Politik

Vorgehen nach Berlin-Anschlag Kriminologe verteidigt Ermittlungsarbeit

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Langsame Ermittlungsarbeit? Im Zweifel geht Sorgfalt vor Schnelligkeit.

(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Die Polizei sieht sich Fragen ausgesetzt, wieso Hinweise auf den mutmaßlichen Attentäter nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt erst mit Verzögerung gefunden wurden. Für den Kriminologen Prof. Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum war die außergewöhnliche Situation am Tatort entscheidend.

Wie kann es sein, dass Papiere eines mutmaßlichen Attentäters im Führerhaus erst einen Tag später auftauchen?

Thomas Feltes: Man muss sich vergegenwärtigen, dass so eine Situation nach einem Anschlag für alle Beteiligten eine sehr komplexe, eine sehr verwirrende ist. Es ist ja nicht so, dass - wie in den besagten Krimis im Fernsehen - im Grunde eine Kommission bereitsteht, die quasi auf Knopfdruck ihr Programm abspielt. Sondern es müssen innerhalb von sehr kurzer Zeit Dinge entschieden werden. Und wie immer, wenn Menschen unter Druck agieren müssen, können Fehler gemacht werden. Oder es können Dinge nicht in den Abläufen stattfinden, in denen sie stattfinden sollten.

Das Führerhaus war beschädigt, Gegenstände waren durch die Windschutzscheibe geflogen. Erschwert das die Situation?

Ja klar. Wir haben ein kaum vorstellbares Chaos in so einer Situation. Es ist ja nicht ein statisches Ereignis, bei dem man von außen in Ruhe rangehen kann, sondern da laufen Menschen herum. Da muss abgesperrt werden, da müssen überhaupt auch erst mal die fachkundigen Polizeibeamtinnen und -beamte vor Ort gebracht werden. Das sind Dinge, die wir ja auch in dieser Form in Deutschland noch nicht erlebt haben.

Gibt es keine Vorbereitungen für solche Situationen?

Die Polizei ist auf solche Situationen vorbereitet. Aber das heißt nicht, dass man innerhalb von Sekunden, Minuten oder wenigen Stunden dann dieses Programm so abspielen kann, wie man es könnte, wenn das etwa eine Situation in der Ausbildung wäre oder eine statische Situation, wenn man an einen Tatort kommt, an dem sich nichts mehr bewegt.

Braucht man hier besonders geschulte Ermittler?

Nein, im Prinzip sind das die gleichen Abläufe. Ich brauche Spurenkundler, also Kriminaltechniker, die sichern und bewerten. Aber ich brauche vor allen Dingen eine ganz besondere Aufbauorganisation für solche Fälle. Ich muss organisieren, wer was tun darf und wer was tun muss. Dafür gibt es Pläne. Aber dafür brauche ich eine gewisse Zeit. Man muss ganz klar sagen, da geht dann im Zweifel die Sorgfalt vor Schnelligkeit.

Quelle: ntv.de, dsi/dpa