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Shootingstar der US-Demokraten Junge Latina ist neue Hoffnung der Linken

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"Ich bin eine dieser Frauen, von denen man meint, sie hätte in der Politik nichts verloren", sagt Ocasio-Cortez.

(Foto: REUTERS)

Mit ihrem Triumph über Parteiveteran Joe Crowley in New York hat niemand wirklich gerechnet - nicht mal Alexandria Ocasio-Cortez selbst. Doch nicht zuletzt wegen ihrer linken Agenda avanciert die 28-Jährige zum neuen Shooting-Star der Demokraten.

Weit aufgerissene Augen, die Hände vors Gesicht geschlagen. Als Alexandria Ocasio-Cortez begreift, dass sie in den Vorwahlen zum US-Kongress in New York den langjährigen Mandatsinhaber Joe Crowley ausgestochen hat, steht ihr die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Für einen kurzen Augenblick verschlägt es der dunkelhaarigen Frau mit puertoricanischen Wurzeln die Sprache. Auf die Frage einer Reporterin, wie sie sich jetzt fühle, bekommt die 28-Jährige nur ein knappes "Ich habe keine Worte" heraus. Sie ringt um Fassung. "Ich kann diesen Zahlen gerade nicht glauben. Aber ich weiß, dass sich jede einzelne Person hier für eine bessere Zukunft in der Bronx und Queens den Arsch aufgerissen hat."

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Mit "diesen Zahlen" meint Ocasio-Cortez am Wahlabend des 26. Juni die 58 Prozent der Stimmen, mit denen sie sich in ihrem Wahlbezirk klar gegen ihren innerparteilichen Kontrahenten Crowley durchgesetzt hat. Mit 13 Prozentpunkten Vorsprung deklassiert die junge Frau aus der Bronx einen alteingesessenen Parteiveteranen, der lange als möglicher Nachfolger der umstrittenen Fraktionschefin Nancy Pelosi galt. Im November wird Ocasio-Cortez nun an seiner Stelle bei den Kongresswahlen gegen den Republikaner Anthony Pappas antreten. Da ihr Wahlbezirk traditionell von Demokraten dominiert wird, hat sie beste Chancen, im November ins Repräsentantenhaus einzuziehen. Sie wäre damit die jüngste Frau, die jemals in den US-Kongress gewählt wurde.

Der Enthusiasmus, den Ocasio-Cortez seither in ihrer Partei verbreitet, lässt ein bisschen vergessen, dass es den Demokraten fast zwei Jahre nach der Präsidentschaftswahl noch immer nicht gelungen ist, sich auf einen gemeinsamen Kurs zu einigen. Im Richtungsstreit geht es vor allem darum, ob die Partei weiter nach links rückt und sich damit stärker von den Republikanern abgrenzt oder sich für einen moderateren Kurs entscheidet und auf die Wähler der Mitte fokussiert.

Die noch immer geltende Faustregel besagt: Radikale Kandidaten haben gute Chancen in den parteiinternen Vorwahlen, nicht jedoch in den eigentlichen Wahlen. US-Präsident Donald Trump hat es allerdings geschafft, all diejenigen zu mobilisieren, die sich von der Politik abgehängt fühlten oder schon lange nicht mehr zur Wahl gingen.

Wahlkampf-Video ging viral

Die Midterms

Prognosen für die Kongresswahlen am 6. November, die sogenannten Midterm Elections, sind schwierig. Seit Monaten sagt eine Mehrheit der US-Amerikaner, die Demokraten würden die Wahlen zum Repräsentantenhaus und zum Senat gewinnen. Doch ganz so einfach ist es nicht:

Im Senat stehen 33 der 100 Sitze zur Wahl. In dieser Kammer haben die Demokraten zwar nur zwei Sitze weniger als die Republikaner. Dennoch müssten sie die Wahlen in 27 der 33 Bundesstaaten gewinnen, um die Mehrheit im Senat zu erlangen. Das liegt einfach daran, dass die meisten Senatssitze, die zur Wahl stehen, derzeit von Demokraten eingenommen werden. Wirklich umkämpft sind Umfragen zufolge nur sieben Staaten, darunter drei mit republikanischen Senatoren. Wenn es diesen gelingt, ihre Staaten zu verteidigen, behalten die Republikaner die Mehrheit.

Für die Wahlen zum Repräsentantenhaus sagt das Prognose-Tool des "Economist" derzeit einen Sieg der Republikaner voraus. Allerdings besteht der Vorsprung nur in wenigen Sitzen. Hier beschränkt vor allem der von Republikanern durchgesetzte Zuschnitt der Wahlkreise ("Gerrymandering") die Erfolgschancen der Demokraten.

