Politik

Massensterben im Jemen "Kinder wie Amal gibt es tausendfach"

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Amal Hussein war derart unterernährt, dass sie Anfang November in Hajjah nordwestlich der jemenitischen Hauptstadt Sanaa starb.

AP

Seit vier Jahren tobt im Jemen ein verheerender Krieg - mit katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung. Zehntausend Menschen verloren nach UN-Angaben bereits ihr Leben. 14 Millionen Menschen fehlt selbst das Nötigste; dem Hunger und der Cholera fallen vor allem Kinder zum Opfer - und dennoch kommen wegen der Seeblockade durch die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition nicht genügend Hilfslieferungen in dem bitterarmen Land an, dessen Wirtschaft, Infrastruktur und Gesundheitssystem in Trümmern liegen. Susanne Krüger ist Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Save the Children und besuchte im Frühjahr die jemenitische Hafenstadt Hodeida. Sie ist eine der letzten Hochburgen der Huthi-Rebellen. Anfang November startete die jemenitische Armee dort eine Bodenoffensive. Mit n-tv.de sprach Krüger über die Lage der Zivilisten vor Ort, die Ängste der Helfer und die Verantwortung Deutschlands.

n-tv.de: Frau Krüger, das Bild des völlig abgemagerten jemenitischen Mädchens Amal ging um die Welt. Erst ihr Hungertod rückte den Krieg wieder ins westliche Bewusstsein. Wie bitter ist das für Sie?

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Susanna Krüger war im Frühjahr im Jemen - und hat dort Einrichtungen der Organisation Save the Children besucht.

(Foto: Save the Children)

Susanna Krüger: Das ist sehr bitter. Mich persönlich macht das sehr betroffen, wenn es immer wieder erst solcher schrecklichen Fotos bedarf, um die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, was im Jemen passiert. Seit Beginn des Krieges tun wir alles dafür, dass das, was mit Amal passiert ist, in die Schlagzeilen kommt. Denn Amal ist kein Einzelfall. Kinder wie sie gibt es tausendfach im Jemen.

Warum wurde der Jemen-Krieg so lange vergessen?

In Europa sprechen wir nicht so sehr darüber, weil wir keine Flüchtlingsströme aus dem Jemen sehen. Die Menschen dort sind eingekreist. Sie können nicht weg. Im Süden ist das Meer; da kann man nicht so einfach übersetzen. Und im Norden liegen Saudi-Arabien und der Oman, die ihre Grenzen geschlossen halten. Wenn es also keine Flüchtlinge gibt und wenn wir keinen Druck erleben, etwas zu tun, dann wird so ein Konflikt schnell vergessen.

Sie waren im Frühjahr selbst in Hodeida - der im Moment heftig umkämpften Hafenstadt am Roten Meer. Wie haben Sie die Lage dort erlebt?

Ich habe eine Stadt gesehen, in der die öffentlichen Angestellten seit Jahren keinen Lohn mehr bekommen, weil die öffentliche Infrastruktur zusammengebrochen ist. Ich habe Krankenhäuser gesehen, in denen es kein Licht mehr gab. Ich habe verhungernde Kinder in den Armen gehabt. Ich habe überall vertriebene Familien gesehen, die in Zelten auf den Bürgersteigen lebten. Und trotz der schrecklichen Situation habe ich auch Menschen getroffen, die noch die Tatkraft hatten, etwas für die Kinder und Familien dort zu tun. Das hat mich sehr bewegt.

Im Krankenhaus Althawra in Hodeida liegen derzeit etwa 30 Kinder auf der Intensivstation. Was passiert mit ihnen, sollten die Kämpfe dort ankommen?

