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Wo Insulin zur milden Gabe wird Im Schatten des Gesundheitssystems

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Wer in die Malteser Migranten Medizin kommt, braucht dringend Hilfe.

(Foto: Issio Ehrich)

Kostenlose Praxen sind gefragter denn je. Die meisten Patienten stammen aus Osteuropa. Doch auch immer mehr Deutsche können sich den Arztbesuch nicht mehr leisten. Künftig könnten abgewiesene Flüchtlinge hinzukommen.

Mirceas Zahn muss raus. Doch er ist viel zu verrottet. Beim ersten Versuch, ihn zu ziehen, bricht Zahnärztin Wiebke Körber nur einen Brocken ab. Mircea umklammert den Schal, den er in den Händen hält.

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15 Jahre lang war der Rumäne Mircea nicht beim Zahnarzt. Sein verrotteter Zahn ist nicht mehr zu retten.

(Foto: Issio Ehrich)

"Unsere Patienten kommen erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist", sagt Körber. Der Rumäne Mircea, der in Wirklichkeit anders heißt, war seit 15 Jahren nicht beim Zahnarzt.

Erst nach ein paar Minuten kraftvollen Gezerres gelingt es Körber. Sie zieht allerdings nicht nur den Zahn heraus, sondern mit ihm eine abgebrochene Instrumentenspitze, die bei einer dilettantischen früheren Behandlung steckengeblieben ist. Mircea greift nach einem Taschentuch, er wischt sich die Tränen von den Wangen. Schmerz oder Erleichterung? Das ist nicht klar.

"Hier gibt es Sachen, die man in einer normalen Klinik nie zu sehen bekommt", sagt Zahnärztin Körber. Mit "hier" meint sie die Malteser Migranten Medizin in München. Verschleppte Krankheiten, dringender Medikamentenbedarf - zu Körber und ihren Kollegen kommt nur, wer es wirklich nicht mehr aushält. Angst um Scham sind groß. Die Einrichtung bietet Menschen medizinische Hilfe, die sie sich eigentlich nicht leisten können, weil sie nicht versichert sind. Die Nachfrage ist groß und könnte noch größer werden.

Immer mehr Deutsche Patienten

Die Migranten Medizin in München wurde 2006 eröffnet. Sie ist eine von 17 vergleichbaren Einrichtungen der Malteser in Deutschland. Angestoßen hat das Projekt in München eine Studie über die prekäre Lage von illegalen Einwanderern in der Stadt. "Dass Sie uns nicht vergessen …", so der Titel. Die Migranten Medizin sollte zur Anlaufstelle für Menschen in Not werden, die kostenlose und unbürokratische Hilfe brauchen. Das gilt so noch immer. Nur machen illegale Einwanderer mit 5 Prozent nur noch einen Bruchteil der Patienten aus.

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Mit seinen 75 Jahren könnte Hans-Detlef Neumann eigentlich seine Rente genießen. Stattdessen setzt er einmal die Woche alles daran, Menschen zu helfen, die kein Geld für einen Arzt haben.

(Foto: Issio Ehrich)

Auch Mircea, der jetzt eine beachtliche Zahnlücke hat, ist nicht illegal in Deutschland. Auf der Suche nach einem Job hat er die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit genutzt. EU-Ausländer, insbesondere Rumänen und Bulgaren, sind die häufigsten Patienten in der Migranten Medizin. Sie landen immer wieder in prekären Arbeitsverhältnissen. Schon zu Hause hatten sie oft keine Krankenversicherung und auch in Deutschland können oder wollen sie sich nicht leisten. Kontrollen bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern gibt es nicht.

Trotz der vielen EU-Ausländer ist mittlerweile aber auch der Name Migranten Medizin nicht mehr richtig zeitgemäß. Rund 10 Prozent der Patienten sind Deutsche. Darunter sind allzu sparsame oder gescheiterte Selbstständige, Studenten, die aus der Krankenversicherung der Familie herausgefallen sind, und Obdachlose. Eigentlich dürfte es diese Patienten nicht geben. Seit 2006 gilt in der Bundesrepublik Krankenversicherungspflicht. Das Problem ist: Wer nie Teil des Systems war, bekommt nur schwer Zugang. Und wer einmal herausgefallen ist, findet nur schwer zurück. Zwar sind die Krankenkassen gezwungen, Unversicherte aufzunehmen. Doch sie dürfen einen Teil der nicht gezahlten Beiträge zurückverlangen. Da kommen schnell ein paar Tausend Euro zusammen.

Ständig Bittsteller

Im Zimmer neben der Zahnarztpraxis sitzt Petar und schreibt auf, was er braucht: "Novorapid" oder "Lantus". Als der Internist Hans-Detlef Neumann den Mann aus Bulgarien fragt, wie lange er kein Insulin mehr gespritzt habe, antwortet Petar, der eigentlich anders heißt: "Eine Woche, vielleicht zehn Tage." Das ist viel. Neumann testet Blutdruck und Zuckerwerte. Petar berichtet dabei von einer aufwendigen Herz-Operation, die er wegen seiner Diabetes schon gehabt hat. Was tun? "Ich kann Ihnen jetzt ein Mal ein Rezept ausstellen", sagt Neumann. "Aber Sie müssen sich etwas einfallen lassen."

