Ultimativer Schachzug von Trump?Kharg ist die Pulsader der iranischen Ölindustrie - und ein Ziel für die USA

Eine Insel kleiner als Fehmarn könnte schon bald in den Fokus von Donald Trump rücken. Auf Kharg im Persischen Golf befindet sich der wichtigste und größte Ölterminal des Iran. Im Krieg gegen das Mullah-Regime könnte Kharg zum Ziel der USA werden - allerdings mit großen Risiken.
Der Iran hat im Krieg gegen Israel und die USA zwei wertvolle Waffen: die Straße von Hormus und das Öl. Die Islamische Republik kontrolliert den Seeweg zwischen dem Iran und den Emiraten, der den Golf mit dem offenen Meer verbindet. Allein die Drohung der Mullahs, jeden Tanker in der Meerenge "in Brand zu setzen", hat die wichtige Seeverbindung ausbluten lassen.
Die Golfstaaten können ihr Öl nur noch über Umwege auf den Weltmarkt schicken. Ein Desaster nicht nur für die Region, sondern auch für den Westen. Ein Fünftel aller Öl- und Gaslieferungen weltweit wird durch die Straße von Hormus transportiert. Der Iran würgt derzeit einen Teil der Weltwirtschaft ab. "Natürlich ist der Iran schwer getroffen von den Angriffen, aber das Problem ist eben, dass zwei Drohnen, zwei Minen oder ein Schnellboot ausreichen, das durchs Netz schlüpft, um eben einen Tanker anzugreifen", sagt Jakob Schlandt vom Hamburg-Institut Consulting (HIC) bei ntv.
Weiter westlich im Persischen Golf, 600 Kilometer entfernt von der Straße von Hormus, schlummert das zweite Faustpfand des iranischen Regimes: Kharg. Die Insel liegt 30 Kilometer vom Festland entfernt, ist kleiner als Fehmarn und hat nur 10.000 Einwohner. Doch Kharg ist die Pulsader der iranischen Ölindustrie. Die Insel liegt im direkten Umkreis mehrerer Ölfelder, verfügt über einen eigenen Terminal und einen eigenen Flugplatz. Vor der Islamischen Revolution 1979 galt Kharg als der modernste Ölterminal der Welt.
Fast das gesamte Öl geht über Kharg
Auch ein halbes Jahrhundert später wird fast jeder Tropfen iranischen Öls von Kharg aus exportiert. Trotz der westlichen Sanktionen war das zuletzt eine Menge: im vergangenen Jahr hat das Mullah-Regime etwa 1,5 Millionen Barrel Öl täglich exportiert. Kurz vor den Angriffen der USA und Israels stieg die Produktion auf fast 4 Millionen Barrel pro Tag.
An der Küste ist das Wasser für die größten Öltanker nicht tief genug. Deshalb leitet der Iran sein Rohöl über Pipelines zunächst nach Kharg - und verschifft es dann in die Welt.
Zwar dürfte das Wohl und Wehe der heimischen Wirtschaft auf der Prioritätenliste der Führung in Teheran derzeit weit unten stehen. Der Iran hat schlicht andere Sorgen: der Drohnenkrieg gegen Israel in der gesamten Golfregion, Aufruhr im eigenen Land. Doch will das terroristische Mullah-Regime überleben, braucht es zumindest eine wirtschaftliche Basis, um das eigene Volk kontrollieren und drangsalieren zu können.
Folgt Trump dem "Venezuela-Playbook"?
Wenn Donald Trump den Druck auf den Iran weiter erhöhen will, könnte der US-Präsident die Insel ins Visier nehmen, hat der einflussreiche amerikanische Investmentbanker Jan van Eck bei CNBC gesagt. Damit würde der US-Präsident dem "Venezuela-Playbook" folgen - und den Geldfluss des iranischen Regimes stoppen. "Trump hat die Ölexporte Venezuelas abgeschnitten. Ich denke, dass er diesen Hebel auch im Iran nutzen will."
"Die Eroberung der Insel Kharg würde dem Regime eine wichtige Finanzierungsquelle für die Kontrolle der Bevölkerung entziehen", wird der ehemalige Pentagon-Berater Michael Rubin von Politico zitiert. Schon im Januar erklärte der Nahostexperte in einem Text die Eroberung der Insel zum "ultimativen Schachzug gegen den Iran". Das Ölterminal zu erobern sei sinnvoller, als den Iran zu bombardieren.
Auch Keith Kellogg, der ehemalige US-Sonderbeauftragte für die Ukraine und ehemalige Nationale Sicherheitsberater, hält Kharg für ein mögliches Ziel der Amerikaner im Krieg gegen den Iran. "Die eigenen Truppen lassen sich bei solch einer Landeoperation gut schützen. Besetzt man Kharg, trifft man die Iraner wirtschaftlich hart", sagte Kellogg dem TV-Sender Al Arabiya.
Kharg? Schon seit Jahrzehnten im Blick der USA
Das Druckmittel Kharg hatten die USA schon während der Iran-Geiselkrise 1979 auf dem Schirm. Der damalige Präsident Jimmy Carter entschied sich jedoch, die Insel nicht zu besetzen. Sein Nachfolger Ronald Reagan ließ in den 1980er-Jahren Offshore-Terminals der Iraner zerstören, rührte Kharg aber ebenfalls nicht an. Im Iran-Irak-Krieg haben irakische Streitkräfte den Terminal teilweise zerstört. Daraufhin wurde es aber schnell wieder aufgebaut.
Den Iranern das Öl abzapfen und dadurch die amerikanische Öldominanz ausbauen? Das dürfte Trump gefallen. Nach Venezuela hätten die USA dann innerhalb kürzester Zeit gleich zwei große Ölmärkte unter den eigenen Fittichen. "Fernsteuerung eines Landes über die Kontrolle des wichtigsten Exportsektors wäre ein Arrangement nach Trumps Geschmack", analysiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Das könnte das Risiko eines sich lange hinziehenden Krieges reduzieren." Die FAZ beruft sich unter anderem auf die Aussagen von Marc Gustafson. Er war bis Anfang des Jahres Chef des Situation Rooms im Weißen Haus, hat also das Krisenzentrum in der amerikanischen Machtzentrale geleitet.
Auch Gustafson kann sich vorstellen, dass Trump seine Truppen nach Kharg schicken könnte, um dem Mullah-Regime den Todesstoß zu versetzen. Allerdings warnt der Experte vor erheblichen Risiken. Auf der Insel befinden sich Minen und Soldaten. Ohne Bodentruppen wäre eine solche Operation nicht möglich, sagt Gustafson. Die US-Soldaten wären iranischen Drohnenangriffen ausgeliefert und die Ölpreise könnten noch weiter in die Höhe schnellen.