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Gesundheitsämter am Limit Immer mehr Kontakte und große Lücken

Auf der Theke in einer Pizzeria liegt ein Zettel zur Besucherregistrierung. Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Teilweise können die Mitarbeiter die Gästelisten nicht entziffern.

(Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild)

Eine Recherche von ntv ergibt: Immer öfter lassen sich die Infektionsketten von Corona-Infizierten nicht mehr komplett zurückverfolgen. Der Grund: teils bewusste Falschangaben oder große Erinnerungslücken.

Sinkt bei den Menschen wirklich die Kooperationsbereitschaft in der Kontaktnachverfolgung? Über unkooperative Corona-Infizierte klagten zuletzt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, als auch die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Laut Reker könne das Kölner Gesundheitsamt in 40 Prozent der Fälle nicht mehr zurückverfolgen, wo sich die Infizierten angesteckt hatten. Der Grund: Bewusste Falschangaben oder ziemlich große Erinnerungslücken.

Eine Umfrage der ntv-Redaktion in allen Gesundheitsämtern in deutschen Corona-Hotspots (Stand: 19.10.) ergab, dass viele Ämter über ähnliche Probleme klagen. Zwar konnte dies nicht immer auf bewusste Falschangaben zurückgeführt werden, jedoch hat aber ganz offenbar die deutlich erhöhte Zahl der Kontakte der Corona-Infizierten zur Folge, dass nicht alle Personen in der Infektionskette ermittelt werden können.

Teils über 40 Prozent nicht zu ermitteln

Von den 46 Gesundheitsämtern, die bis Dienstagnachmittag antworteten, gaben 18 Ämter an, die gleichen oder ähnliche Erfahrungen wie das Gesundheitsamt in Köln gemacht zu haben - überwiegend waren die Probleme allerdings auf Erinnerungslücken bei den Infizierten zurückzuführen. 21 Gesundheitsämter hatten keine oder nur geringe Probleme in der Kontaktnachverfolgung, sieben konnten keine Angaben machen.

Konkrete Angaben der nicht zu ermittelnden Kontakte (in Prozent) von Corona-Infizierten, aufgrund von Falschangaben oder Erinnerungslücken, machten die Ämter der Kreise Düren (46 Prozent), Frankfurt am Main (ca. 40 Prozent), Bonn (ca. 40 Prozent) Offenbach (36 Prozent), Rhein-Kreis Neuss (35 Prozent) und Marburg-Biedenkopf (23 Prozent). Ein Referent für Gesundheit der Stadt Augsburg nannte ntv wiederum ein aktuelles Beispiel von Montag: "Von den gestrigen 106 neuen Covid-19-Fälle in den vergangenen 48 Stunden ist bei 73 Infektionen die Infektionsquelle unbekannt. Also rund 68 Prozent." Demnach fehlt bei 32 Prozent die Quelle.

Auch in Düsseldorf, der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen, habe man "teilweise ähnliche Erfahrungen gemacht wie beispielsweise in Köln." Aus Bonn hieß es, man könne die "Aussage aus Köln bestätigen" und aus Delmenhorst (212 Infizierte je 100.000 Einwohner): "Auch bei uns in Delmenhorst gibt es Menschen, die keine oder keine richtigen Angaben machen." Eine andere Lage beschreibt eine Sprecherin der Stadt Dortmund: "Nach unserer Erfahrung verhalten sich die Dortmunder Bürgerinnen und Bürger sehr verantwortungsvoll. In der Regel stimmen - bis auf Einzelfälle - die Angaben der Kontaktdaten."

Viele Kontakte

Viele Gesundheitsämter klagen über die zunehmend erschwerten Bedingungen in der Kontaktnachverfolgung. Aus dem Kreis Wesel hieß es zum Beispiel: "Durch falsche oder fehlende Telefonnummern, schlecht lesbare oder unvollständige Gästelisten sowie der teilweise schwierigen Erreichbarkeit von Menschen wird die Kontaktnachverfolgung erschwert." Aus Cottbus: "Insgesamt bleibt die Nachverfolgung von Kontakten mit immensem Aufwand verbunden."

Das scheinbar immer ernster werdende Problem: Zu Beginn der Pandemie lagen die Kontakte einer einzelnen infizierten Person oft noch im einstelligen Bereich - mittlerweile ist es eine deutlich erhöhte zweistellige Zahl.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte dazu kürzlich: "Wir müssen die Anzahl der Menschen, die in Kontakt gestanden haben mit einer Infizierten Person reduzieren. Das sind derzeit 15 bis 20 und das ist zu viel, um eine Kontaktnachverfolgung wirklich sicherzustellen."

Feiern bleiben ein Problem

Auch große Feiern oder private Zusammenkünfte mit mehreren Menschen bleiben in der Kontaktnachverfolgung eine immense Herausforderung. Aus dem Gesundheitsamt Berlin-Mitte hieß es: "Es gibt immer mal wieder einzelne große Ereignisse bei denen die Teilnehmer*innen keine Angaben machen (wollen)." Ein Sprecher der Stadt Bonn sagte zu ntv: "Derzeit geht die Mehrzahl der Infektionen auf Ansteckungen im häuslichen Umfeld oder bei privaten Treffen/Feiern zurück."

Und das Gesundheitsamt Cloppenburg (185 Infizierte je 100.000 Einwohner) mahnte: "Es ist jedoch auffällig, dass Personen eher zur Falschaussage neigen, wenn sie sich zum Beispiel bei einer Feier angesteckt haben, die durch eine Verordnung verboten wurde oder wenn sie die Maskenpflicht in einem entscheidenden Moment verletzt haben."

Quelle: ntv.de

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