Politik

Radikalisierte Separatisten Junge Katalanen drohen mit Tsunami

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Viele junge Katalanen wollen sich nicht mehr aufhalten lassen.

(Foto: dpa)

Die Radikalisierung der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung erhält durch die Haftstrafen gegen die führenden Köpfe neuen Nährboden. Der Staat ermittelt bereits gegen terroristische Strömungen.

Eine neue, jüngere Garde drängt an die Spitze der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Sie zeigt noch keine Namen und keine Gesichter. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Sie operiert über soziale Medien unter dem Namen Demokratischer Tsunami und erreicht mehrere Hunderttausend Befürworter der Unabhängigkeitsidee. Wenn ihr Name Programm wird, droht Katalonien und vielleicht auch dem Rest des Landes womöglich eine extrem unruhige Zukunft. Denn die Urgewalt eines Tsunamis wird lange nicht wahrgenommen, weil sie unter der Oberfläche gärt. Seine monströse Kraft jedoch schlägt unaufhaltsam zerstörerische Schneisen durch Land und Leute und hinterlässt zahlreiche Opfer.

Tsunamis sind Naturkatastrophen. Der Demokratische Tsunami ist dagegen von Menschenhand gemacht. Es ließe sich nun darüber streiten, ob er mit einer anderen Politik hätte verhindert werden können, oder ob er schlicht und ergreifend das Resultat einer Entfremdung ist, die auch mit mehr Zugeständnissen an die Katalanen durch Madrid unumgänglich gewesen wäre. Sicher scheint, dass die Bewegung die Antwort auf die langen Haftstrafen gegen neun ehemalige katalanische Politiker und Aktivisten ist, die sich mit teils demokratisch legitimierten, aber teils eben auch mit illegalen Mitteln für die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien eingesetzt haben.

Ein Gericht wies in der Vorwoche die Guardia Civil an, die Internetseite von Demokratischer Tsunami sperren zu lassen. Der zuständige Richter entschied das aufgrund staatlicher Ermittlungen gegen terroristische Strömungen im Land. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Sicherheitsbehörden in Spanien die Entwicklung von Demokratischer Tsunami mit höchster Aufmerksamkeit beobachten. Denn Spanien hat eine lange Geschichte von separatistischem Terror - die ETA aus dem Baskenland bombte jahrzehntelang Zivilisten und Vertreter des spanischen Staates in die Luft.

Die Zentralregierung in Madrid weiß, dass die Krise in Katalonien durch die Gefängnisstrafen gegen katalanische Parlamentarier und die Köpfe von mächtigen Bürgerinitiativen neues Futter für eine Eskalation erhalten hat. Sozialistenführer Pedro Sanchez, der vor den Neuwahlen am 10. November die Staatsgeschäfte als Premierminister kommissarisch weiterführt, bekam bei seinem Besuch in Barcelona vor wenigen Tagen sehr genau vor Augen geführt, was auch jeden anderen künftigen Regierungschef im Umgang mit der autonomen Region im Nordosten Spaniens erwarten dürfte. In einem Krankenhaus, in dem verletzte Polizisten behandelt wurden, empfing ihn ein Teil der Belegschaft mit Buhrufen und klaren Aufforderungen zum Dialog mit den Separatisten. Der Eindruck, den Sanchez mit zurück nach Madrid nahm: Die Unabhängigkeitsbewegung ist tot, lang lebe die Unabhängigkeitsbewegung.

Kommt ein neues Referendum?

Streitpunkt ist immer noch die grundsätzliche Frage, ob die Katalanen über ihr Schicksal in einem Referendum abstimmen dürfen oder nicht. Das machte Regionalpräsident Quim Torra noch einmal deutlich, der einen bedingungslosen Dialog mit Spaniens Regierung fordert und damit ein legales Referendum nicht kategorisch ausschließt. Vielen Befürwortern geht es vornehmlich genau darum: nämlich die Wahl zu haben. „Vermutlich würden wir ein Referendum sowieso nicht gewinnen, aber hier geht es darum, dass unsere Stimme gehört wird“, sagt Ignasi Martin, Familienvater aus Barcelona, der jahrelang mitgekämpft hat für die Idee eines unabhängigen Kataloniens, immer friedlich, immer im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit. Zwei Jahre nach dem illegalen Referendum von 2017 gesteht Martin ein: „Mit dem Weg, den wir eingeschlagen haben, sind wir gescheitert. Vielleicht war es auch in bisschen naiv zu glauben, wir könnten lächelnd eine Revolution lostreten.“

In seiner Stimme schwingt Ernüchterung mit. Doch die Gewalt der vergangenen Wochen verabscheut Martin. Das sei nicht sein Weg, sagt er. Und auch nicht der Weg vieler anderer, mit denen er in der Vergangenheit Seite an Seite bei den Demonstrationen gelaufen ist. Doch nach den Urteilen von Madrid kristallisiert sich zunehmend heraus, dass ein Teil der Unabhängigkeitsanhänger Gewalt als probates Mittel erkannt haben. „Ich höre viele Stimmen in meinem Umfeld, dass junge Leute ihren Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten sagen, dass es Zeit sei, dass sie alle zur Seite treten mögen. Sie sagen, nun sei ihre Zeit gekommen, und dass sie sich von ihren Eltern nicht mehr aufhalten lassen werden.“

Man mag solche Aussagen als Bereitschaft zum gewalttätigen Widerstand verstehen. Er kann aber auch einfach nur bedeuten, dass die angewandten Mittel verschärft werden, indem regelmäßig Straßen oder Flughäfen blockiert werden. Martin hofft darauf, dass es in Zukunft bei Blockaden bleibt. Er glaubt, dass das Verhalten der Polizei einen entscheidenden Anteil am Grad einer möglichen Eskalation haben wird. Wenn die Polizei sich zurückhält, ist er überzeugt davon, dass es auch keine gewalttätigen Gegenreaktionen geben wird. Und wenn doch? „Dann sitzen die einzigen Leute, denen es jahrelang gelungen ist, Millionen Unabhängigkeitsbefürworter friedlich zu dirigieren, in Haft“, sagt Martin.

Quelle: n-tv.de

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