Faravaz kämpft mit ihrer StimmeSie zeigt den Mullahs den Mittelfinger

Weil sie solo singt, droht der 36-jährigen Faravaz in ihrer Heimat die Hinrichtung. Heute lebt die Sängerin im Berliner Exil und führt von dort einen lautstarken Kampf gegen die Mullahs. Mit ihrer Musik will sie allen eine Stimme geben, die keine haben.
Wer Faravaz in Berlin trifft, begegnet einer Frau, für die das persische Wort "Azadi", zu Deutsch Freiheit, das nackte Überleben bedeutet. Die iranische Sängerin und Frauenrechtsaktivistin ist in ihrer Heimat eine "Muharib" - eine Feindin Gottes. Allein ihr öffentliches Bekenntnis zum Atheismus und ihre regimekritischen Songs bedeuten im Iran das Todesurteil. "Hinrichtung", antwortet sie knapp auf die Frage, was passieren würde, wenn sie heute zurückginge.
Für die meisten Berliner ist ein Nachmittag im Park banal. Für Faravaz, die 2018 nach Deutschland floh, ist es ein Privileg. "Es war das erste Mal, dass ich einfach auf dem Gras liegen konnte", erinnert sie sich an ihre Ankunft vor acht Jahren.
In Teheran sei ihr Körper seit der Pubertät ein "politisches Schlachtfeld" gewesen. Regeln untersagten ihr das Schwimmen im Fluss oder das Spielen auf der Straße. "Ich habe mich nicht entschieden, Feministin zu werden. Ich wurde dazu gezwungen", sagt sie über die drückenden Einschränkungen. Hinzu komme der alltägliche Terror auf den Straßen: die ständige Gefahr, dass Männer ihr im Vorbeigehen an den Körper fassen oder ihr Säure ins Gesicht schütten, nur weil sie Make-up trägt.
Die "Soldaten" im Klassenzimmer
In ihrer Heimat ist schon Faravaz' Stimme ein Verbrechen. Seit der Islamischen Revolution 1979 ist es Frauen im Iran verboten, solo zu singen. Die Begründung: Eine weibliche Stimme allein könne Männer "provozieren". Faravaz weigerte sich zu schweigen, schrieb Songs, nahm sie auf, drehte Musikvideos mit Freunden und lud sie auf Plattformen hoch.
Da sie nicht legal auftreten durfte, gab sie anderen Frauen Gesangsunterricht. "Es war hart, weil ich auf der Bühne stehen wollte, aber ich musste in einem kleinen Klassenraum bleiben", sagt sie. Doch sie sah darin einen strategischen Widerstand: Sie bildete "mehr Soldaten" aus, wie sie es formuliert - immer mehr Sängerinnen, die das System nicht alle zum Schweigen bringen kann.
2016 holte die Realität sie ein. Das Video zu einem Song mit dem übersetzten Titel "Tanz mit mir" wurde ihr zum Verhängnis. "Es war ein Lied darüber, wie wir Freude an kleinen Dingen finden, selbst wenn es schwierig ist", sagt Faravaz. In dem Video singt sie in ihrer Küche, während ihre Familie für sie klatscht und sie sich offenbar vorstellt, auf einer echten Bühne zu stehen. Das Video geht viral und erregt auch international Aufmerksamkeit - doch damit gerät sie endgültig ins Visier der Behörden. Faravaz wird wegen ihres Sologesangs verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Eine Reise endet in einer Flucht
Sie legt Einspruch ein und kommt gegen Kaution frei. Während eines zwölftägigen Festivalbesuchs in Deutschland 2018 erhält sie den entscheidenden Anruf ihres Anwalts: Ihr Einspruch sei abgelehnt worden, sie muss ins Gefängnis. In diesem Moment wird aus der Reise eine Flucht. Faravaz kehrt nicht in den Iran zurück.
