Politik

Propaganda-Boomerang von RT In Russland für die Impfung, in Deutschland dagegen

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RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan hält Corona-Skeptiker für dumm, bedient aber ihre medialen Bedürfnisse - zumindest im Ausland.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

In Russland wirbt RT für Corona-Impfungen, in Deutschland tritt der russische Sender als Sprachohr der Covid-Skeptiker auf. Kuriose Folge: Deutsche RT-Beiträge sind unter russischen Impfgegnern ein Hit.

Mit täglich mehr als 40.000 Neuinfektionen und rund 1200 Toten kämpft Russland aktuell gegen seine bisher schwerste Corona-Welle. Dass Russland trotz eigenen Impfstoffs mit etwa 35 Prozent vollständig Geimpften auf eine im internationalen Vergleich extrem niedrige Impfquote kommt, zählt aus staatlicher Sicht zu den wichtigsten Gründen für die beunruhigende Entwicklung. Entsprechend hart äußern sich prominente Journalisten der staatlichen Propaganda-Medien, darunter auch Margarita Simonjan, Chefin des Auslandssenders RT. Nach allen Überzeugungsversuchen müsse man langsam "an den kognitiven Fähigkeiten der Impfgegner zweifeln", schreibt sie auf ihrem Telegram-Kanal. Ein Zitat, über das sich die russischen Covid-Skeptiker massenhaft bei den Behörden beschwerten.

Ein wenig seltsam wirkt der Satz allerdings auch, wenn man bedenkt, dass sich die internationalen RT-Angebote zum Sprachrohr der Corona-Leugner machen. "Während vor allem die deutsche RT-Version aktiv unwissenschaftliche Informationen verbreitet und generell Impfungen skeptisch gegenüberstehen, werden ausländische Veröffentlichungen von RT zu Material, das Impfgegner als Beweise für ihre Thesen benutzen", sagt der Journalist Alexej Kowaljow vom regierungskritischen russischen Exil-Medium Meduza mit Sitz im lettischen Riga. Die russischsprachige RT-Webseite und andere heimische Angebote des Senders fahren dagegen die offizielle Linie des russischen Staates.

Anfang 2020 hatte sich die Führung von RT zwar noch ironisch über die Gefahr des damals neuen Coronavirus geäußert. Doch sowohl die Chefredakteurin Simonjan als auch andere hochrangige Vertreter des Senders haben in sozialen Medien stets alle Regierungsmaßnahmen unterstützt und mitgetragen. Während vor Juni 2021 RT oft die medizinische Behandlung der eigenen Mitarbeiter übernommen hatte, unterstützt der Sender seitdem nur die geimpften Angestellten. "Dies ist das beste Beispiel, um dem eigenen Team zu zeigen, dass die Impfung notwendig ist", sagte Simonjan im Mai. Neben den üblichen Aufrufen zu Impfungen drehte RT zudem Beiträge, bei denen etwa der Chefarzt einer Moskauer Klinik eine virtuelle "Tour" für Impfgegner und Besitzer der gefälschten Impfnachweise angeboten hatte. "Wenn Sie krank werden, finden Sie hier sehr bequeme Betten. Aber Vorsicht, sie dürfen nur auf dem Bauch liegen", hieß es darin.

Helden hier und Helden dort

Während die russischsprachige RT-Version Proteste gegen Corona-Maßnahmen komplett ignoriert, werden solche Ereignisse in anderen Ländern so detailliert wie möglich und oft mit mehrstündigen Livestreams begleitet. "Die Helden des russischsprachigen RT sind die Ärzte eines Moskauer Covid-Krankenhaus, die gegen das Coronarivus kämpften", schreibt Meduza in einer Studie. "Bei der englischsprachigen Version sind es die wegen der Impfverweigerung oder Protesten gegen 'medizinische Experimente' gekündigten Ärzte", erklärt Kowaljow.

Es ist aber ausgerechnet das deutsche RT-Aufgebot, welches die prominenteste Rolle spielt. Abgesehen von der russischsprachigen Webseite, die mit 40 Prozent für die meisten Visits unter allen RT-Seiten sorgt, befindet sich die deutsche Version mit acht Prozent vor allen anderen ausländischen Angeboten. Laut einem Bericht des "Spiegel" vom Februar steigerte sich zudem die Zahl der sogenannten Unique Users bei der deutschen RT-Webseite seit Beginn der Pandemie um 41 Prozent. Doch offenbar gibt es einen für die russische Regierung ungewünschten Effekt. Meduza hat die Inhalte der beliebtesten russischen Telegram-Kanäle und Chats analysiert und mehr als 1000 direkte Links zu fremdsprachigen Webseiten von RT festgestellt. Nicht mitgezählt wurden zahlreiche weitere Verweise auf RT-Seiten ohne Links.

Keine Antwort für den "Agenten"

Mehr als die Hälfte der Links führt auf die deutsche RT-Version. Im September berichtete "RT DE", wie sich das Angebot nennt, unter anderem über die umstrittenen Aussagen von zwei ehemaligen deutschen Pathologen, die in fünf Fällen von einem "sehr wahrscheinlichen" und zwei weiteren Fällen von einem "wahrscheinlichen" Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Tod von Patienten berichteten. Im RT-Artikel werden die Aussagen gleich im Vorspann als "Todesfälle im Zusammenhang mit Impfungen" dargestellt, eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten der Studie fehlt im Text vollkommen. Das Statement der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, die Studie als unwissenschaftlich bezeichnete, wurde erst im November am Ende des Textes hinzugefügt.

Eine Übersetzung des RT-Artikels zirkulierte schnell in den Gruppen der russischen Impfskeptiker. Meduza hat mehrere Dutzende solcher Beiträge auf großen Telegram-Kanälen gefunden, einer davon hat fast 100.000 Follower. Die russische Version von RT berichtete nicht über den angeblichen Zusammenhang von Impfung und Tod. Auch nicht über den französischen Tennisspieler Jeremy Chardy, der sagt, er bereue, dass er sich habe impfen lassen. Die deutsche und die französische RT-Seite berichtete darüber, die russischen Übersetzungen wurden wiederum breit geteilt. Auf der russischen Webseite von RT fehlte von der Nachricht jede Spur.

Auf eine Anfrage von Meduza an RT, wieso sich die Corona-Berichterstattung derart unterscheidet, hieß es von der Pressestelle des Senders lediglich, dass in Zeiten der Epidemie die internen Vorschriften der Redaktion Kontakte mit Medien verbieten würden, die als ausländische Agenten eingestuft seien. Meduza wurde im April 2021 tatsächlich auf die Liste der "ausländischen Agenten" gesetzt, was die Arbeitsmöglichkeiten des Online-Mediums in Russland massiv einschränkt. "Die Pressestellte hat nicht die Antwort verweigert", sagte RT-Chefin Simonjan dazu. "Sie hat nur die Antwort geschickt, die sie für nötig gehalten hat."

Quelle: ntv.de

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