Politik

Kurt Beck über die Amri-Opfer "Kann es noch Schlimmeres geben?"

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Kurt Beck war ganz nah dran an den Schicksalen von Überlebenden und Hinterbliebenen - und auch ihrer Kritik ausgesetzt.

(Foto: picture alliance / Klaus-Dietmar)

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer des Berliner Terroranschlags, Kurt Beck, legt am 13. Dezember seinen Abschlussbericht vor. n-tv.de gewährt er erste Einblicke - auch in sein Gefühlsleben.

n-tv.de: Herr Beck, man muss davon ausgehen, dass Ihnen viel Leid begegnet ist, seit Ihnen die Bundesregierung am 8. März den Posten offiziell anvertraute. Wie war es für Sie? Schlimmer als erwartet?

Kurt Beck: Ich dachte, ich sei auf die Aufgabe gut vorbereitet. Denn als Politiker bin ich immer wieder Menschen begegnet, die mir von ihrem ganz persönlichen Leid berichtet haben, darunter Opfer des Ramstein-Unglücks. Aber die Gespräche mit mehr als 80 der Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten vom Breitscheidplatz sind mir weitaus mehr an die Nieren gegangen, als ich es jemals geahnt hätte. Sinnloses Morden in der Absicht, unsere Gesellschaftsform anzugreifen, ist eine ganz andere Dimension. Jedoch möchte ich hier gleich betonen, dass es nicht um mich geht, sondern um die Opfer und Hinterbliebenen.

Diese Haltung wird sicher jeder nachvollziehen können. Als Bundesbeauftragter sind Sie aber derjenige im Land, der an allen Opfern nah dran ist und seriös Auskunft geben kann. ​Was war das Traurigste, was Sie in den Gesprächen​ erlebt haben?

Ich habe eine junge Frau getroffen, die beide Eltern verloren hat. Da denkt man: Kann es noch Schlimmeres geben? Dann trifft man einen Menschen, Anfang 40, der sein Leben lang schwerstbehindert sein wird, wenn kein Wunder geschieht. Ich könnte weitere Fälle nennen. Für jeden einzelnen Menschen ist es ein schwerer Schlag, ohne dass ich mir anmaßen würde, das eine über das andere Schicksal zu stellen. Einschneidend und traumatisch ist es für alle.

Standen all den Begegnungen mit Leid und Kummer auch positive Erlebnisse gegenüber?

Auf alle Fälle. Ich hatte viel konstruktive Hilfe von Behörden, Wirtschaft, Versicherungen, vom Weißen Ring und dem Roten Kreuz. Alle haben gut zusammengearbeitet. Hervorheben möchte ich auch privates Engagement. Die große Anteilnahme aus der Bevölkerung hat mich überaus beeindruckt. Sie zeigte sich auch finanziell. Ein bekannter Mann aus Wissenschaft und Wirtschaft hat sich gemeinsam mit seiner Ehefrau bereit erklärt, der jungen Frau, die Vater und Mutter bei dem Attentat verloren hat, das Studium komplett zu finanzieren.

Wie gehen die Opfer damit um, dass alle paar Wochen eine neue Panne bei der Beschattung von Anis Amri bekannt wird?

In den seelischen Wunden, die noch nicht verschlossen oder gar vernarbt sind, wird jedes Mal wieder rumgebohrt. Die Frage, warum der Anschlag nicht verhindert wurde, kann man doch absolut verstehen. Die stellt sich jeder, erst recht Opfer und Hinterbliebene. Wo Menschen sind, passieren Fehler. Aber der Versuch, sie auch noch zu vertuschen, ist für alle direkt Betroffenen seelisch sehr verletzend und - wenn überhaupt - schwer zu verkraften.

​In den ersten Wochen nach dem Anschlag gab es viel Kritik zu dem Umstand, dass die Opfer und ihre Angehörigen vom Staat alleingelassen wurden. ​Haben Sie die Wut zu spüren bekommen?

Ja. Es herrscht inzwischen Einigkeit darüber, dass meine Bestellung zweieinhalb Monate nach der Tat zu spät kam. Der Opferbeauftragte des Landes Berlin, Roland Weber, konnte das allein nicht schaffen. Und da gab es verzweifelte Hinterbliebene, die ihre Bitternis bei mir abluden. Das musste ich hinnehmen. Habe ich auch. Ebenso öffentlich erhobene Vorwürfe, ich hätte mir für das eine oder andere Gespräch zu wenig Zeit genommen. Die habe ich unkommentiert im Raum stehen lassen.

