Ärztin versorgt Iraner via Handy"Die Ambulanzen sind wirklich mit Blut gefüllt"
Von Vivian MicksVerletzte im Iran trauen sich nicht mehr in Krankenhäuser - aus Angst vor Milizen. Mit Schussverletzungen und Brüchen verstecken sie sich deshalb zu Hause. Ärzte in Deutschland versuchen, per Telefon und Video zu helfen. Doch das ist riskant.
Wenn Dr. Shabnam Fahimi-Weber ihr Handy in die Hand nimmt, weiß sie nie, was sie erwartet. Manchmal sind es nur ein paar Sekunden, manchmal ein verwackeltes Video, manchmal eine abgehackte Sprachnachricht. Fast immer geht es um Blut, um Schmerzen, um Menschen, die eigentlich ins Krankenhaus müssten - es aber nicht wagen.
"Wir erleben aktuell im Iran, dass die Patienten, die sehr schwere Verletzungen haben, also wirklich quasi tödlich verletzt sind, in die Ambulanzen gehen", sagt Fahimi-Weber im Gespräch mit ntv. "Aber kein anderer Patient traut sich in die Ambulanzen." Denn wer mit einer Schusswunde ins Krankenhaus oder zum Arzt gehe, riskiere, von den Milizen verschleppt zu werden, die das Land terrorisieren.
Was die in Essen praktizierende Ärztin beschreibt, ist eine medizinische Notlage. Seit Wochen berichten Menschenrechtsorganisationen von massiver Repression im Iran: Sicherheitskräfte gehen brutal gegen Demonstrierende vor, Verletzte fürchten Verhaftung, Folter oder verschleppt zu werden, sobald sie staatliche Einrichtungen betreten. Krankenhäuser, eigentlich Schutzräume, sind für viele zu Gefahrenzonen geworden.
Versteckt in Wohnungen, behandelt per Telefon
Die Folge dieser Angst ist eine "perfide Situation", wie Fahimi-Weber sagt. "Die Patienten, die Hilfe brauchen, können nicht in Ambulanzen gehen. Viele dieser Patienten werden dann von den Angehörigen zu Hause versteckt, dort auch privat betreut." Aus Deutschland heraus versucht die HNO-Ärztin zu helfen. Gemeinsam mit anderen Medizinerinnen und Medizinern und dem Netzwerk ParsiMed, von dem Fahimi-Weber Mitinitiatorin ist, gibt sie per Telefon und Video auf Persisch konkrete medizinische Anweisungen. Es geht um Wundversorgung, Blutstillung und Infektionen. Und darum, Medikamente zu organisieren, ohne staatliche Stellen einzuschalten. "Wir versuchen, diesen Patienten oder Angehörigen zu helfen, ihnen Anweisungen zu geben, den Kontakt der im Iran vermittelten Medikamente zu schicken, wo es möglich ist, damit sie nicht in die Hände dieses brutalen Regimes laufen."
Der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen im Iran ist brüchig. "Wir haben eine Zeit lang fast drei Tage gar keinen Kontakt zu ihnen gehabt", sagt Fahimi-Weber. Weder Festnetz noch Mobilfunk funktionierten. Erst vor ein paar Tagen sei wieder ein kurzer Austausch möglich gewesen. In diesen wenigen Minuten sei eine Flut an Informationen gekommen: Berichte aus Ambulanzen, konkrete medizinische Fragen, Bitten um Hilfe. "Das ist selbstverständlich sehr gefährlich. Deshalb läuft das wirklich über einen ganz persönlichen Kanal." Die Gespräche werden absichtlich kurz gehalten, um kein Risiko einzugehen.
Eine der letzten Nachrichten eines unfallchirurgischen Kollegen schildert die Situation in den Krankenhäusern: "Die Ambulanzen sind wirklich mit Blut gefüllt", berichtet Fahimi-Weber. Gleichzeitig stünden die Mediziner unter enormem Druck: Überarbeitung, Angst, moralische Erschöpfung. Einige kämen gar nicht mehr zur Arbeit, "weil sie die Situation nicht ertragen können".
Es fehlt an Blut, an Material, an allem
Besonders dramatisch sei der Mangel an Blutkonserven. Kollegen hätten berichtet, dass "viele Menschen in den Ambulanzen sterben, einfach weil kein Blut da ist". Daraufhin startete das Netzwerk ParsiMed einen Aufruf zur Blutspende - über alle verfügbaren Kanäle im Iran. Auch einfachste medizinische Dinge fehlen: Nahtmaterial, Schmerzmittel, Verbandsstoffe. Ein Teil davon wird über den Schwarzmarkt organisiert. Fahimi-Weber und ihre Mitstreiter stellen Kontakte her, übernehmen Kosten, koordinieren im Hintergrund. Es ist improvisierte Nothilfe, fernab jeder offiziellen Struktur.
Manchmal kommen auch Bilder und Videos von Verletzten, die nicht mehr aufhören zu bluten. "Gestern habe ich einen Patienten übermittelt bekommen mit Schrotflintenverletzungen", so die Ärztin. Verletzungen an Nase, Mund, Augenlidern - ihrem Fachgebiet. "Und da konnten wir auch wirklich ganz klare Anweisungen geben, wie sie damit umgehen sollen."
Fahimi-Weber spricht nicht nur als Ärztin, sondern auch als Teil einer humanitären Organisation. Ihr Wunsch sei klar, sagt sie: "Dass diese Brutalität, diese Gewalt dort aufhört." Sie hofft auf stärkere internationale Zusammenarbeit, etwa mit Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen - nicht nur jetzt, sondern auch für die Zeit danach. Denn sie rechnet mit einem politischen Umbruch. "Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass dieses Regime weggeht." Für diesen Moment wolle man bereit sein, schnell und koordiniert zu helfen.
Gleichzeitig richtet sie einen deutlichen Appell nach Europa. "Wir wünschen natürlich sehr, dass die Europäische Union endlich etwas macht." Die Zahlen, die ihr Netzwerk aus dem Iran erhalte, seien erschütternd: "Aktuell haben wir 12.000 Tote, die iranische Organisationen uns gemeldet haben." Die Zahl der Opfer steige täglich. Bis politische Konsequenzen folgen, bleibt für Fahimi-Weber oft nur das Telefon. Und die Hoffnung, dass die Verbindung hält - lange genug, um vielleicht ein Leben zu retten.
