Politik

Jahrestage der Befreiung KZ-Gedenkstätten laden russische Offizielle aus

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An der Gedenkstunde für den Buchenwald-Überlebenden Boris Romantschenko am 22. März nahm auch Ministerpräsident Bodo Ramelow teil.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Zur Erinnerung an die Millionen Opfer des Nazi-Terrors wird alljährlich der Befreiung der NS-Lager gedacht. Eingeladen sind jeweils auch Diplomaten aus Russland und Belarus. Nach dem Tod des ukrainischen KZ-Überlebenden Romantschenko soll es dieses Jahr anders laufen.

Inmitten der Vorbereitungen zur Gedenkfeier anlässlich des 77. Jahrestages der Befreiung des KZs Buchenwald traf die traurige Nachricht vom Tod von Boris Romantschenko ein. Der Ukrainer war Vize-Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora. Wie in den Vorjahren stand auch der 96-Jährige auf der Liste der Überlebenden, die zu der Veranstaltung am 10. April eingeladen werden sollten.

Nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine war Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar, schnell klar, dass es für Romantschenko, der in Charkiw lebte, schwierig bis unmöglich sein würde, nach Thüringen zu reisen. "Aber dass ein Überlebender des KZ Buchenwald nicht kommen kann, weil er durch russische Bomben stirbt, konnte ich mir nicht vorstellen", beschrieb Wagner seine Fassungslosigkeit.

Der Historiker diskutierte mit Kolleginnen und Kollegen der anderen Gedenkstätten, wie angemessen auf den Tod Romantschenkos reagiert werden sollte, vor allem mit Blick auf den "Umgang mit offiziellen Vertretern der Regierungen von Russland und Belarus bei den Gedenkveranstaltungen zum 77. Jahrestag der Lagerbefreiungen", wie er berichtete. Ergebnis: "Einige Gedenkstätten haben die diplomatischen Vertreter der beiden Länder bereits explizit ausgeladen", sagte Wagner ntv.de. "Bei den meisten anderen Gedenkstätten zeichnet sich ab, dass sie die offiziellen Vertreter der beiden Staaten nicht willkommen heißen werden."

Russische Botschaft verbreitet absurde Propaganda

Absagen an diplomatische Vertreter von Russland und Belarus richteten sich "nicht gegen die beiden Länder, sondern gegen zwei Regierungen, die einen brutalen Angriffskrieg führen beziehungsweise diesen unterstützen und dabei auch brutal gegen die Opposition im eigenen Land vorgehen".

Zu Romantschenkos Tod kam eine haarsträubende Propaganda-Erklärung "der Veteranen und Kriegskinder des Großen Vaterländischen Krieges an das deutsche Volk und die deutsche Regierung" hinzu, die die russische Botschaft in Berlin verbreitete. Sie strotzt von Verdrehungen und Verleumdungen. In dem Pamphlet werden in aggressiver Sprache Hinweise auf Wehrmachtsverbrechen in der Sowjetunion und die Opfer der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg in realitätsverzerrender Weise mit dem Geschehen in der Ukraine verwoben, gleichgesetzt und in erfundene Zusammenhänge gebracht. Eine besonders absurde Behauptung an die Adresse der Deutschen lautet, es seien "eben eure Bastarde, die endlich ihre Fackelzüge durch Kiew veranstalten konnten".

Wagner verurteilte die Erklärung als unsäglich, betonte allerdings, dass sie für die Antwort auf die Frage, wie mit offiziellen Vertretern Russlands bei den Gedenkveranstaltungen umgegangen werde, keine Bedeutung habe. Die Diskussion sei allein die Folge von Romantschenkos Tod. Wie die Entscheidung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald ausfällt, ob offizielle Vertreter Russlands und Belarus' zu unerwünschten Personen erklärt oder explizit ausgeladen werden, will Wagner am Dienstag auf einer Pressekonferenz bekanntgeben.

42.000 KZ-Überlebende in der Ukraine

"Entscheidend ist, dass deutlich wird, dass es nicht darum geht, die Erinnerung an russische, belarussische und ukrainische Opfer des NS-Terrors auszublenden - ganz im Gegenteil", sagte er auf Anfrage. Bei den Gedenkveranstaltungen in Buchenwald und Mittelbau-Dora würden die Überlebenden aus diesen Ländern, die zusammen etwa ein Drittel aller Häftlinge stellten, eine besondere Rolle spielen. Zudem sollten Vertreterinnen und Vertreter der russischen und ukrainischen Zivilgesellschaft "aktiv eingebunden" werden.

Nach Angabe deutscher Forschungseinrichtungen lebten bis Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 rund 42.000 Überlebende des deutschen NS-Terrors in der Ukraine. Rund 30 Gedenkstätten, Museen, Verbände und Initiativen aus der ganzen Bundesrepublik schlossen sich zu einem Hilfsnetzwerk zusammen, um diese Menschen möglichst zu unterstützen. "Die Gefahr ist für diejenigen, die noch im Land sind, sehr groß", sagte Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin. "Als Kinder und Jugendliche wurden sie von den Nazis verfolgt, jetzt sind sie über 90 Jahre alt und somit dem Krieg schutzlos ausgeliefert."

Einige Überlebende der Nazi-Verfolgung schafften es noch zu fliehen. Aber gerade für Hochbetagte sei das schwer oder nicht mehr möglich. Die daheim bleiben müssten, hätten Schwierigkeiten, bei russischen Angriffen in die Luftschutzkeller zu kommen, erklärte Glauning auf der Webseite der Einrichtung. Sie habe Kontakt zu zwei ehemaligen Zwangsarbeiterinnen, 95 und 96 Jahre alt, die nicht mehr die Kraft hätten, in den Keller zu gehen. "So schlafen sie angezogen und hoffen, dass sie die nächsten Luftangriffe überleben."

Die Wissenschaftlerin verwies zudem auf die seelische Belastung. "Die Situation wird zum Teil als noch bedrohlicher empfunden als während des Zweiten Weltkrieges", sagt Glauning. Eine alte Frau habe mitgeteilt: "Wenn ich nun Sirenen höre, die einen Luftangriff ankündigen, dann ist die Angst noch größer als sie in meiner Jugend war."

Quelle: ntv.de

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