unwahrscheinlich, doch sind die israelischen Streitkräfte (IDF) an der Nordgrenze des Landes auf jedes Szenario vorbereitet. Vor allem auf den Golanhöhen ist Israel aktiv, wo sich der Iran auf der syrischen Seite militärisch zu etablieren versucht, um eine weitere Front gegen den Judenstaat zu eröffnen. Um dies zu verhindern, führt Israel seit über einer Dekade einen "Krieg zwischen den Kriegen". Primäres Ziel ihrer meist verdeckten Militäraktionen ist es, den Iran und seine Stellvertreter durch gezielte Angriffe zu schwächen. Das Gleichgewicht der Abschreckung soll bestehen bleiben.

"Trotz iranischer Drohgebärden verfolgen wir weiter unsere Aufgaben und Ziele", sagt Hauptmann Ronen Eckstein vom Nordkommando. "Wir werden weiterhin entschlossen gegen die militärische Ausbreitung Irans in Syrien vorgehen und sind auf jede Art von Aggression vorbereitet." An der "Blauen Linie", die Israel und Libanon trennt, befinden sich die IDF seit letztem Sommer in höchster Alarmbereitschaft. Nachdem ein israelischer Luftangriff in Syrien ein Hisbollah-Mitglied getötet hatte, ist man auch auf einen möglichen Angriff der vom Iran unterstützten Miliz vorbereitet.

"Teheran weiß, dass jede Aggression gegen uns zu einem Gegenschlag führt", erklärt der Offizier. "Eine Reaktion in Form eines Grenzzaunvorfalls oder sogar ein Raketenabschuss auf IDF-Positionen könnte ihre terroristische Infrastruktur gefährden." Laut IDF-Quellen sucht die Hisbollah derzeit jedoch keinen Krieg und erklärte jüngst, dass die Vergeltung in den Händen Teherans liege.

Libanon steht vor dem Kollaps

Auch wenn die Hisbollah als verlängerter Arm Irans mit seinen 150.000 Raketen jeden Ort in Israel treffen kann, wissen sie um die schwierige Lage im Libanon. Dieser steht aufgrund von wirtschaftlichem und politischem Chaos, Covid-19 sowie den Schäden der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut vor dem Kollaps.

Trotz des Säbelrasselns am Persischen Golf und der Rufe nach Vergeltung ist noch nicht absehbar, inwieweit die Ermordung des Kernphysikers das iranische Atomprogramm beeinträchtigen wird. Die Attentate auf zahlreiche Wissenschaftler und Cyberangriffe auf die Atomanlage in Natanz warf die nuklearen Ambitionen der Mullahs jeweils nur für kurze Zeit zurück. Der Mord an Fakhrizadeh könnte den Iran aber schwerer treffen. Laut dem israelischen Geheimdienst Mossad soll der Physiker für das Projekt "Amad" verantwortlich gewesen sein, ein angeblich aktuelles, verdecktes Forschungsprojekt des Iran, das einen funktionierenden Atomsprengkopf entwickeln sollte.

"Das Attentat konfrontiert Teheran mit den Forderungen der Hardliner, Vergeltungsmaßnahmen durchzuführen, oder der Möglichkeit, einen Neuanfang mit dem designierten US-Präsidenten Joseph Biden zu versuchen", sagte vor Kurzem der Journalist Ron Ben-Yishai im israelischen Fernsehen. Biden hatte angekündigt, das Atomabkommen von 2015 wieder aufzunehmen, aus dem der nun scheidende Präsident Trump 2018 austrat. "Ein iranischer Angriff mit Todesfällen in Israel würde Biden jedoch dazu zwingen, die lähmenden Sanktionen seines Vorgängers gegen Teheran aufrechtzuerhalten", analysierte der Militärexperte.

Auch ein Cyberangriff wäre denkbar

Nach Einschätzung des Kriegsberichterstatters könnte eine Reaktion des Iran über seine weltweit aufgebaute Terrorinfrastruktur erfolgen. Von dieser ausgehend könnte der Gottesstaat israelische und jüdische Institutionen attackieren, ähnlich dem Angriff auf das Gebäude der jüdischen Gemeinde und der israelischen Botschaft in Argentinien in den 1990ern. Auch ein Cyberangriff gegen die Wasserinfrastruktur Israels wäre nach Ben-Yishai denkbar. "Sollte eine iranische Aggression innerhalb des Nahen Ostens erfolgen, dann von einem Stellvertreter Irans aus einem der von ihm kontrollierten Staaten. Denkbar wäre eine ballistische Rakete jemenitischer Houthi-Rebellen auf ein israelisches Schiff im Roten Meer oder auf die Stadt Eilat."

Der Iran wird seine Entscheidungen kalkuliert treffen, insbesondere in den nächsten Wochen, da im Weißen Haus der Wechsel ansteht. "Innerhalb Irans profitieren die Hardliner politisch von dem Mord", sagt Shlomo Yariv. "Jeder Konflikt mit Israel stärkt ihre Argumente gegen Verhandlungen mit seinen Verbündeten im Westen, weil sie diese bis nach den iranischen Wahlen im Sommer hinausschieben können." Trotzdem, so schätzt der Sicherheitsexperte, "kann ein Vergeltungsangriff Teherans, insbesondere wenn er Opfer fordert, der Auslöser dafür sein, dass Trump die iranischen Nuklearstandorte angreift und ihre größeren strategischen Pläne zerstört".

Quelle: ntv.de