Tödlicher Ansturm in der UkraineKiew: Russland verliert immer mehr Soldaten
Von Martin Morcinek
Russland weitet nicht nur den Luftkrieg gegen die Ukraine aus - auch die Gefechte am Boden flammen vor dem Winter immer stärker auf. Beinahe täglich meldet Kiew steigende russische Verluste. Schon jetzt liegt die Zahl der getöteten oder verwundeten Russen im Herbst weit über dem Niveau der Vorjahre.
Im Krieg in der Ukraine zeichnet sich keine Entspannung ab. Im Gegenteil: Daten des ukrainischen Verteidigungsministeriums deuten auf eine erhebliche Ausweitung der Kampfhandlungen hin. Entlang der mehr als 1000 Kilometer langen Frontlinie im Süden und Osten der Ukraine nimmt die Intensität der Gefechte offenbar massiv zu.
Wie aus den täglich veröffentlichten Schätzungen des ukrainischen Generalstabs hervorgeht, stiegen die russischen Verluste im gleitenden Vier-Wochen-Schnitt auf mehr als 1600 getötete oder verwundete russische Soldaten pro Tag. In der Spitze meldete das ukrainische Militär binnen 24 Stunden sogar 2090 kampfunfähige Angreifer.
In den Daten des ukrainischen Verteidigungsministeriums ist das der zweithöchste Tageswert seit Kriegsbeginn. Lediglich während der Kämpfe im Winter 2024/25 lag diese Anzahl kurzzeitig höher. Am 19. Dezember 2024 - auf dem Höhepunkt der russischen Winteroffensive rund um Welyki Nowosilka hatte der Generalstab in Kiew eine Tagessumme von 2200 getöteten oder verwundeten russischen Soldaten gemeldet.
Insgesamt bewegen sich die Verlustschätzungen seit dem Ende des Sommers 2026 weit über dem Niveau der Vorjahre. Zum Vergleich: Im Herbst 2025 lag der mehrwöchige Durchschnitt der russischen Verluste bei 990 toten oder verletzten Soldaten. Im Jahr davor waren es weniger als 1260. In den ersten beiden Kriegsjahren lagen die Kennzahlen jeweils unter 500.
Seitdem hat sich der Krieg rapide verändert: Beide Seiten setzen mittlerweile verstärkt auf Drohnen. Die Überwachung aus der Luft ist beinahe lückenlos. Jede Bewegung am Boden zieht Angriffsdrohnen oder Artillerieschläge auf sich. Entlang der Front ist so eine Dutzende Kilometer breite Todeszone entstanden, in der einzelne Trupps in Kellern oder getarnte Unterstände versuchen, die umliegenden Gebiete zu halten.
In diesem Jahr ist jedoch vieles anders: Seit Ende August ziehen die täglich gemeldeten Schätzungen zu den russischen Verlusten in der Ukraine deutlich an. An mehreren Stellen des Frontverlaufs scheint die Hauptkampflinie vor dem Beginn der kalten Jahreszeit in Bewegung zu geraten. Anders als in den Vorjahren warten die russischen Befehlshaber vor Ort nicht ab, bis das Laub gefallen ist und der Winter den Verteidigern die Deckung nimmt.
Bewegung in der Todeszone
Das russische Militär steht offenbar unter Erfolgsdruck: Die vom Kreml angeordnete Eroberung der annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja kommt nicht voran. Unablässig schicken Kommandeure der Invasionsarmee unter anderem bei Kostjantyniwka im Donbass, bei Dobropillja westlich von Pokrowsk sowie an der Saporischschja-Front immer neue Stoßtrupps in den Kampf.
Dazu kommen offenbar erfolgreiche Gegenangriffe der Ukrainer: Bei Lyman gelang ukrainische Verbänden in den vergangenen Wochen ein bedeutender Vorstoß. Die russischen Stellungen im Frontbogen zwischen den Flüssen Scherebets und Oskil gerieten übereinstimmenden Angaben zufolge ins Wanken.
Horrende Verluste im September
Im Rahmen der "Operation Vivaldi" konnten die Ukrainer dort laut eigener Darstellung mehrere befestigte Ortschaften befreien. Die Russen mussten sich teils bis über den Fluss Scherebets nach Osten zurückziehen. Russische Militärblogger räumten Probleme dort und an weiteren Frontabschnitten ein. Der genaue Frontverlauf bei Lyman ist noch unklar.
Und: Die ukrainischen Luftangriffe auf Versorgungswege und Nachschubrouten hinter der Front zeigen womöglich Wirkung. Bei den Drohnenangriffen in der sogenannten "Mid-Range" sucht die ukrainische Aufklärung gezielt nach Tanklastern und Lkw. Im Netz kursierende Videos belegen Hunderte Treffer entlang der Fernstraßen im russisch besetzten Hinterland der Front.
Das Kalkül dahinter: Die fehlende Lufthoheit im Kriegsgebiet soll sich für den russischen Militärapparat an empfindlicher Stelle bemerkbar machen. Munitionsdepots, Treibstofflager, Sammelpunkte und Befehlsstände müssen immer weiter in vermeintlich sichere Gebiete zurückverlegt werden. Dadurch verlängern sich Transportwege ins Kampfgebiet, die Versorgung der Frontverbände wird immer schwieriger.
Drohnenangriffe weiter hinter der Front
Die ukrainischen Verteidiger setzen alles daran, den Krieg für den Kreml so kostspielig wie möglich zu machen - offenbar mit zunehmendem Erfolg. Die Anzahl der zerstörten russischen Nachschubfahrzeuge steigt bereits seit dem Frühjahr an, also ungefähr ab dem Zeitpunkt der Einführung der neuen ukrainischen Angriffsdrohnen mittlerer Reichweite.
Im gleitenden Vier-Wochen-Schnitt rechnet das ukrainische Militär mittlerweile mit rund 450 Treffern auf russische Lkw und Tanklaster pro Tag. Die bisher höchste Tagessumme war am 5. Oktober erreicht - mit 727 zerstörten Fahrzeugen binnen 24 Stunden.
Der Generalstab in Kiew geht davon aus, dass allein im September insgesamt 46.320 russische Soldaten bei den Kampfhandlungen ums Leben kamen oder anderweitig kampfunfähig wurden. Die Rede ist vom verlustreichsten Monat für die russische Armee seit Jahresbeginn. Lediglich im zurückliegenden Winter kurz vor dem Jahreswechsel 2025/26 waren die Verlustzahlen höher.
Wie hoch der Blutzoll des russischen Angriffskriegs in der Ukraine tatsächlich ausfällt, lässt sich anhand dieser Schätzwerte allerdings nicht mit Gewissheit bestimmen. Zwar wirken die offiziellen Angaben aus Kiew in sich konsistent. Und in Anbetracht der bisher bekannten Entwicklungen im Kriegsverlauf scheinen sie zumindest auch plausibel.
Das gesamte Bild zeigen diese Zahlen jedoch nicht. Angaben auf vergleichbarer Basis liegen auf russischer Seite nicht vor. In den Wirren des Krieges - und unter den Bedingungen beidseitiger Einflussversuche im Informationsraum - wäre eine belastbare, lückenlose Erfassung aller Kriegstoten auch nicht zu erwarten. Das wahre Ausmaß der Verluste im Krieg in der Ukraine bleibt damit vorerst im Dunkeln.


