Politik

Großes Theater in London Im Unterhaus herrschen bizarre Bräuche

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Dicht an dicht: die Abgeordneten im Unterhaus.

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Sie johlen, brüllen und klauen silberne Keulen: Im britischen Unterhaus geht es zu wie in einer Schulklasse. Selbst herrische "Order"-Rufe nützen oft nichts mehr.

Selten dürfte das britische Parlament so viel Aufmerksamkeit erfahren haben: Weltweit übertrugen die Nachrichtensender in dieser Woche die Brexit-Debatten, die Abstimmungen und ein Misstrauensvotum. Dabei dürften sich die Zuschauer nicht nur über die lautstarken "Order"-Rufe von Parlamentspräsident John Bercow gewundert haben, sondern auch über die bizarren Rituale der Abgeordneten.

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Tatsächlich herrscht im ältesten Parlament der Welt ein ständiges Geraune und Gestöhne, "Yeah"- und Buhrufe bilden ein konstantes Hintergrundgeräusch. Immer wieder staucht Bercow, der mehr einem Marktschreier gleicht, die unfolgsamen Abgeordneten zusammen. Auf der Website des Parlaments selbst heißt es, der Debattenstil sei "lebendig" und "dynamisch".

Allerdings gibt es durchaus klare Regeln. So sind Klatschen und Zwischenrufe verboten, ebenso Beleidigungen wie "Winzling", "Lump" und "Lügner". Dafür können die Abgeordneten mit einem "Aye" und "No" oder einem "Hear, hear" ihre Meinung kundtun. Mit Ausnahme des Parlamentssprechers dürfen die Redner niemanden direkt ansprechen, weshalb sie in ihren Reden dann nur vom "ehrwürdigen Abgeordneten" reden.

Dabei herrscht im Unterhaus ein erstaunliches Gedränge. So quetschen sich die Abgeordneten - unter ihnen auch Premierministerin Theresa May und ihre Minister - Schulter an Schulter auf den langen grünen Bänken, ihre Taschen oder Unterlagen auf dem Schoß. Wer einen Sitzplatz ergattert, hat noch Glück. Schließlich gibt es nur für 427 der 650 Abgeordneten Sitze. Die anderen müssen sich in der Nähe des Eingangs tummeln.

Ein wogendes Auf und Ab

Wer sprechen will, muss aufstehen und kann dann vielleicht vom Speaker aufgerufen werden. Dieser erteilt abwechselnd Mitgliedern der Regierung und der Opposition das Wort. Da in der Regel viel mehr Abgeordnete reden wollen, als tatsächlich dürfen, herrscht im Parlament ein stetig wogendes Auf und Ab. Die meisten Redner sprechen dabei direkt von ihren Plätzen in dem engen rechteckigen Saal, der an die 1834 zerstörte Sankt-Stephans-Kapelle erinnert, wo früher das Parlament tagte.

Manche, wie Theresa May oder Labour-Chef Jeremy Corbyn, dürfen sich allerdings auch an ein großes, mit alten Büchern beladenes Pult in der Mitte des Saales stellen, an die sogenannte Depeschenkiste. Wenn die "Buhs" und "Yeahs" während ihrer Reden zu laut werden, können sie sich dann schnell wieder auf ihren Platz setzen und abwarten, bis der Speaker die Abgeordneten wie eine Schulklasse zusammengestaucht hat. Besonders May ist inzwischen ganz routiniert in der stoischen Kunst des Redens, Hinsetzens, Wartens und Weiterredens.

Da es auch früher schon im Parlament lebhaft zuging, durchziehen den Sitzungssaal vor den zwei gegenüberliegenden Bankreihen zwei rote Linien. Diese "Bianca-Lines" haben einen Abstand von zwei Degenlängen, die Abgeordneten dürfen sie während einer Sitzung nicht übertreten. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass es im Parlament zum Äußersten kommt, schließlich durften die Abgeordneten früher noch mit ihren Waffen ins Parlament kommen.

Abgeordneter läuft mit Zeremonienstab davon

Dies ist heute nicht mehr der Fall, und in Zeiten des Brexits bleiben Handgreiflichkeiten aus, dafür gibt es allerdings andere turbulente Regelübertritte. So kann das Parlament nur tagen, wenn in der Mitte der Kammer der königliche Zeremonienstab liegt. Dieser ist eine Art silberne Keule, die ein sogenannter Sergeant at Arms vor jeder Sitzung in einer feierlichen Prozession auf seinen Platz legt. Abgeordnete dürfen den mehr als 450 Jahre alten Stab nicht berühren. Aus Protest gegen May, die Mitte Dezember kurzfristig die Abstimmung über den Brexit-Deal verschoben hatte, ergriff ihn damals allerdings ein Labour-Abgeordneter und lief mit ihm zum Ausgang des Saals. Bercow brüllte "Order", andere riefen "Disgrace", dann stoppte eine Saaldienerin den rebellischen Abgeordneten, der daraufhin von der Sitzung ausgeschlossen wurde.

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Die Abstimmungen sind ebenfalls eine lärmende Angelegenheit, bei denen es zugeht wie auf dem Schulhof. Eingeläutet werden sie durch eine Glocke, die bis zu 30 Minuten ertönt und nicht nur im Parlament, sondern auch in den Pubs der Umgebung zu hören ist. Vielfach äußern sich die Abgeordneten mündlich durch "Yea"- oder "Nay"-Rufe, und der Parlamentspräsident stellt dann anhand der Lautstärke die Mehrheiten fest. Wenn mehrere Abgeordnete das Ergebnis anzweifeln oder es sich um wichtige Abstimmungen handelt, gibt es allerdings einen so genannten Hammelsprung. Dann gehen die Abgeordneten, die der Vorlage zustimmen, durch den Ausgang rechts vom Parlamentspräsidenten in einen Vorraum, ansonsten nach links, wo sie gezählt werden.

Auch Ende Januar wird es wieder so sein. Dann stimmen die Abgeordneten über Mays Plan B zum Brexit ab. Und nicht nur viele Briten werden dann gebannt verfolgen, wer sich am Ende in diesem Theater durchsetzt: die "Ayes" oder die "Nays".

Quelle: n-tv.de

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