In Deutschland hat sich Faravaz' Musik radikal gewandelt. Anfangs fiel es ihr schwer, überhaupt Musik zu machen: "Ich war sauer auf meine Stimme, weil sie so viele Probleme in meinem Leben verursacht hat." Doch sie fand ihren Ton wieder. Waren ihre Lieder im Iran noch weich und jazzig, angepasst an das Ideal der "guten Frau", sind sie heute laut - jetzt provoziert sie bewusst. In ihrem Song "Mullah" rechnet Faravaz mit jedem Mann in Machtpositionen ab, der Frauen kontrollieren will. Sie nutzt eine, wie sie sagt, "kinky" Sprache, um das Regime zu demütigen und die Macht symbolisch in die Hände der Frauen zu legen. In ihren Texten nimmt sie kein Blatt vor den Mund: "Kiss for me mullah, suck my dick mullah, mullah. Lick my face, be my slave, come strip for me mullah." Auch mit ihrem Aussehen setzt sie ein Statement. Sie trägt starkes Make-up und aufwändige Frisuren, kleidet sich freizügig und hält gerne den Mittelfinger in die Kamera.
"Wir haben zwei Feinde"
Während Faravaz sich in Deutschland ein neues Leben aufbaut, spitzt sich die Lage im Iran weiter zu. Sie erinnert sich an die Proteste unter dem Slogan "Jin, Jiyan, Azadi", Frau, Leben, Freiheit, ausgelöst durch den Tod von Jina Mahsa Amini 2022 in Polizeigewahrsam. Frauen verbrannten daraufhin öffentlich ihrer Kopftücher. "Das war demütigend für die Mullahs: Die Frauen haben vor den Augen der ganzen Welt ihre Ideologie angezündet", sagt sie.
Die Proteste werden niedergeschlagen, doch die Wut im Land entlädt sich Ende 2025 erneut: Durch die immer schlimmer werdende wirtschaftliche Krise kommt es zu Massenprotesten, die noch blutiger vom Regime beendet werden. Tausende, vielleicht zehntausende Menschen sterben. Dann beginnen die Angriffe der USA und Israels auf Ziele im Iran. Viele Exil-Iraner haben gejubelt, als der Krieg losging. Faravaz nicht. "Es ist, als hätten wir zwei Feinde", sagt sie. "Von innen unser eigenes Regime, das Menschen wegen Protesten tötet und das Frauen einsperrt, weil sie keinen Hijab tragen - und von außen Angriffe, bei denen wir keine Schutzräume und keine Alarmsirenen haben." Für sie selbst sei der Internet-Blackout, der das Land isoliert, besonders quälend. "Wir wissen nicht, was los ist, nicht, wie viele Menschen getötet wurden, nicht, wie wir helfen können."
"Ich will nur leben"
Obwohl sie aus dem Iran fliehen musste und nicht dorthin zurückkehren kann, solange das Regime an der Macht ist, bezeichnet Faravaz sich als privilegiert. Sie habe wenigstens träumen dürfen. Ihre Familie sei zwar nicht begeistert gewesen - eine Tochter, die laut, sichtbar und politisch ist -, aber sie habe ihr Leben nie bedroht. "Ich hatte Glück, eine Familie zu haben, die nicht versucht hat, mich umzubringen, weil ich das tue, was ich mag", sagt sie nüchtern. Auf die Frage, was sie mit ihrer Kunst erreichen will, antwortet sie sofort: "Ich will nur leben. Ich will als normaler Mensch leben." Und gleichzeitig will sie die Stimme derjenigen sein, die keine haben.
Seit Faravaz in Berlin ihre Stimme wiedergefunden hat, singt sie vor allem auf Englisch. Ihre neue EP "Butterfly" widmet sie der queeren und trans Community - insbesondere jenen Menschen, die in Ländern leben, in denen ihre Identität kriminalisiert wird und zur Gefahr werden kann. "Im Iran lautet die Strafe Hinrichtung, wenn du queer bist", erklärt die Aktivistin. Viele würden zusätzlich von ihren eigenen Familien bedroht. Für sie sei klar: Wer die Freiheit hat, sichtbar zu sein, trägt auch Verantwortung. "Ich will als freie Frau Kunst machen. Und ich will denen, die uns unterdrücken, in jeder erdenklichen Weise die Macht nehmen."