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Gesundheitsreport 2019 Immer mehr Pfleger werden krank

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Risiko Pflege: Die Fehlzeiten von Alten- und Krankenpflegern sind besorgniserregend.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wer pflegt, wird nicht selten selber krank: Das hat die Untersuchung einer Krankenkasse ergeben. Pflegende reichen mehr Krankheitstage als andere Berufsgruppen ein, sie nehmen mehr Medikamente und sind häufiger psychisch krank – Experten sehen politischen Handlungsbedarf.

Geringe Löhne, hohe körperliche und psychische Belastungen, schlechter Personalschlüssel, Schichtdienst: Viele Pflegende sind überlastet, ausgelaugt und deswegen im Vergleich zu Personen aus anderen Branchen öfter und auch länger krankgeschrieben. Sie sind häufiger psychisch krank, erhalten mehr Medikamente und die körperliche Belastung schädigt zusätzlich ihren Bewegungsapparat. Zu diesem Ergebnis kommt der nun veröffentlichte Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) mit dem Titel "Pflegefall Pflegebranche? So geht’s Deutschlands Pflegekräften." Laut Studie fallen Kranken und Altenpflegekräfte pro Jahr rund 23 Arbeitstage aus gesundheitlichen Gründen aus. Damit melden sich die Pflegekräfte acht Tage länger krank als der bundesdeutsche Durchschnitt aller Beschäftigten.

Was besonders heraussticht: Die Beschäftigten haben vor allem mit psychischen Diagnosen zu kämpfen. Männliches Pflegepersonal fällt wegen seelischer Erkrankungen mit durchschnittlich 4,6 Tagen 2,4 Mal so häufig aus wie die männlichen Berufstätigen insgesamt. Bei den Frauen kommen neben den psychischen Beschwerden auch noch auffällig hohe Fehlzeiten aufgrund von Erkrankungen des Bewegungsapparats durch körperliche Belastungen hinzu. Angesichts der Zahlen sei der Handlungsbedarf akut, sagt Jens Baas, Chef der TK. Denn wenn Pflegekräfte körperlich oder psychisch nicht gesund sind, leidet darunter natürlich die Qualität der Pflege. Dies hat wiederum zur Folge, dass die verbleibenden Kollegen "das häufig ausgleichen müssen und umso stärker belastet sind", sagt Baas.

Auch bei der Verschreibung von Medikamenten liegt das Pflegepersonal weit vor anderen Berufsgruppen. "Neben Medikamenten gegen Bluthochdruck und Magensäureblockern werden Menschen in Pflegeberufen im Vergleich zu den Berufstätigen insgesamt erheblich größere Mengen an Arzneimitteln zur Behandlung des Nervensystems verschrieben – insbesondere Männern", wird in der Studie festgehalten. Für den Gesundheitsreport wertete die Krankenkasse die Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen von rund 5,2 Millionen Versicherten aus. Im vergangenen Jahr waren rund 181.000 Berufstätige in einem Kranken- oder Altenpflegeberuf bei der TK versichert.

Alten - und Krankenpfleger stehen enorm unter Druck

Deutschlandweit sind mehr als 25.000 Fachkraft-Stellen nicht besetzt. Im Schnitt waren 2017 rund 15.000 offene Stellen für Spezialisten in der Pflege alter Menschen gemeldet, in der Krankenpflege waren es 11.000. Einen ganz genauen Überblick gibt es nicht, der deutsche Pflegerat geht gar von mindestens 100.000 fehlenden Pflegern aus. Ein Drittel der Pflegekräfte überlege, aus dem Beruf auszusteigen. Innerhalb der kommenden 15 Jahre erreiche zudem ein Drittel der Pflegenden das Rentenalter. Nötig seien bessere Bezahlung, arbeitnehmerfreundlichere Dienstpläne sowie eine Zielvorgabe für die Weiterentwicklung des Heilberufes Pflege über die nächsten Jahre hinaus. "Deutschland ist im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich in der Pflege besetzt", sagt Irene Maier, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats.

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag unter anderem ein "Sofortprogramm Pflege" mit 8000 neuen Fachkraftstellen und besserer Bezahlung versprochen. Im Juni stellten Arbeitsminister Hubertus Heil, Familienministerin Franziska Giffey und Gesundheitsminister Jens Spahn ein Maßnahmenpaket vor, um die Arbeitsbedingungen in der Branche auf breiter Front zu verbessern. Offen sind allerdings teils noch die konkrete Umsetzung und die Finanzierung weiter steigender Kosten. "Die kleinteiligen Maßnahmen der Großen Koalition in den letzten Jahren bleiben wirkungslos, der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist wie leergefegt", kritisierte die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt die Fachkräftekrise. "Wir fordern ein umfassendes Pflege-Sofortprogramm mit je 25. 000 zusätzlichen Pflegefachkraftstellen für die Alten- und Krankenpflege, um die vakanten Pflegestellen schnellstmöglich zu besetzen und die Personalsituation insgesamt zu entlasten", sagte Göring-Eckardt.

Für Baas von der TK ist die von der Bundesregierung vor einem Jahr gestartete Aktion "Konzentrierte Aktion Pflege" aber zumindest ein "erster Aufschlag" , der Themenfelder eröffnet habe: von der Ausbildung über die Gesundheitsvorsorge bis hin zur Entlohnung in der Pflege. "Wirklich bewerten lässt sich ein Erfolg erst im nächsten Schritt, wenn etwa konkrete gesetzliche Maßnahmen erfolgen". Auch Maier vom Pflegerat reagiert verhalten: Die Politik habe die Brisanz der Lage zwar erkannt, aber "bei der alles entscheidenden Frage: "Wohin wollen wir als Gesellschaft mit den Pflegeberufen“, wäre mehr notwendig gewesen, als es das Ergebnis ausweist."

Quelle: n-tv.de