Seitdem sich die Regierungstruppen auf Hodeida zubewegt haben, sind Tausende Menschen aus der Stadt geflohen. Diejenigen, die zurückgeblieben sind - das sind die Schwächsten. Unsere Gesundheitsstation und auch einige von anderen Hilfsorganisationen laufen noch. Aber wir haben nicht mehr die Kapazität, die wir früher hatten; teilweise, weil es zu gefährlich ist, teilweise aber auch, weil uns Arbeitsmittel fehlen. Trotzdem werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um den Kindern zu helfen.  

Wo setzt man als Hilfsorganisation an in einem Land, in dem von der Infrastruktur bis zum Gesundheitssystem quasi jedwede Versorgung brachliegt?

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Wir konzentrieren uns darauf, den Menschen Nahrungsmittel zukommen zu lassen. Aber auch die hygienische und Gesundheitsversorgung für Kleinkinder und Familien ist ein Komplex unserer Arbeit. Und unser zweites großes Thema ist Bildung. Da mögen Sie jetzt denken: Das ist doch nicht das, was man dort im Moment dringend braucht. Wir sehen aber, dass den Kindern in den Schulen, die wir betreiben, einige Stunden am Tag Normalität gegeben wird. Es ist unglaublich wichtig, dass die Kinder auch spielen und lernen dürfen.

Hodeida ist auch die Stadt, in der ein Großteil der internationalen Hilfsgüter ankommt. Gelangen die Hilfen überhaupt noch zu denen, die sie brauchen?

Der Hafen von Hodeida ist noch offen. Es kommen auch Hilfslieferungen durch - allerdings etwas weniger als vorher. Deshalb ist eine unserer drängendsten Forderungen, dass der Hafen geöffnet bleibt. 70 Prozent der Hilfslieferungen für das Land kommen über Hodeida. Save the Children führt zwar auch Güter über Aden im Süden ein, aber das treibt die Kosten hoch. Dort haben wir viel höhere Steuern; und wir brauchen zwei bis drei Wochen, um die Lieferungen in den Norden zu schaffen. Das ist gefährlich. Es gibt zahlreiche Straßensperren. Und wir brauchen dazu sowohl die Erlaubnis der Huthis im Norden als auch der Regierung im Süden. Wenn eine Seite die Erlaubnis verweigert, müssen wir den gesamten Prozess noch einmal durchlaufen.

Klingt, als funktioniere die Bürokratie noch ganz gut …

Das erleben wir überall auf der Welt, wenn es um verschleppte Krisen geht: Auch die Situation im Jemen ist ja von Menschen gemacht. Es gab dort weder ein Erdbeben noch einen Monsunregen. Es handelt sich um einen gewollten Krieg, der bewusst gegen die Bevölkerung geführt wird, um sie auszumergeln. Und daran kann man gut verdienen.

Erfahren Ihre Helfer vor Ort Behinderungen bei ihrer Arbeit auch auf andere Weise?

In Hodeida erfahren wir große Behinderungen im Moment. Die Stadt ist umkreist. Und unsere Leute sitzen mittendrin. Sie sind ja lokale Mitarbeiter - teilweise mit Familien und Kindern. Zur Sicherheit haben wir einige Besuche bei entlegeneren Gesundheitsstationen schon ausgesetzt. Dort herumzufahren, wäre einfach viel zu gefährlich. Aber die Sicherheitslage wird von unserem Team teilweise stündlich neu bewertet. Und die Basisprogramme laufen weiter. Eine objektive rote Linie, ab wann wir die Hilfe einstellen, gibt es nicht.

Was erwarten Sie von Deutschland in der aktuellen Situation?

Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand und den Stopp von Waffenlieferungen in die Kriegsregion. Und wir brauchen einen ungehinderten Zugang für humanitäre Güter. Was wir darüber hinaus aber vermissen, ist eine stärkere Verurteilung von Angriffen auf Zivilisten. Solch ein Aufschrei, wie es ihn im Fall von Amal gab, dauert immer nur kurz an. Im Jemen wird internationales Recht gebrochen. Und das muss man verurteilen - auch als Europäer.

Mit Susanne Krüger sprach Judith Görs.

Quelle: n-tv.de

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