Politik

"Wer hat das verkackt?" Italien - vom Modellfall zum Hochrisikogebiet

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Eine Schulklasse wird in Neapel im Freien unterichtet.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Abklingen der ersten Welle mit 35.000 Covid-19-Toten wähnte sich Italien gerettet. Die Pandemie schien überstanden. So schnell wie möglich wollte man zurück ins normale Leben. Doch angesichts rasant steigender Opferzahlen droht jetzt ein neuer Lockdown.

Am 21. Oktober sind in Italien nun wieder 127 Menschen an und mit Covid-19 gestorben. So viele Menschen starben zuletzt am 23. Mai, damals waren es 119. Doch der Mai war anders. Die erste Welle war dabei abzuklingen, die Sterblichkeit sank, die Pandemie schien überstanden. Nun geht es wieder steil nach oben.

"Wie haben wir das bloß hinbekommen, wer hat das verkackt?", fragt sich Francesco, Besitzer des "Er Pozzo der Gelato", eines bekannten Lokals im römischen Viertel Monteverde. Die Angst vor einem neuen Lockdown steht ihm ins Gesicht geschrieben. Fast drei Monate musste Francesco sein Restaurant schließen, die Hälfte seiner Belegschaft ist noch immer in "Cassa integrazione", der Kurzarbeiterkasse, die knapp die Hälfte des Gehaltes weiterzahlt. Entlassen darf Francesco niemanden, das ist in Italien unter Covid-19 noch verboten.

Der massive Lockdown im Frühjahr war die letzte Wahl, weil Italien vom Virus völlig überrascht worden war. Die Warnzeichen hatte keiner verstanden, Italien wurde kalt erwischt. Auch bekannte Forscher wie die Mailänder Leiterin des Laboratoriums für Mikrobiologie, Maria Rita Gismondo, sahen damals keine Gefahr auf Italien zukommen. Gismondo erklärte noch am 23. Februar, dass es "reiner Wahnsinn ist, hier den Notstand auszurufen, das ist doch nur eine etwas schwerere Grippe".

Am 25. Februar wurden die ersten beiden Todesfälle mit dem neuen Virus offiziell gemeldet. Doch Gismondo, wie viele andere Experten, blieb ihrer Überzeugung treu, trotz rasant steigender Infektionen und bald auch Todeszahlen. Wiederholt erklärte die bekannte Professorin die Infektionswelle für abgeklungen. Am 21. März meinte sie gar, eine "genetische Veränderung" erkannt zu haben, im Sinne einer Abschwächung.

Die Zahlen schienen ihr recht zu geben. Der letzte Höhepunkt wurde am 27. März erreicht, als noch 969 Menschen starben. Danach sanken die Todesfallzahlen beständig, bis sie ab Mitte Juli einstellig wurden - nach fast drei Monaten im Lockdown.

Die zweite Welle ist da

Jetzt ist das Virus Sars-CoV-2 aber mit aller Macht zurück. Wie konnte das passieren? Ein Blick auf die Tagesbulletins der nationalen Gesundheitsbehörde Italiens, dem Istituto Superiore di Sanità (ISS), gibt einen ersten, deutlichen Hinweis. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle lag das mittlere Alter eines positiv auf Sars-CoV-2 Getesteten bei 71 Jahren. Am 20. August, so schreibt das ISS-Bulletin, ist das "Durchschnittalter der diagnostizierten Fälle in der Vorwoche auf 30 Jahre abgesunken".

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Desinfektionsmittel auf einem Tisch in einer Schule am Rande von Rom.

(Foto: AP)

Attilio Fontana, Präsident der wieder einmal hauptbetroffenen Region Lombardei, will die Schuldigen ausgemacht haben: die Jugendlichen. "Die Datenanalyse ergibt, dass die meisten Fälle von Ansteckung in der Altersklasse von 20 bis 29 Jahren geschehen. Die Ansteckungen sind offenkundig mit den Freizeitaktivitäten erklärbar", meinte Fontana.

