Politik

Ministerpräsident im "Frühstart" Kretschmer befürchtet 7-Tage-Inzidenz um 700

Sachsens Ministerpräsident befürchtet schon bald eine dramatische Infektionslage. Bei Inzidenzen im hohen dreistelligen Bereich drohe ein Kollaps des Gesundheitssystems. Im "ntv Frühstart" kritisiert Kretschmer Lockerungen in anderen Bundesländern.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat vor einer Überlastung der Krankenhäuser gewarnt, wenn Politik und Bevölkerung den Ernst der Lage jetzt nicht erkennen. "Der Blick in jedes andere Nachbarland Deutschlands zeigt, was passieren wird: Wir werden Zahlen bekommen von 500, 600, 700 Inzidenz, wenn wir es nicht anhalten. Das geht nicht, das schafft kein Gesundheitssystem der Welt, auch nicht das beste, was es gibt, hier in Deutschland", sagte der CDU-Politiker in der ntv-Sendung "Frühstart".

Ein zu großer Teil der Bürger halte sich nicht mehr an die Corona-Maßnahmen, sagte Kretschmer. Das könne verschiedene Ursachen haben: die Ermüdung nach zwölf Monaten Pandemie, das politische Hin und Her, die nicht ausgezahlten Wirtschaftshilfen. "Aber unterm Strich bleibt: Zu viele machen Kompromisse, zu viele gehen ihren eigenen Weg. Und das sieht man unmittelbar im Infektionsgeschehen."

Sorge vor Oster-Effekt

Der CDU-Politiker forderte, die Eigenverantwortung der Bürger deutlicher einzufordern. "Nicht mit dem Fuß aufstampfen, aber wir brauchen einen Dialog mit der Bevölkerung. Wir müssen deutlich machen, die Krankenhäusern füllen sich immer mehr. Das ist ein Weg, der muss schiefgehen." Es gelte, einen harten Shutdown abzuwenden. Kretschmer äußerte allerdings die Sorge, dass die Politik, auch wegen der vielen Strategiewechsel, die Bevölkerung nicht mehr erreiche wie noch vor einem halben Jahr. "Wir müssen wieder versuchen, zusammenzukommen."

Die dritte Welle hält der Ministerpräsident für die bislang gefährlichste. Weil die britische Virusmutation 50 bis 100 Prozent ansteckender sei, reichten auch die besten Hygienekonzepte nicht mehr. "Deswegen müssen wir uns noch ein bisschen mehr konzentrieren, noch mehr Abstand halten, noch mehr die AHA-Regeln einhalten."

Kretschmer warnte vor zu viel Sorglosigkeit an Ostern. Schon nach Weihnachten habe man mit einem Puffer von etwa zehn Tagen die negativen Effekte der Feiertage bei den Infiziertenzahlen gesehen. "Unsere größte Sorge ist, dass Ostern auf dieses sehr hohe Infektionsgeschehen jetzt noch oben draufkommt." Das Land sei nun an einem neuralgischen Punkt der Pandemie angekommen.

"Nicht die Zeit für Öffnungen"

Es gebe bis Ende Mai eine große Chance, einen Großteil der Bevölkerung zu impfen, so Kretschmer. "Das Problem heute ist, wir müssen erst bis Ende Mai kommen. Mit der jetzigen Dynamik der Pandemie wird das nicht gelingen." Dafür brauche man neben dem Bewusstsein der Bevölkerung die konsequente Einhaltung der Notbremse. Kretschmer stellte sich hinter die Aufforderung von Bundeskanzlerin Merkel an die Ministerpräsidenten, konsequenter gegen das Virus vorzugehen.

"Natürlich müssen die Bundesländer mitmachen, das ist doch überhaupt keine Frage. Es ist jetzt nicht die Zeit für Öffnungen." Es sei stattdessen notwendig, so lange durchzuhalten, bis genügend Impfstoff da sei und so viele Menschen geimpft seien, dass Lockerungen möglich würden. "Das wird Ende Mai der Fall sein, aber eben nicht jetzt."

Kretschmer äußerte sich besorgt über die Probleme mit dem Impfstoff von Astrazeneca. Seit Dienstag empfiehlt ihn die Ständige Impfkommission nur noch für Menschen über 60 Jahre. "Es ist ärgerlich, aber man kann es nicht voraussehen. Es ist ein neues Produkt, das auf den Markt gekommen ist. Sicherheit geht vor." Das größte Problem sei die Verunsicherung gegenüber dem Impfstoff, sagte Kretschmer, betonte aber auch, die Einschränkung sei richtig. "Bei den Über-60-Jährigen raten wir sehr dazu, das Impfen jetzt auch fortzusetzen."

Quelle: ntv.de, psc/shu

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