Wut über Inflation und WährungIranische Sicherheitskräfte töten mindestens sieben Demonstranten

Im Iran begehren die Menschen den fünften Tag infolge gegen den Staatsapparat auf. Steigende Preise und eine schwache Währung belasten das Leben. Der Präsident sucht den Dialog und gesteht offen wirtschaftspolitische Fehler ein. Die Sicherheitskräfte reagieren dagegen mit Härte.
Bei den seit fünf Tagen andauernden Protesten im Iran gegen die angespannte Wirtschaftslage sind mehrere Menschen getötet worden. Das berichten iranische Medien und Menschenrechtsgruppen übereinstimmend. Augenzeugen zufolge rückten in den Metropolen Sicherheitskräfte mit einem massiven Aufgebot ein. Auf dem Land ging die Staatsgewalt mit Härte gegen Demonstrationen vor. Mindestens sieben Menschen kamen bei den Protesten ums Leben. Präsident Massud Peseschkian suchte bei einem Provinzbesuch unterdessen den Dialog.
Die halbamtliche Nachrichtenagentur Fars und die Menschenrechtsgruppe Hengaw melden mindestens zwei Todesfälle in der westiranischen Stadt Lordegan. Hengaw berichtet zudem von einem weiteren Todesfall in der zentralen Provinz Isfahan. Bei einem mutmaßlichen Angriff auf eine Polizeiwache in der Provinz Lorestan seien drei Menschen getötet und 17 verletzt worden. Ein Mann sei außerdem in der Provinz Isfahan erschossen worden, berichten die Aktivisten von Hengaw.
Wie das staatliche Fernsehen meldet, handelt es sich bei einem Toten in der Stadt Kuhdascht in der westiranischen Provinz Lorestan um ein Mitglied der paramilitärischen Basidsch-Miliz. Die Revolutionsgarden beschuldigen Demonstranten, für den Tod des 21-Jährigen verantwortlich zu sein. Die Menschenrechtsgruppe Hengaw sagt dagegen, der Mann sei ein Demonstrant gewesen. Demzufolge haben Sicherheitskräfte ihm aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Die Informationen ließen sich nicht unabhängig verifizieren.
Schwere Ausschreitungen in vielen Provinzen
Die Unruhen hatten am Sonntag mit Protesten von Ladenbesitzern gegen die hohe Inflation und den Verfall der iranischen Währung begonnen. Spontan gingen vor allem Händler in der Hauptstadt Teheran auf die Straße. Inzwischen erfassen die Proteste auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. Studierendenverbände, die bereits frühere Protestwellen mitgetragen hatten, riefen zu Demonstrationen auf. Die Unzufriedenheit im Land wächst seit Jahren, befeuert durch fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Not, Klimakrise und politische Repression.
Aktivisten zufolge zogen auch am Donnerstag wieder Demonstranten auf die Straßen. Schauplatz war demnach Marwdascht in der südlichen Provinz Fars. Die Aktivisten-Nachrichtenagentur HRANA meldete am späten Mittwochabend, dass es in mehreren Städten ein starkes Aufgebot an Sicherheitskräften gebe. Zum Teil sei es zu Festnahmen, Schießereien und Zusammenstößen gekommen.
Schwere Ausschreitungen gab es laut den Aktivisten auch in den Provinzen Fars, Tschahar Mahal und Bachtiari sowie in Kermanschah. In der Stadt Marwdascht strömten Menschenmengen auf die Straßen, begleitet von Hupkonzerten, während paramilitärische Einheiten mit gepanzerten Fahrzeugen und Motorradkolonnen gegen die Demonstrierenden vorgingen. Wie viele Menschen sich in dem Land mit gut 90 Millionen Einwohnern bislang an den Protesten beteiligen, ist unklar.
Präsident gesteht Fehler ein
Die Unruhen treffen die Führung in Teheran in einer kritischen Phase, da die Wirtschaft unter westlichen Sanktionen, einer Inflationsrate von über 40 Prozent und den Folgen von Luftangriffen Israels und der USA im Juni leidet. Präsident Peseschkian warnte bei einem Besuch in der Provinz Tschahar Mahal und Bachtiari vor politischer Spaltung und räumte Fehler seiner Regierung ein. Neben Wirtschaftsreformen kündigte er an, Subventionen für Importeure zu streichen, die bislang von einem staatlich geförderten Wechselkurs profitiert hatten. Er betonte, der Gegenwert solle direkt an die Endverbraucher weitergegeben werden.
Peseschkian will eigenen Angaben zufolge auch den Dialog mit Vertretern von Gewerkschaften und Händlern suchen. Ungewohnt offen erklärte der moderat-konservative Politiker, Staat und Banken hätten Schuld an der hohen Inflation. Sie hätten die "Taschen der benachteiligten Menschen" geleert und deren Kaufkraft geschwächt, soll er iranischen Medien zufolge erklärt haben. "Unser Platz in der Hölle ist, wenn wir die Probleme der Lebensgrundlage der Menschen nicht lösen."