Das niedrige Alter der Corona-Infizierten im August erklärt nach Ansicht des Mailänder Virologie-Professors Fabrizio Pregliasco auch die zuerst sehr niedrige Zahl der Patienten mit Symptomen sowie die zu Anfang der zweiten Welle ebenso niedrige Fallsterblichkeit. "Junge Menschen sterben sehr selten an Covid-19, die Sterblichkeit liegt bei 0,1 Prozent. Erst ab 40 Jahren geht es deutlich aufwärts", so der Experte zu ntv.de. Das mittlere Alter der Positiven beim RT-PCR-Test stieg seit dem Sommer wieder stetig an. Von 30 auf nun 53. Und damit stieg auch die Sterblichkeit.

*Datenschutz

Die Jugend hat also erst einmal den Schwarzen Peter. Wahr ist: Die Plätze und Straßen, auf denen sich Jugendliche in Italien gerne treffen, waren allabendlich voll. Seien es die "Navigli" in Mailand, die "Piazza della Signoria" in Florenz oder der "Campo dei Fiori" in Rom: Man musste sich schon durchdrängeln, um an die Theke einer Bar zu kommen. Das Bild der Sorglosigkeit wurde von allen Medien gezeigt. Und es war ja auch verständlich. Ein ganzer Abiturjahrgang war für drei Monate zu Hause eingeschlossen, die Abschlussprüfungen fanden per Video oder im Schnelldurchgang in einer Stunde in der Schule statt. Die Jugendlichen wollten endlich wieder Freunde treffen, quatschen, ein Bierchen trinken.

Aber nicht nur die jungen Leute haben entspannt, alle haben das getan. "Scurdammoce o passato" war das Motto des ganzen Landes, gut Neapolitanisch für: Vergessen wir die Vergangenheit. Es herrschte eine Stimmung von "das Schlimmste liegt hinter uns". Dies schien begründet: Alle Zahlen deuteten auf Entspannung hin. Man hatte den Eindruck, Roms Regierung entspanne sich genauso wie die Jugend des Landes. Die zunächst als Allheilmittel gepriesene Corona-Warn-App Italiens, "Immuni", wurde regierungsseitig kaum beworben. Ein kompliziertes bürokratisches Meldeverfahren, die Angst, "ausspioniert" zu werden, all das schreckt bis heute viele Nutzer ab.

Berlusconis Leibarzt erklärte das Virus für "klinisch tot"

Das war der goldene Sommer: Vom 12. Juni bis zum 1. August blieb die Zahl der Sars-CoV-2-Neuinfektionen konstant unter 200 pro Tag, wie die Statistik des Gesundheitsministeriums zeigt. Aus heutiger Sicht Traumwerte. In Wirklichkeit aber begann das Virus, sich wieder auszubreiten. Schon am 6. August war die Anzahl der Neuinfektionen wieder auf 400 pro Tag gestiegen, am 23. August gar schon auf 1200.

Doch wer mochte den "heiligen Ferienmonat" der Italiener, den August, mit Hiobsbotschaften versauen? Niemand. Heute wissen wir: Wegen des sehr jungen Alters der Infizierten blieben die vom Gesundheitsministerium vom 9. bis 29. August gemeldeten Verstorbenenzahlen im niedrigen einstelligen Bereich. Noch am 29. August meldete das ISS nur einen einzigen Covid-19-Toten. Bekannte Mediziner wie der Leiter der Intensiv-Therapie am San-Raffaele-Krankenhaus und Leibarzt von Silvio Berlusconi, Alberto Zangrillo, hatten das Virus am Ende der ersten Welle, am 31. Mai, gar für "klinisch tot" erklärt. Daran erinnerte sich jeder Italiener. Streng genommen hatte der Mailänder Intensivmediziner damit nicht einmal unrecht, denn im Medizinersprech hieß das ja nur, dass keine neuen Corona-Patienten mehr eingeliefert wurden.

