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"Ich war sehr verängstigt" KZ-Wächter: Wusste nichts von Massenmord

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Der heute 94-Jährige war im Alter zwischen 18 und 20 Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof.

(Foto: dpa)

65.000 Häftlinge finden im Konzentrationslager Stutthof den Tod - doch davon will ein nun vor Gericht stehender Wachmann nichts mitbekommen haben. Aus Angst habe er es nicht gewagt, sich aufzulehnen, sagt er. Eine Entschuldigung an die Opfer gibt es nicht.

"Sie nannten mich Bubi. Wohl, weil ich so klein und schmächtig war." Der ehemalige SS-Wachmann, der sich wegen hundertfacher Beihilfe zum Mord vor dem Landgericht Münster verantworten muss, hat am dritten Prozesstag erklärt, warum er in dem Konzentrationslager der Nazis bei Danzig seinen Dienst verrichtet hat. Einer der Gründe: Wegen seiner schmächtigen Statur habe ihn die Wehrmacht als in Rumänien geborener Volksdeutscher nicht an die Front geschickt. Zur SS sei er nicht freiwillig gegangen. "Ich war sehr verängstigt. Es war ein großer Schock, wie die Deutschen mit den Häftlingen umgesprungen sind", ließ der in armen Verhältnissen aufgewachsene, nach eigener Aussage sehr gläubige Sohn von Tagelöhnern dem Gericht mitteilen. 

Im Lager Stutthof selbst hatte er dann nach seiner Schilderung wegen seines knabenhaften Auftritts bei seinen Vorgesetzten gewisse Privilegien. "Ich hatte ein besonderes Verhältnis zum Kompaniechef. Ich vermute, weil der in der Zeit seinen eigenen Sohn verloren hat", ließ der 94-Jährige aus dem Kreis Borken seinen Anwalt vorlesen.

Die Anklage wirft dem Mann vor, als Wachmann in dem Lager für mehrere Hundert Morde zwischen 1942 und 1944 mitverantwortlich gewesen zu sein. Zwar soll er nicht selbst getötet haben, aber durch seinen Dienst das systematische Morden der Nazis ermöglichst haben. Die Anklage spricht dabei von vorsätzlicher Hilfe und geht davon aus, dass der damals zwischen 18 und 20 Jahre alte Mann von den systematischen Tötungen gewusst haben muss. Er ließ nun vor Gericht verlesen: "Mir ist beim Transport aus meiner Heimat zum Dienst schnell klar geworden, dass die deutsche Wehrmacht alles andere als großartig ist. Das Bild, dass uns versucht wurde zu vermitteln, war falsch. Mir fiel es als Christ schwer, Teil des Ganzen zu sein. Ich hatte aber zu große Angst, mich aufzulehnen."

Heute schäme er sich, alles hingenommen zu haben. "Aber ich kann nicht sicher sagen, ob ich aus heutiger Sicht damals den Mut aufgebracht hätte, anders zu handeln", ließ der Angeklagte verlesen. Dabei saß der 94-Jährige wie bereits seit Prozessbeginn im Rollstuhl und wischte sich mehrmals Tränen aus dem Gesicht. Eigenen Aussagen zufolge fühlte er sich schlecht ausgebildet und hatte Angst vor seinem Einsatz in Stutthof. Den Ort hielt er anfangs für ein Strafgefangenenlager für polnische Intellektuelle. "In meiner Erinnerung gab es zunächst keine jüdischen Gefangenen."

"Ich bin kein Nazi"

Nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralen Stelle in Ludwigsburg starben bis Kriegsende 65.000 Menschen in Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen. Mehrere Tausend Insassen wurden dabei von den Nazis noch kurz vor Kriegsende und der Befreiung durch die anrückende Rote Armee schlecht ausgerüstet und körperlich in miserablem Zustand zu kilometerlangen Gewaltmärschen gezwungen. 

Zu diesem Zeitpunkt war der Angeklagte aus dem Kreis Borken im westlichen Münsterland jedoch nicht mehr in Stutthof stationiert. Sein Vorgesetzter hatte ihm - trotz Untauglichkeitsbescheinigung - den Frontbefehl verschafft. "Am Ende ein großes Glück. Ich habe die Front überlebt. Dafür bin ich dankbar", ließ der Angeklagte mitteilen.

Eine Entschuldigung für seine Rolle gegenüber Opfern oder Überlebenden des Konzentrationslagers äußerte er in seiner ersten Stellungnahme nicht. "Wenn ich also Dinge heute hier darstelle, die für mich damals unangenehm oder schwer zu ertragen waren, so weiß ich, dass dies alles im Vergleich zu dem unsagbaren Leid der Lagerinsassen gering war", ließ der ehemalige Wachmann mitteilen. "Die Häftlinge waren in einem grauenvollem Zustand. Ich habe mich geschämt. Mitleid wäre das falsche Wort. Mir fällt es sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Wir war das Schicksal der Häftlinge nicht gleichgültig. Ich hatte große Schwierigkeiten, damit klarzukommen."

Ihm sei aber klar geworden, wie die Nazis mit den Menschen umgingen. Als Staatsfeind angesehen zu werden, habe er daher vermeiden wollen. Dass es sich um ein Tötungssystem gehandelt habe, sei ihm erst viel später klar geworden. "Die Existenz einer Gaskammer war mir nicht bewusst. Das Gebäude mag es gegeben haben. Wir gingen von einer Entlausungskammer aus. Laut Anklage ging die Gaskammer erst im Sommer 1944 in Betrieb. Ich hoffe, dass dies erst nach meinem Weggang im August passiert ist", erklärt der 94-Jährige über seinen Verteidiger. Und zum Schluss: "Ich bin kein Nazi, war nie einer und werde auch in der wenigen Zeit, die mir vielleicht noch zu leben bleibt, nie einer sein."

Quelle: n-tv.de, Carsten Linnhoff, dpa

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