Politik

Riesiger Kanal durch Istanbul? Imamoglu fordert Erdogan heraus

imago82937399h.jpg

Erdogans Plan: Ein gigantischer Kanal quer durch Istanbul soll das Marmarameer und das Schwarze Meer verbinden.

(Foto: imago/Westend61)

Der türkische Präsident hat eine Schwäche für gigantische Bauvorhaben. Doch Erdogans Plan, ganz Istanbul mit einem Kanal zu durchziehen, stößt auf erbitterte Gegenwehr. Imamoglu, der neue Bürgermeister von Istanbul, hat die Alleinherrschaft der AKP am Bosporus beendet. Und er will noch viel mehr.

Ein gigantisches Kanal-Projekt in Istanbul gerät zur Machtprobe zwischen dem Istanbuler Oppositionsbürgermeister Ekrem Imamoglu und Präsident Recep Tayyip Erdogan. In einer teilweise landesweit übertragenen, rund eineinhalb Stunden langen Rede verurteilte Imamoglu das Projekt scharf. "Wieso fordern wir sehenden Auges ein Desaster heraus?", fragte er und nannte den Kanalbau einen "Verrat an Istanbul".

Imamoglu warnte davor, dass ein Gutteil der unter- und oberirdischen Wasserressourcen und  Millionen Quadratmeter Wald und Landwirtschaftsflächen vernichtet würden. Acht Millionen Menschen in der schwer erdbebengefährdeten Stadt würden auf einer neu entstehenden "Insel" zwischen Bosporus und dem neuen Kanal eingeklemmt. Außerdem werde der Kanal nicht nur die Regierung, sondern auch die Stadt Milliarden Lira kosten.

Erdogan: Ausschreibungen sollen beginnen

Der Kanal ist ein Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten, der eine Vorliebe für große Bauvorhaben hat. Er würde als künstlicher Seeweg quer durch Istanbul gegraben, um das Marmarameer und das Schwarze Meer zu verbinden. Berichten zufolge wäre der Kanal etwa 45 Kilometer lang. Auch verliefe er parallel zur Bosporus-Meerenge, der er laut Regierung einiges vom internationalen Schiffsverkehr abnehmen soll. Das Argument wollte Imamoglu nicht gelten lassen. Der Verkehr auf dem Bosporus habe sich in den vergangenen zehn Jahren verringert.

Erst vor wenigen Tagen hatte Erdogan angekündigt, dass bald die Ausschreibungen beginnen werden. Am Montag hatte das Ministerium für Umwelt und Städtebau die Umweltverträglichkeitsprüfung abgesegnet. Am selben Tag kündigte Imamoglu ein vor seiner Zeit unterzeichnetes "Zusammenarbeits-Protokoll" zum Kanal.

Das Tauziehen um den Kanal ist mehr als ein Streit um ein großes Bauvorhaben. Es sei zum Proxy-Schlachtfeld geworden für den Machtkampf zwischen Opposition und Regierung, sagen Beobachter - und auch zwischen Erdogan und einem Herausforderer. Vor fast genau sechs Monaten war Imamoglu als weitgehend unbekannter Kandidat der großen Oppositionspartei CHP zum Bürgermeister gewählt worden. Er setzte damit der langen AKP-Herrschaft in der größten Stadt der Türkei ein Ende. Unter Erdogan-Kritikern im In- und Ausland gilt Imamoglu vielen schon als nächster Präsident der Türkei.

Quelle: ntv.de, mau/dpa