Die Medien Italiens verbreiteten unisono gerne die frohe Botschaft vom Ende der "Gesundheitsdiktatur", wie sie der Wirtschaftsprofessor Michele Boldrin forsch definiert hatte. Zangrillo, der Prophet des "klinisch toten Virus", wurde Dauergast auf allen Kanälen, nicht nur in den TV-Sendern des Medienmoguls Berlusconi. Auch für Zangrillo hatte sich das Virus "genetisch verändert". Zwar widersprachen viele Virologen dieser Behauptung, aber was durchdrang, war die Stimme des Berlusconi-Arztes.

"Bedauerliche Fehlkommunikation"

Er verbreitete die "gute" Botschaft, der man gerne Glauben schenkte. Wer vor weiterem Unheil, vor einer zweiten Welle warnte, wie der Mikrobiologe Andrea Crisanti und der Virologe Fabrizio Pregliasco, der galt "Unglücksbeschwörer", der Italien durch weitere Lockdowns wirtschaftlich ins Unglück stürzen wolle. Oder, wie der gewöhnliche Vorwurf in den sozialen Medien lautete, als "Panikmacher".

Leute wie Zangrillo wurden zu den Helden der Coronavirus-Verleugner, auch wenn der Mailänder Professor die Existenz des Virus gar nicht abgestritten hatte: Für ihn war es nur vorbei, eine zweite Welle werde es gar nicht geben, prophezeite er. Zangrillo selber hat übrigens seine Aussage vom "klinisch toten" Virus am 9. September in einem Interview mit dem "Corriere della Sera" als "bedauerliche Fehlkommunikation" zurückgenommen. Da war die zweite Welle bereits angelaufen.

Es ginge jedoch fehl, die zweite Welle unvorsichtigen Mikrobiologen und Anästhesisten sowie der Jugend in die Schule zu schieben. Die nackten Zahlen der anschwellenden Neuinfektionen seit Mitte August kamen schließlich direkt von der Regierung. Doch gerade sie blieb seltsam untätig.

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Ministerpräsident Conte wollte einen zweiten Lockdown vermeiden - nun könnte es bald so weit sein.

(Foto: dpa)

Als Grund darf getrost vermutet werden: Einen zweiten Lockdown wollte und konnte die Regierung von Ministerpräsident Giuseppe Conte nicht befehlen. Der erste hatte das Land wirtschaftlich in die Knie gezwungen, um zwölf Prozent stürzt das Nationaleinkommen Italiens 2020 ab, wenn kein zweiter Lockdown kommen sollte.

Die Koalition in Rom stritt stattdessen über Petitessen, etwa darüber, wie man die Abstandsregeln in einer Schulklasse am besten einhalten könne, ob mit Tischen und Stühlen auf Rollen oder mit Nachmittagsunterricht. Aus dem großen Lockdown habe man viel gelernt, nun werde man alles besser machen, erklärte Conte noch im Juni. Corona-Zentren, die alles koordinieren würden, Schnelltests für alle, Nachverfolgung der Infektionsketten, ein öffentlicher Nahverkehr mit viel Platz - all das sollte es geben. Nichts davon geschah. Kontaktpersonen warten tagelang auf den Anruf der "Tracer", im Regelfall steht man sechs Stunden im Drive-In in der Schlange, um einen PCR-Test zu bekommen, ein Drittel, so schätzt der Virologe Pregliasco, wird nie angerufen. Privatkliniken machen die Tests für 70 Euro: Auch dort stehen Menschen stundenlang Schlange. Anstatt Italien auf die zweite Welle vorzubereiten, hat man einfach den Kopf eingezogen und gehofft, das Unwetter ziehe von alleine weiter.

Bei 2300 Intensiv-Patienten kommt ein neuer Lockdown

Erst als die Neuinfektionszahlen zwischen dem 1. und dem 11. Oktober von 2548 auf 11.705 pro Tag hochschnellten, als der exponentielle Anstieg sichtbar wurde, schrillten die Alarmglocken. Nun stellte die Regierung selbstkritisch fest, dass man die im Sturm der Pandemie geplante Erhöhung der Intensivbetten von 5179 um 3553 nicht geleistet hatte.