Warum?

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Angela Merkel und François Hollande gedachten am 27. Januar der Opfer des Terroranschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz. Opfer und Angehörige beklagen, von Kanzlerin und Staat nicht ausreichend Unterstützung bekommen zu haben.

(Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/)

Ich werde mich davor hüten, vor eine Kamera zu treten, um gegen Menschen zu argumentieren, die in schlimmster Weise psychisch und physisch verletzt worden sind. Das wäre völlig unangemessen. Wer mein Schweigen als Eingeständnis persönlichen Versagens interpretieren möchte, soll es tun. Ich kann nur sagen: Die allermeisten Opfer und Angehörigen haben mir zu verstehen gegeben, dass sie mich als Helfer in schwerer Not anerkennen.

Wie war die Arbeit jenseits menschlicher Schicksale?

Unglaublich anstrengend. Ohne meine Mitarbeiter hätte ich das nicht geschafft, selbst wenn ich es hauptberuflich gemacht hätte. Die Aufgabe ist riesig und kompliziert, aber ich bin froh, sie übernommen zu haben. Andernfalls hätte ich mir den Rest meines Lebens Vorwürfe gemacht, es nicht getan zu haben.

Man darf vermuten, dass sie überhaupt keine Ahnung hatten, was Sie erwartet. Wie sind Sie die Aufgabe angegangen?

Meine Lebens-, Organisations- und Verwaltungserfahrung halfen, ein Konzept zu erarbeiten. Ich habe Unabhängigkeit, Verzicht auf irgendeine Weisungsgebundenheit und Zugang zu Stellen gefordert, die ich brauchen würde. Meinen Plan habe ich den Bundesministerien für Inneres, Justiz und Arbeit vorgelegt, die ihn akzeptiert haben. Danach habe ich sofort losgelegt.

Wie viele Anträge auf Entschädigung liegen Ihnen vor?

Inzwischen sind es 132. Dahinter stehen Menschen, die den Anschlag direkt erleben mussten oder Angehörige der Opfer. Darunter sind Traumatisierte und körperlich Geschädigte, die weit davon entfernt sind, wieder ein normales Leben führen zu können oder es niemals mehr tun werden.

Sind die Anträge schon abgearbeitet?

Ja, alle. Was aber nicht heißt, dass bereits über alle entschieden worden ist. Das liegt daran, dass der Betroffenheitsgrad noch geklärt werden muss. Manchmal erweist sich eine Verletzung als viel folgenschwerer, als es behandelnde Ärzte anfangs diagnostiziert hatten. Die Anträge genau zu prüfen, ist richtig und wichtig, weil am Ergebnis etwa Rentenleistungen hängen.

Sie fordern höhere Entschädigungsleistungen. Welcher Betrag schwebt Ihnen vor?

Ich nenne keine Summe. Das ist Sache der Politik. Es geht mir vor allem um die Härtefallleistung, die sofort ausgezahlt wird. Das sind bei Ehepartnern und im Kind-Eltern-Verhältnis 10.000 und bei Geschwistern 5000 Euro pro Person. Die Summen sollen eine Art Schmerzensgeld sein, aber auch dazu dienen, finanziell zu bewerkstelligen, was da jetzt auf einen zukommt. Das ist bei Weitem nicht angemessen. Es gibt einen weiteren Bereich, der mir Sorge bereitet.

Welchen?

Weil der Anschlag mit einem Lastwagen verübt worden ist, sprang der für Unglücke im Straßenverkehr eingerichtete Hilfsfonds der deutschen Versicherungswirtschaft ein, die sich, auch das soll einmal gesagt sein, gegenüber den Betroffenen sehr anständig verhalten hat. Aber was wäre, wenn der Mann eine Bombe geworfen hätte? Dafür gibt es keinen Fonds. In meinem Abschlussbericht werde ich klar fordern, diese Lücke zu schließen.

Sie sind dafür, Ihren Posten auf Dauer einzurichten. Warum?

Es darf nicht mehr passieren, dass erst nach ein paar Wochen oder Monaten eine Ansprechstelle existiert. Opfer und Angehörige brauchen eine Begleitung vom ersten Moment an. Ich werde in meinem Abschlussbericht fordern, eine Stelle auf Stand-by zu halten. Gott behüte uns vor einem neuen Anschlag dieser oder anderer Größe. Aber wenn es passiert, müssen wir besser vorbereitet sein.

Mit Kurt Beck sprach Thomas Schmoll

Quelle: n-tv.de

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