Politik

Jenseits der "gelben Linie"Israel startet neue Bodenoffensive im Libanon

26.05.2026, 19:02 Uhr
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Schwere israelische Angriffe im Süden des Libanons deuten bereits auf eine Ausweitung der Bodenoffensive hin, hieß es aus Sicherheitskreisen. (Foto: REUTERS)

Im Libanon wächst die Sorge vor einer israelischen Besatzung des Südens. Mit den jüngsten Angriffen und Evakuierungsaufforderungen überschreitet Israels Armee gleich zwei Grenzen. Das dürfte auch Auswirkungen auf die Verhandlungen über ein Kriegsende im Iran haben.

Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben mit einer Bodenoffensive nördlich der sogenannten gelben Linie im Süden des Libanons begonnen. Das Militär "operiert gezielt jenseits der ersten Verteidigungslinie, um direkte Bedrohungen für die Bürger des Staates Israel und die israelischen Soldaten" zu beseitigen, so ein Armeevertreter. Konkrete Angaben zu den Standorten der Soldaten machte er nicht.

Zuvor hatten israelische Medien über Aktivitäten der Soldaten nördlich der "gelben Linie" berichtet. Damit meint die israelische Armee die Abgrenzung zu einer Art Pufferzone im Süden des Libanons, die rund zehn Kilometer hinter der Grenze liegt. Innerhalb dieser Zone sind israelische Truppen stationiert, eine Rückkehr der von dort geflohenen Bevölkerung ist untersagt.

Libanesische Sicherheitskreise hatten ebenfalls Anzeichen für eine Ausweitung der Bodenoffensive in Richtung Norden gesehen. Seit einem Aufruf der israelischen Armee zur Evakuierung der Stadt Nabatija habe es mindestens 20 Angriffe gegeben, hieß es.

"Zu ihrer eigenen Sicherheit"

Es war das erste Mal, dass die israelische Armee eine Evakuierungsaufforderung für Nabatija nördlich des Litani-Flusses herausgab. "Zu ihrer eigenen Sicherheit" sollten die Bewohner ihre Häuser räumen und sich in Gegenden "nördlich des Flusses Sahrani" zurückziehen, erklärte der arabischsprachige Armeesprecher Avichay Adraee im Onlinedienst X. Er bezog sich dabei auf einen Fluss im Süden des Libanons, der weiter nördlich fließt als der bisherige israelische Militäreinsatz verläuft.

Die israelische Armee begründete die Aufforderung mit möglicherweise bevorstehenden Angriffen gegen Stellungen der pro-iranischen Hisbollah-Miliz. "Jeder, der sich in der Nähe von Hisbollah-Mitgliedern, ihren Einrichtungen oder ihrem militärischen Gerät aufhält, setzt sein Leben aufs Spiel", hieß es in der Erklärung weiter.

Zwar war Nabatija schon in den vergangenen Wochen immer wieder Ziel israelischer Angriffe. Evakuierungsaufforderungen hatte die israelische Armee jedoch zumeist für Gebiete südlich des Litani-Flusses herausgegeben. Dieser verläuft etwa 30 Kilometer nördlich der israelischen Grenze. Laut einem früheren Abkommen sollten sich die Hisbollah-Terroristen hinter diesen Fluss zurückziehen.

Im Libanon herrscht unterdessen Sorge vor einer erneuten dauerhaften Besatzung des Südens. Israel war 1982 in das Nachbarland einmarschiert und erst 2000 wieder abgezogen. Ohnehin befinden sich Israel und der Libanon formell seit 1948 im Kriegszustand und unterhalten keine diplomatischen Beziehungen.

Libanon meldet mehrere Tote

Bereits am Montagabend wurden bei israelischen Luftangriffen nach libanesischen Angaben mehrere Menschen getötet. Bei Angriffen auf den Ort Maschghara in der Bekaa-Ebene im Südosten des Landes kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums elf Menschen ums Leben. Darunter seien auch zwei minderjährige Mädchen und eine Frau gewesen. Außerdem seien 14 weitere Personen und ein Kind verletzt worden. Die Bergungsarbeiten dauerten weiter an. Die staatliche Nachrichtenagentur NNA hatte zuvor berichtet, dass zwölf Menschen bei dem Angriff getötet wurden.

Die israelische Armee teilte dazu mit, in dem Gebiet habe es mehrere Angriffe auf Infrastruktur der libanesischen Hisbollah-Miliz gegeben, dabei seien auch "Terroristen ausgeschaltet" worden. Insgesamt seien mehr als 100 Hisbollah-Ziele in der Bekaa-Ebene und anderen Orten im Süden des Landes angegriffen worden. Bei den Attacken in der Bekaa-Ebene seien "Terrorinfrastruktur-Stätten" getroffen worden, darunter ein Hisbollah-Waffenlager. Die Hisbollah äußerte sich bislang nicht.

Das libanesische Gesundheitsministerium meldete darüber hinaus, dass ein Sanitäter bei einem Angriff im Südlibanon getötet wurde. Zwei weitere Sanitäter des der Hisbollah nahestehenden Risala-Gesundheitsdienstes seien verletzt worden. Israels Armee teilte mit, die Angelegenheit zu prüfen.

Netanjahu kündigte zuvor Verstärkung der Angriffe an

Am Montagabend hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereits angekündigt, dass die Angriffe auf die Hisbollah verstärkt würden. Zuvor hatten zwei rechtsextreme Minister in Netanjahus Kabinett eine Ausweitung des Militäreinsatzes im Libanon gefordert. "Die Stromversorgung des Libanons muss unterbrochen, der Sahrani muss eingenommen und die intensive Kriegsführung wieder aufgenommen werden", forderte Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir.

Im Libanon wurden seit Anfang März fast 3200 Tote gemeldet. Seit dem 17. April gilt eigentlich eine Feuerpause zwischen Israel und dem Libanon. Israel und die schiitische Hisbollah-Miliz aber haben ihre gegenseitigen Angriffe fortgesetzt. Die Hisbollah, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israels ist, lehnt sowohl die direkten Gespräche zwischen der libanesischen Regierung und Israel als auch die Waffenruhe der beiden Seiten ab.

Beobachter befürchten, dass eine weitere Intensivierung der Kämpfe auch die aktuell laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über ein Kriegsende erschweren könnten. Teheran besteht darauf, dass das angepeilte Rahmenabkommen sowohl den Krieg mit den USA und Israel als auch den Konflikt Israels mit der Hisbollah umfassen müsse.

Quelle: ntv.de, nbr/dpa/AFP/rts

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