Politik

Italiens Alte sterben weiter Impfvordrängler treiben Totenzahl nach oben

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Regelkonformes Impfen: Menschen mit Vorerkrankung erhalten in Turin ihre Spritze.

(Foto: picture alliance / ANSA)

Italien impft auf den ersten Blick wie der Rest der EU. Trotzdem steigt die Anzahl der Covid-Toten. Das Land fragt sich: Wie kann das sein? Die Antwort auf diese existenzielle Frage ist so banal wie peinlich.

Italien verimpft die Covid-19-Vakzine in ähnlichem Rhythmus wie die anderen EU-Länder. Überall sinkt seit Anfang Januar die Anzahl der Covid-19-Opfer beständig - nur nicht Italien. Da sank die Opferzahl anfangs ebenfalls, um dann Anfang März wieder anzusteigen. Das finden die Experten seltsam. Natürlich ist auch Italien von einer dritten Welle überrollt worden: Von täglich 8000 Neuinfektionen Anfang des Jahres hat sich diese Zahl mittlerweile verdreifacht.

Doch wenn die Älteren und die Bewohner der Pflegeheime geimpft sind, dürften die Opferzahlen nicht so stark steigen wie die Inzidenzzahlen. Denn jüngere Erkrankte müssten dem Virus besser widerstehen können. Bei den über 80-Jährigen, die vom Coronavirus infiziert werden, stirbt im Mittel jeder Fünfte. Bei den über 90-Jährigen ist es sogar jeder Dritte. Diese Alten müsste man nun aus der Gleichung nehmen können, theoretisch.

Tatsächlich sank die Opferzahl zu Beginn der Impfkampagne im Wochenmittel deutlich: Von 700 Opfern pro Tag noch in der ersten Dezemberwoche auf 270 pro Tag in der ersten Märzwoche. Aber seither steigt dieser schreckliche Wert wieder an: auf über 420 Tote pro Tag im Durchschnitt der letzten Märzwoche. Das ist seltsam. Die Opfer sind noch immer die 80-Jährigen; die älteren Menschen, die eigentlich durch die Impfungen geschützt sein sollten.

Nur ein Viertel der Alten vollgeimpft

Die Erklärung hierfür ist so banal wie traurig, wie ein Blick auf die Impfstatistik zeigt. Unter den 80-Jährigen haben nämlich erst knapp 25 Prozent ein Vollimpfung erhalten. In einigen großen Regionen wie der Lombardei sogar noch weniger. Eigentlich ein Unding. In einer Region, in der mehr als 35.000 Menschen an Covid-19 gestorben sind, werden gerade die am meisten Gefährdeten nicht zuerst geimpft.

In Italien, wo schon fast 110.000 Menschen an Covid-19 gestorben sind, ist nur ein Drittel des gesamten Impfstoffes in der am meisten gefährdeten Altersklasse verimpft worden. Zwei Drittel gingen an andere. Oberste Priorität sollten, so hatten die EU-Gesundheitsminister es vereinbart, neben den über 80-Jährigen, die Mitarbeiter der Krankenhäuser mit direktem Patientenkontakt haben. Also das Personal der Intensivstationen, der Notaufnahmen und die Rettungswagen-Besatzungen. Das sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Italien 750.000 Personen.

Voll geimpft wurden aber 1,5 Millionen als "Angehörige des Gesundheitswesen". Also vom Pförtner über den Buchhalter bis zum Labor-Mediziner, der die Patienten allenfalls als Karteikarte zu sehen bekommt. Gut begründet ist sicherlich, dass 120.000 Polizisten eine Vollimpfung bekamen, genauso wie 500.000 Lehrer. Weniger gut begründet sind in der offiziellen Impfstatistik 500.000 Impfdosen für "sonstiges Personal" und noch besser: 1,4 Millionen für "Andere". Also eine Kategorie, die irgendeine, aber sicher nicht die höchste Priorität hat.

Ungeduldige Richter und Journalisten

Das Klima der Impf-Selbstbedienung in Italien geht soweit, dass die Vereinigung der italienischen Richter und Staatsanwälte Anfang der Woche mit einem Generalstreik drohte, wenn man sie nicht mit absoluter Priorität impfen würde. Der Streik wurde abgeblasen. Zu groß war die Empörung von Angehörigen der über 80-Jährigen, die immer noch auf die Erstimpfung warteten, aber dem jungen Staatsanwalt den Vortritt lassen sollten.

Im peinlichen Wettbewerb der Impfvordrängler mussten Politiker zurücktreten, aber um vordringlich an eine Spritze zu kommen, gaben sich auch bekannte Journalisten als Betreuer ihrer alten Eltern aus - auch wenn die in einer anderen Region lebten.

Regierungschef Mario Draghi drängte den neuen Impfkommissar, General Paolo Figliuolo, dafür zu sorgen, dass beim Impfen die vereinbarte Priorisierung respektiert wird. Denn die hohen Todeszahlen wirken sich auf das Leben aller Menschen im Land aus. Sie sind Teil der mathematischen Formel aus verschieden gewichteten Parametern, die darüber entscheidet, ob eine Region zur Roten Zone wird und in einen strengen "Lockdown" muss. Italien richtet sich keineswegs nur nach den Inzidenzwerten, sondern nach 21 verschiedenen Kriterien. Dazu gehört neben der Inzidenz die Auslastung der Krankenhäuser, der Intensivstationen und nicht zuletzt die Anzahl der Covid-19-Toten.

Nix wie raus aus der "zona rossa"

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Der neue Impfkommissar soll für Ordnung sorgen: General Paolo Figliuolo.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Also hat ganz Italien ein großes Interesse daran, dass die Opferzahl schnell sinkt. Und zwar tatsächlich und nicht durch das Fälschen der Daten. Das hatten mehrere Funktionäre des Gesundheitsministeriums der Region Sizilien getan, um das Abrutschen Siziliens in die "zona rossa" zu vermeiden. Der sizilianische Gesundheitsassessor Ruggero Razza trat deswegen am 30. März zurück. Aber auch andere Regionen stehen unter Verdacht, ihre Meldedaten geschönt zu haben.

Allgemein geduldet wird die Statistik-Kosmetik der Regionen, wenn es um die Anzahl der Intensivbetten mit Beatmungsgeräten geht. Den Zahlen kann man nicht trauen, sagen alle Klinik-Ärzte, die die wirkliche Lage kennen. Vollmundig hatte der vorige Ministerpräsident Giuseppe Conte noch versprochen, die Anzahl der Intensivbetten von 5000 auf 9000 zu erhöhen. Es ist beim Versprechen geblieben. Die Betten gibt es wohl, auch zusätzliche 1500 Beatmungsgeräte, aber kein Personal für sie. Anästhesisten und Intensivpfleger fallen ja nun einmal nicht vom Himmel, sondern müssen in vielen Jahren ausgebildet werden.

Bleibt also nur das Impfen. Der neue Regierungschef Draghi setzt alle Hoffnung darauf, dass die Priorisierungsregeln fortan wirklich eingehalten werden: Ältere und Kranke zuerst.

Quelle: ntv.de

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