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Neumann muss jedes Mal gründlich abwägen, ob er Medikamente ausgibt. Das Budget der Malteser Migranten Medizin ist begrenzt.

(Foto: Issio Ehrich)

In der Migranten Medizin wird jeder untersucht. Doch Medikamente und Behandlungen sind teuer und das Budget begrenzt. In München bekommen die Malteser Unterstützung von der Landeshauptstadt. Sie müssen aber auch auf Mitgliederbeiträge zurückgreifen. Und auf Spenden. Selbst im Wartezimmer der Migranten Medizin steht eine kleine Dose. Es könnte ja sein, dass einer der Patienten zumindest ein paar Euro für seine Behandlung selbst aufbringen kann.

Ein bisschen Insulin ist noch das geringste Problem. "Ich muss ständig als Bittsteller auftreten", sagt Neumann. Das gilt vor allem, wenn er selbst einem Kranken nicht mehr helfen kann. "Wir können uns bei einigen Patienten nicht ausreichend diagnostisch absichern", erklärt er. Auch die Möglichkeiten der Therapie seien begrenzt. Das medizinische Gerät der Migranten Medizin ist ein Sammelsurium aus ausrangierten Apparaten und Geschenken anderer Praxen. Besonders schwere Fälle muss Neumann ins Krankenhaus oder zu einem Spezialisten schicken. Einige Ärzte und Labore in München übernehmen die Behandlung kostenlos oder zumindest günstiger. Aber nicht alle und nicht bei jeder Behandlung. Im Zweifelsfall müssen die Malteser zahlen.

Wenn Asylbewerber untertauchen

So gesehen können die Ärzte der Migranten Medizin alles gebrauchen – nur nicht noch mehr Patienten. Ein Anstieg der Nachfrage zeichnet sich aber bereits ab.

Wie viele Menschen in Deutschland keine Versicherung haben, weiß niemand genau. Die letzte offizielle Statistik stammt aus dem Jahr 2015. Damals war von 80.000 Versicherungslosen die Rede. Dabei handelte es sich aber ausschließlich um Deutsche. In der Münchener Praxis stieg die Zahl der Behandlungen 2011 das letzte Mal stark an. Damals wurden erstmals auch zahnmedizinische Untersuchungen angeboten. Seither ist sie den Maltesern zufolge mit 1000 Therapien im Jahr "konstant hoch". Ähnliches gilt für die übrigen Einrichtungen der Malteser. Nach einem Hoch 2013 sank die Zahl der Behandlungen erst etwas. Nun liegt sie relativ konstant bei rund 15.000 pro Jahr. Andere Notfallpraxen berichten aber schon von steigender Nachfrage.

Ute Zurmühl von der Organisation Ärzte der Welt, die in München und anderen deutschen Städten vergleichbare Anlaufstellen betreibt, spricht von einer sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. Sie vermutet zudem, dass künftig auch Flüchtlinge die Notfallpraxen aufsuchen könnten. Asylbewerber haben eigentlich einen Anspruch auf eine medizinische Grundversorgung. Zurmühl wendet aber ein, dass die Bundesregierung eine immer härtere Abschiebepraxis forciere. Sie rechnet mit mehr Ausreisepflichtigen, die untertauchen. Medizinische Versorgung können sie dann nur noch bei Notfallpraxen bekommen, weil sie dort nicht ihre Personalien preisgeben müssen. Die Organisation Ärzte der Welt fordert, die finanziellen Hürden für Deutsche ohne Versicherung zu senken und das Gesundheitssystem für Ausländer zugänglicher zu gestalten.

"Menschen ohne Aufenthaltsrecht und Duldung müssen ein auch praktisch durchsetzbares Recht auf Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem und zur medizinischen Regelversorgung haben", sagt auch Gabrielle von Schierstaedt, die Schirmherrin der Malteser Migranten Medizin. "Aus Furcht vor Abschiebung nehmen sie die dafür vorgesehenen Möglichkeiten nämlich nicht in Anspruch, denn die öffentlichen Institutionen sind gesetzlich verpflichtet, sie zu melden."

Auch schon ohne zusätzliche Flüchtlinge scheint die Migranten Medizin in München vor allem aus einem Grund zu funktionieren - wegen des Engagements der Ärzte. In München sind 25 Mediziner im Einsatz - neben Zahnärzten und Internisten auch Kinderärzte und Gynäkologen. Sie arbeiten alle ehrenamtlich. Darauf angesprochen, tun sie so, als ob das völlig selbstverständlich wäre. "Für mich ist das doch auch eine Übung", sagt Wiebke Körber, die Mircea den Zahn gezogen hat. Körber steht mit ihren 26 Jahren noch am Anfang ihres Berufslebens. Der Internist Neumann könnte mit seinen 75 Jahren längst die Rente genießen. "Mir war immer klar, dass ich weitermache, auch wenn es dafür kein Geld gibt", sagt er. "Das gehört sich doch so, wenn man diesen Beruf ergreift."

Quelle: ntv.de