Politik

Politik lässt Nudging erforschen Kleiner "Stups" soll Wunder bewirken

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Ein simpler Trick, der funktioniert und auch noch kurzzeitigen Spaß bringt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit einem "Stups" ist kein kleiner "Klaps" gemeint. Vielmehr geht es darum, einen Denkanstoß zu geben. Manchmal handelt man viel zu unüberlegt. Mit einem "Stups" kann das Verhalten in die gewünschte Richtung gelenkt werden.

Bundesjustiz- und Verbraucherminister Heiko Maas hat sich für den verstärkten Einsatz des sogenannten Nudgings als Instrument der Politik ausgesprochen. Dabei geht es darum, Bürgern unter anderem mit Methoden der Psychologie und der Soziologie einen "Stups" ("nudge") zu geben, um ihr Verhalten in die gewünschte Richtung zu lenken.

"Mit einem kleinen Stups in die richtige Richtung lässt sich manchmal mehr für Verbraucherinnen und Verbraucher erreichen als mit mehr staatlichem Zwang und Verboten", sagte der SPD-Politiker dem "Tagesspiegel". Als Beispiel nannte er die Installation von Countdown-Anzeigen an Fußgängerampeln. "Modellversuche etwa in Hamburg haben gezeigt, dass sehr viel weniger Menschen bei Rot gehen, wenn sie wissen, wie lange sie noch warten müssen", erläuterte Maas. Das sei effektiver, als neben jede Ampel einen Polizisten zu stellen oder Bußgelder drastisch zu erhöhen.

Kritiker des Modells, darunter Mitglieder aus dem von Maas eingerichteten Sachverständigenrat für Verbraucherfragen, argumentieren hingegen, nicht der Staat solle für die Bürger entscheiden, sondern man müsse die Bürger in die Lage versetzen, selbst und bewusst gute Entscheidungen zu fällen.

Gestupst wird weltweit ...

Im Kanzleramt arbeiten inzwischen drei Fachkräfte für das Projekt "Wirksamer regieren". Sie sollen mit wissenschaftlichen Methoden der Psychologie, Soziologie und Verhaltensökonomie Strategien entwickeln, um den Bürgern die Politik der Regierung näher zu bringen.

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Der wohl älteste Stups der Welt gemalt von Michelangelo zwischen 1508 und 1512.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Bundesregierung ist nicht die erste, die ihre Bürger mit wirkungsvollen kleinen Psychotricks auf den rechten Pfad lotsen möchte statt mit Verboten, Sanktionen und Strafen. Der britische Premierminister David Cameron wollte schon im Jahr 2010 wissen, wie sich die Bereitschaft zur Organspende verbessern lässt und wie man das Volk dazu bringt, mehr Geld in die Altersvorsorge zu stecken. Er gründete dazu das Behavioural Insights Team. Inzwischen gilt Camerons Schubsertruppe als Vorbild der Bewegung, an deren Arbeit sich auch die Bundesregierung orientieren will.

Eine ähnliche Beratereinheit wie die Briten hat die dänische Regierung eingerichtet, außerdem ist dort ein Forschungsverbund zu dem Thema sehr aktiv, das Danish Nudging Network. Auch in den USA wird längst gestupst: Kalifornische Kommunen etwa haben ihre Bewohner informiert, wie viel Strom sie im Vergleich zu ihren Nachbarn verbrauchen. Weltweit setzen 136 von 196 Nationen Nudging ein, haben Forscher rund um den britischen Geografen Mark Whitehead herausgefunden.

... und schon lange

Der wohl berühmteste Stups der Welt ist zweifelsohne Michelangelos "Erschaffung Adams" in der Sixtinischen Kapelle in Rom. In dem Deckenfresko streckt Gott Adam seinen Zeigefinger entgegen, um auf Adam den Lebensfunken überspringen zu lassen. Die heutige Industrie stupst indes ohne moralischen Anspruch. So gelingt es Apple, mit Voreinstellungen seiner iPhones dafür zu sorgen, dass Käufer vor allem hauseigene Software verwenden. Geändert werden diese Vorgaben nur selten, das wissen Verhaltensforscher, und das wusste offenbar auch Apple-Gründer Steve Jobs, der von sich behauptete, viele Bedürfnisse der Nutzer früher zu erkennen als diese selbst: "Es ist nicht die Aufgabe des Konsumenten, zu wissen, was er will."

Auch Werber lieben Nudges. Moderne Fernsehspots zum Beispiel erzählen gern Geschichten von sympathischen Menschen und zeigen nur beiläufig die Handys, Autos, Biermarken.

Ein anderes Beispiel findet sich hin und wieder auf Herrentoiletten: Männer wollen zielen, das wissen die Psychologen. Klebt man auf den Boden eines Pissoirs das Bild einer Zielscheibe, es kann auch ein Fußballtor oder eine Fliege sein, pinkeln sie genauer.

Vielen Bürgern dürfte die Vorstellung nicht gefallen, dass sie mit raffinierten psychologischen Kniffen zur Vernunft gebracht werden sollen. Kritiker halten die Stupser für rüde Rempler und warnen davor, dass die Menschen bevormundet und entmündigt werden - ohne, dass sie es merken.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa