Politik

"Ohne Brüste kein Paradies" Kolumbianer erleben kuriose Kongresswahl

d8d857f14fadb72d6b75e8a665cf8434.jpg

Interessierter Blick auf ein Flugblatt: Männer bei einer Wahlkampfveranstaltung der Farc.

(Foto: REUTERS)

Tag der Entscheidungen in Kolumbien: Das Land wählt seinen Kongress, zudem werden die potenziellen Nachfolger von Präsident Santos, der den Frieden mit der Farc erreichte, gekürt. Erstmals ziehen ehemalige Guerilleros ins Parlament ein.

Señor 1 Prozent, so könnte ein spöttischer Spitzname von Rodrigo "Timochenko" Londoño lauten. Auf mehr Zustimmung kommt der Farc-Chef laut Umfragen in der kolumbianischen Bevölkerung nicht. Londoños Guerilla existiert nicht mehr, die ehemaligen linken Kämpfer sind nun eine Partei - die zur Kongresswahl am heutigen Sonntag antritt. Es ist ein Testlauf unter realen Bedingungen, der auch Hinweise auf die Präsidentschaftswahl im Mai geben kann. Dann könnte ein Ex-Guerillero zum Staatschef Kolumbiens werden.

Der erste Versuch der Farc, sich in den vergangenen Monaten unter dem neuen Namen "Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común" als politische Alternative für die breite Bevölkerung zu präsentieren, ist kaum gelungen. Wegen des forschen Auftretens der Ex-Guerilla gab es Widerstand aus der Zivilgesellschaft. Im Wahlkampf wurden Londoño und andere Parteivertreter mehrfach von Bürgern angegriffen. Die neue Partei sagte im Februar deshalb bis auf Weiteres ihre Auftritte ab und forderte von der Regierung ausreichenden Schutz.

fba457e568f395cd863c2f9497268b4f.jpg

Hat gesundheitliche Probleme: Farc-Chef Rodrigo Londoño.

(Foto: dpa)

Die Abkürzung Farc ist geblieben, aber eine demokratische Ansprache nach Jahrzehnten linksideologischer Kriegsrhetorik ist bei sechs Millionen vom Bürgerkrieg Vertriebenen und über 220.000 Todesopfern schwer zu vermitteln. Politisch wird die fehlende Öffentlichkeit für die Farc wohl keine großen Auswirkungen haben. Im Friedensvertrag mit der kolumbianischen Regierung werden ihnen fünf Sitze im Repräsentantenhaus und fünf Senatoren zugesichert, so lange sie auch Wahlkampf dafür betreiben - oder es zumindest versuchen. So wird das verhindert, was ohne die Garantie drohen würde: Die Farc wird nicht direkt in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sondern das politische Tagesgeschäft üben können.

Rund 2800 Kolumbianer bewerben sich für die insgesamt 269 Sitze im Kongress, alle Abgeordneten- und Senatorenposten werden neu vergeben. Bewahrheiten sich die Prognosen des Meinungsforschungsinstituts "Cifras & Conceptos", werden die Mitte-Rechts-Parteien die meisten Stimmen erhalten und mehr Vertreter als ihre politischen Rivalen links davon entsenden dürfen.

Von der Narco-Novelle zum Senatskandidaten

*Datenschutz

Neben den garantierten zehn Ex-Guerilleros könnten noch weitere ungewöhnliche Gesichter unter den künftigen Abgeordneten auftauchen. Der Autor und Journalist Gustavo Bolívar etwa. Kolumbiens Status als größter Kokainproduzent der Welt hat den Erfolg eines neuen Genres begünstigt: die Narco-Novelle. Die bekannteste dürfte Bolívars "Sin tetas no hay paraíso" aus dem Jahr 2005 sein. Darin beschreibt Bolívar, wie junge Frauen sich Schönheitsoperationen unterziehen, um sich wohlhabende Drogenkriminelle zu angeln, die ihr Luxusleben finanzieren. Das Buch, zu Deutsch "Ohne Brüste gibt es kein Paradies", gibt es auch als Fernsehserie. Bolívar dürfte einen Senatorenposten sicher haben.

Weniger wahrscheinlich ist ein Erfolg des Ex-Models Carolina Flórez, die dorthin will, wo ihr Ex-Mann bereits saß. Der Abgeordnete José Rodolfo Pérez misshandelte sie, einmal drohte er auch, ihren Hund vom Balkon zu werfen, sollte sie ihm nicht eine Immobilie in der karibischen Touristenhochburg Cartagena überschreiben. Die Polizei tat nichts, also ging Flórez an die Presse, woraufhin Pérez 2015 zurücktrat. Sie fordert unter anderem härtere Strafen für häusliche Gewalt. Kandidaten sind unter anderen auch: Tatiana Piñeros Laverde, die erste Transsexuelle, die einen Kongressposten anstrebt. Alberto López de Mesa, ein cleaner Drogenabhängiger aus dem Armenviertel Bogotás, der "Bronx". David Jaramillo, Ex-Bassist der Rockband Doctor Krápula und Umweltaktivist. Vanessa Mendoza, im Jahr 2001 die erste afro-kolumbianische Schönheitskönigin, die auch als Miss Universum antrat. Gina Potes, die im Jahr 1996 von einem Mann auf offener Straße am ganzen Körper mit Säure verätzt wurde und seither fast 100 Eingriffe zur Wiederherstellung ihrer Haut erfahren hat. Und Alexis Calvo, kleinwüchsiger Schauspieler der erfolgreichen Fernsehserie "Pandilla, guerra y paz" ("Gang, Krieg und Frieden").

Vorwahlen für Präsidentschaftsrennen

1d6e1173229aa88707ac97d060ff7460.jpg

Gustavo Petro war Mitglied der Guerillagruppe M-19, die 1990 den Kampf einstellte.

(Foto: REUTERS)

Der heutige Sonntag ist jedoch nicht nur wegen neuer Köpfe im Kongress bedeutend für die kommenden vier Jahre in Kolumbien. Der Urnengang gilt als Stimmungstest für die Präsidentschaftswahl im Mai und eine mögliche Stichwahl im Juni. Zudem stellen die zwei großen Parteienbündnisse ihre Kandidaten zur Vorwahl. Der aktuelle Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos darf nicht wieder antreten. Umfragen zufolge wird Iván Duque für die Mitte-rechts-Koalition ins Präsidentschaftsrennen gehen. Duque war fast zehn Jahre lang kolumbianischer Chefberater der interamerikanischen Entwicklungsbank IDB und bei den Vereinten Nationen. Er wird auch vom ultrakonservativen Álvaro Uribe unterstützt, der während seiner Präsidentschaft mit eiserner Faust militärisch gegen die Farc vorgegangen war, bevor Santos den Frieden verhandelte.

Als linker Gegenkandidat hat Gustavo Petro die besten Chancen, gegen Duque anzutreten. Petro ist Ex-Mitglied der Guerillagruppe M-19, die im Jahr 1985 das Verfassungsgerichtsgebäude in Bogotá blutig besetzte und der eine Zusammenarbeit mit dem berüchtigten Drogenboss Pablo Escobar nachgesagt wird. Er gilt jedoch im Vergleich zu anderen Politikern als integer und wenig korrupt. Später war er Bürgermeister von Bogotá. In Umfragen liegt Petro mit Duque gleichauf.

Zwar wollte auch die Farc bei der Präsidentschaftswahl antreten, der Parteichef selbst strebte in die Casa de Nariño. Doch am Donnerstag zog die Partei die Kandidatur Londoños zurück. Der Ex-Guerillero war am Mittwoch am offenen Herzen operiert worden. Bis kommenden Freitag hat die Farc Zeit, einen möglichen Ersatzkandidaten offiziell zu benennen. Unabhängig davon, ob die ehemaligen Kämpfer die Frist verstreichen lassen oder nicht: Im Kongress können sie in Ruhe lernen, wie Politik ohne Waffengewalt funktioniert. Ihre zehn Sitze sind für zwei Legislaturperioden garantiert.

Kongresskandidaten mit bewegenden Biographien, Ex-Guerilleros im Parlament und wahrscheinlich auch im Rennen um den Präsidentenpalast: Kolumbien macht einen aufsehenerregenden Auftakt im Jahr lateinamerikanischer Wahlen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema