Politik

"Meine Zukunft ruiniert" Junge Briten wüten gegen den Brexit

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Die Briten wollen die EU verlassen - viele junge Menschen frustriert das.

(Foto: dpa)

Vor allem ältere Briten stimmten für den Brexit, die Jüngeren für einen Verbleib in der EU. Jetzt äußern die jungen Briten ihren Frust in den sozialen Netzwerken - und schimpfen über die ältere Generation. Andere reagieren typisch britisch - mit Humor.

Die Entscheidung für einen britischen EU-Austritt bestimmt auch die Debatte in den sozialen Netzwerken - vor allem, aber nicht nur in Großbritannien. Während das Brexit-Lager seinen Sieg mit dem Hashtag #IndependenceDay feierte, reagierten jene schockiert auf den Ausgang des Referendums, die für einen Verbleib in der EU gestimmt hatte. Sie nutzen Hashtags wie #ashamedtobebritish (Ich schäme mich, britisch zu sein) oder #WhatHaveWeDone (Was haben wir getan?), um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

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Dabei werden mitunter schwarzhumorig die Folgen des Brexit aufgezeigt. So stellt ein Nutzer bei Twitter etwa die Vielfalt europäischer Spezialitäten - Bier, Wein, Wurst und Südfrüchte - einer typisch britischen Konservendose Baked Beans gegenüber. Andere Nutzer teilen Bilder von Brexit-Befürworter Boris Johnson in peinlichen Posen.

Auf einer viel geteilten Karikatur ist ein frei schwimmendes Großbritannien in einem großen Ozean zu sehen, darauf ein Banner mit der Aufschrift "Endlich frei". Eine Person fragt jedoch: "Wen werden wir nun für unsere Probleme verantwortlich machen?" Manch ein Nutzer kündigte seinen Umzug nach Schottland an, wo die EU-Befürworter eine große Mehrheit haben. Andere reagierten mit den Hashtags aber auch auf erste Auswirkungen wie die Verwerfungen an den Börsen und den Absturz des Pfund.

"Nicht in unserem Namen"

Unter dem Hashtag #NotInOurName (Nicht in unserem Namen) zeigen derweil vor allem jüngere Britinnen und Briten ihre Wut über den Ausgang der Abstimmung. Gefrustet reagieren dabei auch jene Jugendlichen, die noch nicht abstimmen durften und nun ihre Zukunft gefährdet sehen. "Habe heute keinen einzigen jungen Menschen getroffen, der den Brexit unterstützt hätte. Unsere Zukunft hätte unsere Entscheidung sein müssen", schrieb eine Twitter-Nutzerin.

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Eine andere twitterte: "Vielen Dank an die ältere Generation, die meine Zukunft ruiniert hat." Angehängt war eine Statistik, die seit dem Morgen im Internet vielfach geteilt wird: Sie zeigt, dass vor allem ältere Wähler für einen britischen EU-Austritt votierten, während jüngere Wähler überwiegend für einen Verbleib in der Union stimmten.

Selbst Fußballlegende Gary Lineker äußerte sich zu dem Thema: "Ich schäme mich für meine Generation", schrieb er bei Twitter. "Wir haben unsere Kinder und deren Kinder im Stich gelassen", hieß es weiter. Schauspieler Sam Neill schrieb: "Jetzt müssen jüngere Generationen mit diesem Disaster leben." Das Ergebnis trage die Spuren falscher Zähne. Andere setzten auch hier auf Sarkasmus: "Statistisch sind schon 950 der Brexit-Befürworter gestorben", schrieb ein Nutzer. Ein anderer meinte: "Juchuhhh. Wir sind alle bald tot und es ist die nächste Generation, die leiden wird. Habt einen tollen Tag :)".

Zehntausende Londoner forderten derweil den Verbleib ihrer Stadt in der EU. Fast 50.000 Menschen unterzeichneten eine Petition, nach der Bürgermeister Sadiq Kahn die Stadt für unabhängig erklären und ihren EU-Beitritt beantragen sollte. 60 Prozent der Londoner hatten für einen Verbleib in der EU gestimmt. Auf Twitter kursierte zudem eine Bildkombi mit dem Hashtag #ScotLond, die augenscheinlich eine idyllische schottische Landschaft und die Sykline Londons zeigte - überlagert von den Sternen der europäischen Flagge. "Ich habe schnell ein neues Logo für unser neues Land gestaltet", schrieb Nutzer Michael Shaw. Schotten und Bewohner der britischen Hauptstadt hatten mehrheitlich gegen den Austritt aus der EU gestimmt. "Nehmt uns mit!", schrieb eine Nutzerin aus Gibraltar dazu.

Zweites Referendum gefordert

Zahlreiche Briten forderten nach dem knappen Sieg der Brexit-Befürworter sogar eine zweite Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft. Mehr als 115.000 Menschen unterzeichneten bis zum frühen Nachmittag eine entsprechende offizielle Onlinepetition. Das Parlament werde das Anliegen für eine Debatte in Betracht ziehen, hieß es auf der Webseite, nachdem die Marke von 100.000 Unterzeichnern erreicht worden war.

Zudem soll die Regierung auf die Petition antworten - dafür waren 10.000 Unterstützer notwendig. Die Unterzeichner fordern ein zweites Referendum, wenn bei einer Wahlbeteiligung von bis zu 75 Prozent keine Seite mindestens 60 Prozent der Stimmen erreicht. Im Referendum am Donnerstag sprachen sich 52 Prozent der Wähler für einen Brexit aus - die Wahlbeteiligung lag bei 72 Prozent.

Die Petition war bereits Ende Mai gestartet worden, fand nach der Entscheidung für einen Brexit aber schnell Zehntausende neue Unterstützer. Zeitweise war die Seite der Petition nicht erreichbar, vermutlich weil zu viele Nutzer darauf zugriffen. Der britische "Independent" schrieb allerdings, dass ein zweites Referendum "fast sicher" abgelehnt werden würde.

Quelle: n-tv.de, mli/dpa

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