Heute müssen Italiens Krankenhäuser mit 6458 Intensivbetten auskommen und in Regionen wie Kampanien, praktisch verschont in der ersten Welle im Frühjahr, herrscht nun der größte Notstand. In und um Neapel sind von 506 Intensivbetten schon wieder 91 mit Covid-19-Infizierten belegt.

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Intensivstation in einer Klinik in Rom.

(Foto: AP)

Die Regierung in Rom hat gewartet, bis es nicht mehr anders ging, das ist der Vorwurf, den ihr Präsidenten auch politisch befreundeter Regionen machen. "Ich riegele meine Region ab, wenn es sein muss", sagt der Regierungschef von Kampanien, Vincenzo De Luca. Oberhalb der Grundschulen wurde der Lehrbetrieb auf Video umgeschaltet, auch die Unis bleiben zu, erst einmal bis zum 1. November. Ab 23 Uhr gilt für alle Innenstädte ein allgemeines Ausgangsverbot, dasselbe hat auch die Lombardei angeordnet. Dem Ausgangsverbot schließe sich auch die Region Latium mit der Hauptstadt Rom an, erklärte deren Regionalpräsident Nicola Zingaretti.

Weitere Regionen dürften folgen, angesichts der brutalen Zahlen: Neben den 127 Toten wurden am Mittwoch 15.199 neue Infektionsfälle gemeldet. Die nächsten zwei Wochen werden entscheidend dafür sein, ob ein allgemeiner Lockdown noch verhindern werden kann. Nach einem Beschluss der italienischen Regierung soll er kommen, wenn 2300 Corona-Patienten in den Intensivstationen liegen.

Warn-App war ein Schlag ins Wasser

Die in asiatischen Ländern so erfolgreiche Strategie des Nachverfolgens der Infektionsketten ist Städten wie Mailand schon zusammengebrochen, wie der Direktor des dortigen Gesundheitsamtes (ATS), Vittorio Demicheli, offen zugibt: "Wir schaffen es nicht mehr, alle Kontakte nachzuverfolgen, die Kontaktpersonen in Quarantäne zu bringen. Wir rufen die Menschen, die einen verdächtigen Kontakt hatten oder Symptome zeigen, auf, freiwillig zu Hause zu bleiben." Das italienische Heer der 9000 "Tracer" der Gesundheitsämter ist am und überm Limit, wie Matteo Troncatti, Tracer in Bologna, der Zeitung "Repubblica" sagte: "Wir waren zuerst die 'Helden' der Pandemie, heute behandelt man uns als Nervensägen: Vier von fünf Kontaktpersonen entgehen uns." Die Stimmung hat sich gegen sie gewandt. Noch immer glauben viele von den Tracern angerufene Kontaktpersonen, das Virus nicht ernst nehmen zu müssen.

Es sind die Versäumnisse der Politik, die sich jetzt rächen. An Tracern fehlt es in allen Regionen. Aus Gründen ideologischer Vorbehalte will die Regierung Conte auch die 40 Milliarden Euro aus dem ESM-Fond der EU nicht in Anspruch nehmen - Gelder, die Italien zweckgebunden ins Gesundheitssystem investieren müsste. Ein weiteres Versäumnis ist die italienische Corona-Warn-App "Immuni". Die hat bisher nur geholfen, 13 Positive aufzuspüren. Ein echter Schlag ins Wasser. Zwar haben knapp sieben Millionen Italiener die App heruntergeladen, aber der Download-Boom kam erst in den letzten Tagen. Die Regierung hatte sie einfach nicht beworben, aus Angst vor Kritik in den sozialen Medien, sie nutze die Informationen zur "Gesundheitsspionage".

Auf die Frage des Restaurantbesitzers in Rom, "Wer hat es verkackt?", wird das Urteil wohl nur lauten können: zu viele.

Quelle: ntv.de