Der Wahlkampf gegen Crowley war ein Kampf von David gegen Goliath. Noch wenige Wochen vor der Wahl sahen Umfragewerte den 56-jährigen Crowley mit einem Abstand von 30 Prozentpunkten vorn. Auch finanziell war ihr Kontrahent besser aufgestellt. Denn im Gegensatz zu ihm hatte Ocasio-Cortez, die bis vor Kurzem noch Tequila in einer Bar ausgeschenkt hat, keine drei Millionen Dollar für ihre Wahlkampfkampagne zur Verfügung. Mit 600.000 Dollar konnte sie gerade mal einen Bruchteil an Spendengeldern ausgeben. Dass sie als Mitglied der "Democratic Socialists" große Spenden von Konzernen oder reichen Unterstützern kategorisch ablehnt, ist ihr trotzdem nicht zum Verhängnis geworden - denn ihr effektivster Streich kostete nicht einmal 10.000 Dollar.

Mit einem zweiminütigen Video ging Ocasio-Cortez in den sozialen Netzwerken viral. Der Clip zeigt sie in ihrem Apartment, in der U-Bahn, im Gespräch mit einer Schwangeren und dabei, wie sie Kindern Cupcakes verkauft. Aus dem Off richtet sie sich direkt an den Zuschauer: "Ich bin eine dieser Frauen, von denen man meint, sie hätte in der Politik nichts verloren", heißt es darin. Ihre Mutter kommt aus Puerto Rico, ihr Vater wurde in der Bronx geboren. Damit ihre Tochter auf eine bessere Schule gehen konnte, kauften ihre Eltern ein kleines Haus mit zwei Zimmern in den Yorktown Heights, erzählte sie dem "New Yorker". Später studierte sie an der Universität in Boston Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen. Finanzieren konnte sie sich das nur mit der Hilfe von Stipendien und Studienkrediten. In ihrem ersten Semester an der Uni stirbt ihr Vater an Lungenkrebs. Kurz vor seinem Tod verspricht sie ihm, ihn stolz zu machen. "Ich habe das sehr ernst genommen, meine Noten wurden auf einen Schlag besser."

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Trotz ihres jungen Alters ist Ocasio-Cortez nicht unerfahren. Schon während ihres Studiums hat sie für den 2009 verstorbenen demokratischen Senator Ted Kennedy gearbeitet, in den Vorwahlen der Demokraten für die Präsidentschaftskandidatur 2016 unterstützte sie den linken Kandidaten Bernie Sanders.

Agenda orientiert sich stark an Sanders

Dass Ocasio-Cortez schließlich selber den Weg in die Politik gefunden hat, verdankt sie vor allem ihrem Bruder, der ihre Bewerbung an den sogenannten Brand New Congress schickte. Die Organisation von ehemaligen Mitarbeitern von Sanders suchte nach seiner Niederlage neue progressive Köpfe, die in den Vorwahlen gegen alteingesessene Kandidaten antreten. Die Zusage erreichte Ocasio-Cortez im Dezember 2016. Zu dem Zeitpunkt war sie gerade von Standing Rock im Bundesstaat North Dakota auf dem Weg nach Hause. Sie hatte dort gegen den Bau einer Pipeline in einem Sioux-Reservat protestiert.

In den darauffolgenden Wochen bereiteten Mitglieder des Brand New Congress Ocasio-Cortez auf öffentliche Debatten vor und gaben ihr einen Crashkurs in den wichtigsten politischen Themen. Während Crowley sich im Wahlkampf nur selten in der Bronx und Queens blicken ließ, nutzte Ocasio-Cortez jede Gelegenheit. Bis zur Wahl am 26. Juni rief sie gemeinsam mit einem Team aus Freiwilligen insgesamt 170.000 Wähler an, klopfte an 120.000 Türen und verschickte 120.000 SMS.

Die Agenda von Ocasio-Cortez orientiert sich stark an der von Sanders: Sie fordert eine Ausweitung des Sozialprogramms Medicare, der staatlichen Krankenversicherung von Senioren und Behinderten, ein gebührenfreies Studium an öffentlichen Hochschulen, die Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE, staatlich gesicherte Arbeitsplätze  und einen Mindeststundenlohn von 15 Dollar. In Europa würde man ihre Forderungen sozialdemokratisch nennen, auch wenn ihre Rhetorik sehr links klingt. "Ich glaube, wir befinden uns in einer Phase des späten Kapitalismus, in der Menschen 60 oder 80 Stunden die Woche arbeiten und trotzdem ihre Familien nicht ernähren können", sagte Ocasio-Cortez dem "New Yorker". Auch deswegen seien die Leute offen für Veränderungen.

Für Trump belegt der Sieg von Ocasio-Cortez vor allem, dass sich die Demokraten "in Turbulenzen" befinden. Diesen Ausgang habe "niemand kommen sehen", schreibt er auf Twitter. Aber das galt 2016 ja auch für seinen Wahlsieg.

Quelle: n-tv.de

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