Politik

Covid-19 zerstört die Wirtschaft Iran kann sich den Terror nicht mehr leisten

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Raketen sieht man selten über der Grenze zwischen Israel und dem Gaza-Streifen, seit Corona auch im Nahen Osten wütet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Coronavirus hält den Iran in Schach. So sehr, dass er kaum noch Kapazität hat, um seinen Erzfeind Israel zu bekämpfen. Die Militärmaschinerie lässt sich nicht mehr finanzieren. Den Siedlungen an der Grenze zu Gaza beschert das einen Alltag, den sie kaum noch kannten.

Abstand halten, Hände waschen - diese Regeln, die es in vielen Ländern vor drei Monaten noch nicht gab, gelten auch in Netiv Ha'asara, einer Siedlung in der südlichen Küstenebene Israels. Doch herrschen hier schon seit Langem Vorschriften, die auf ausländische Besucher verstörend wirken: "Wenn die Sirene heult, suchen Sie innerhalb von 15 Sekunden den nächsten Luftschutzbunker auf", lautet eine dieser Regeln. "Schaffen Sie es nicht zum Bunker, so legen Sie sich flach neben eine Mauer", eine andere. "Warten Sie nach einer Explosion zwei Minuten ab, bevor Sie den Schutzort verlassen".

Dass es diese Regeln gibt, und dass sie vielfach zur Anwendung kommen, liegt an dem Zaun, den man in einiger Entfernung von Netiv Ha'asara aus sehen kann. Der Grenzzaun trennt Israel vom Gazastreifen, aber dass Raketen von einem Gebiet ins andere fliegen, verhindert er nicht. Eden Soaretz, 32 Jahre alt und seit ihrer Geburt in Netiv Ha'asara zu Hause, hat durch diesen Umstand schon Nachbarn und Bekannte verloren. Doch seit das Virus im Nahen Osten wütet, ist es ruhig am Himmel über der Grenze. "Corona hat den Mörser ersetzt", sagt sie. "Seit Ausbruch der Pandemie hatten wir in den letzten Monaten kaum Raketenbeschuss oder Mörserfeuer auf unsere Gegend." Die Betriebswirtin arbeitet in der Blumenzucht ihrer Eltern. Der Zaun, die Explosionen, die Angst sind Teil ihres Lebens. Oder muss man sagen, "waren" Teil ihres Lebens?

Chaos im Iran bringt Ruhe am Gazastreifen

Denn was so viele Jahre den Alltag in den israelischen Dörfern an der Grenze nach Gaza bestimmt hat, das ist derzeit kaum feststellbar: der Tötungswille der radikal islamischen Hamas. Der Raketenbeschuss, die nahezu ständige Bedrohung, seit sich Israel im Jahre 2005 aus Gaza zurückgezogen hatte und dort zwei Jahre später die Hamas die Herrschaft übernahm - sie ist quasi zum Erliegen gekommen.

Die plötzliche Ruhe verdanken die israelischen Grenzdörfer dem Chaos in dem Land, ohne dessen Unterstützung die Hamas ganz offensichtlich kaum handlungsfähig ist: dem Iran. Das Mullah-Regime, das in seinem Kampf gegen Israel Terrororganisationen wie die libanesische Hisbollah oder die palästinensische Hamas finanziell und logistisch unterstützt, kämpft schon seit Beginn der Pandemie wie kein zweites Land im Nahen Osten mit der Infektionswelle. Knapp 170.000 Infizierte laut der Statistik der Johns-Hopkins-Universität vom Samstag, davon sind 8200 Menschen bereits gestorben.

Iranische Krankenhäuser sind kaum in der Lage, Schwerkranke zu versorgen. Unter den Toten sind bereits mehrere hochrangige Regierungsbeamte, Geistliche und Militärs. Hidai Zilberman, Sprecher der israelischen Streitkräfte (IDF), sieht den Gegner, für den die Vernichtung Israel zur Staatsdoktrin gehört, stark geschwächt. "Teheran investierte jahrelang Milliarden von Dollar in den Terror-Export, anstatt sich um sein eigenes Volk zu kümmern."

Iran kann sich den Terror nicht mehr leisten

Laut einer Recherche des israelischen Iran-Experten Raz Zimmt vom Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise langfristig dazu führen, dass der Iran die Finanzierung des Terrors in der Region erheblich einschränken muss. Sehr viel stärker noch, als es zuvor schon die Sanktionen der USA bewirkt hatten. "Der Ausbruch des Virus hat der iranischen Industrie einen schweren Schlag versetzt", sagt Zimmt. "Durch die Sanktionen und den Rückgang der Ölpreise, war ihre Wirtschaft bereits auf ein Rekordtief gefallen. Die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie sind besonders schwerwiegend, da sie Sektoren schaden, die von den Sanktionen weniger betroffen waren."

Dass diese gelockert werden könnten, ist nicht in Sicht. Der Iran bat in der Zwischenzeit den Internationalen Währungsfonds um fünf Milliarden US-Dollar als Darlehen. Doch auch damit wären die Mullahs kaum in der Lage, ihre militärischen Aktivitäten, ihren Machtausbau in der Region zu finanzieren. Einige Organisationen in der arabischen Welt leiden unter der Finanzschwäche des Iran. "Schon vor zwei Jahren war der Iran gezwungen, die Unterstützung für die Hisbollah im Libanon zu verringern", so Zimmt.

Die Hisbollah finanziert nun viel über Drogenhandel

Doch die Milizionäre der Hisbollah haben andere Einnahmequellen ausgebaut und finanzieren inzwischen viele Waffen über Drogenhandel. Covid-19 hat ihre Aktivitäten an der Grenze zu Israel nicht gestoppt, jüngst schnitt ein Mitglied der Terrorgruppe den Grenzzaun auf. Israel weicht von seiner roten Linie in Bezug auf den Norden ebenfalls nicht ab. Sein "Krieg zwischen den Kriegen" soll nicht nur verhindern, dass die Hisbollah fortschrittliche Präzisionswaffen erhält, sondern auch, dass sich die iranische Armee in Syrien festsetzt. Durch seine gezielten Angriffe will Israel es den pro-iranischen Milizen unmöglich machen, sich entlang der syrischen Grenze aufzustellen.

Doch zumindest dem Süden Israels bringt Irans Konzentration auf den Kampf gegen Corona eine Art Feuerpause. Trotzdem, "Corona war kein Segen für uns", sagt Soaretz. Für die Bürger von Netiv Ha'asara und den anderen Grenzorten ist die Ruhe am Himmel aber zumindest ein Trost für die wirtschaftliche Not, die das Virus ihnen gebracht hat. Ihre landwirtschaftlichen Produkte können sie kaum noch absetzen, von der Regierung fühlen sie sich im Stich gelassen. "Wenn der Staat uns nicht in dieser Wirtschaftskrise hilft, dann steht die gesamte Gegend kurz vor dem Bankrott".

Zusätzlich sieht sie den schweren Covid-19-Ausbruch in Gaza als eine weitere Bedrohung für die Grenzregion. "Wenn sich die Lage dort weiter zuspitzt, könnte die Hamas das Gefühl bekommen, dass ihr eigenes Regime bedroht sei", so fürchtet sie. Fühlen sich die Machthaber dort schwach, könnten sie wieder beginnen, Israel anzugreifen, um die Lage zu verschleiern. Dann wären in Netiv Ha'asara womöglich bald die Schutzregeln gegen Raketenangriffe wieder wichtiger als jene gegen das Corona-Virus.

Quelle: ntv.de