Politik

"Er war ein Glücksfall" Lammert huldigt Kohl

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Kohl mit Ehefrau Maike und Lammert 2010 bei einer Gedenkveranstaltung zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit.

(Foto: imago stock&people)

Oppositionsführer, Kanzler, einfacher Abgeordneter: Helmut Kohl prägte die deutsche Politik und den Bundestag. Parlamentspräsident Norbert Lammert würdigt den verstorbenen Altkanzler, mit viel Lob und nur ein bisschen Kritik.

Nach dem letzten Gong erheben sich die Abgeordneten. Bundestagspräsident Norbert Lammert geht zu seinem Platz. Es ist der übliche Auftakt, dennoch ist die Plenarsitzung an diesem Donnerstag keine gewöhnliche. Dass die Reihen der Fraktionen so gut gefüllt sind, dass mit Frank-Walter Steinmeier, Joachim Gauck und Horst Köhler der amtierende Bundespräsident und zwei seiner Vorgänger auf der Tribüne sitzen, hat einen Grund. Am vergangenen Freitag verstarb Helmut Kohl. Lammert gedenkt des Altkanzlers in einer 25-minütigen Ansprache. Im Bundestag, an jenem Ort, in dem Kohl zwischen 1976 und 2002 gesessen hat - als Oppositionsführer, Bundeskanzler und dann als einfacher Abgeordneter.

Lammert würdigt Kohls Verdienste. "Wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie heute Realität ist, die friedliche Einheit unseres Landes in einem freien und befriedeten Europa." Kein Haus verkörpere mehr als der Reichstag die Geschichte der Deutschen und ihre Hoffnung, in einem freien Europa in Frieden zu leben. Lammert wiederholt diesen Satz, den Kohl 1983 in einer Rede gesagt hat. "Helmut Kohl hat diese Hoffnung nie aufgegeben und wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie bis heute Realität ist." Lammert erinnert an Kohls Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung, den dieser 1989 vorstellte. Damit habe er der friedlichen Revolution in der DDR ihre friedliche Richtung hin zur deutschen Einheit gegeben. "Es war eine Sternstunde unserer Parlamentsgeschichte. Seine politische Glanzleistung, wie sein Vorgänger Helmut Schmidt anerkennend fand." Lammert bescheinigt Kohl eine besonnene und zielgerichtete Diplomatie. Der Altkanzler habe gewusst, dass die Einheit nur im Einvernehmen mit allen Nachbarn zu erringen gewesen sei.

Lammert: deftiger Charme und spöttischer Humor

In seiner Rede erklärt Lammert auch die Geschichtsträchtigkeit von Kohls Geburtstag. Dieser kam am 3. April 1930 in Ludwigshafen zur Welt - an jenem Tag, als im Berliner Reichstagsgebäude ein Misstrauensantrag gegen die Regierung eingebracht wurde. Es war der Anfang vom Ende der Weimarer Republik, das den Weg in die Diktatur und den Zweiten Weltkrieg ebnete. Vom deutschen Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen - dieses Versprechen sei auch für Kohl immer Leitlinie seiner Politik gewesen. Lammert erinnert an die europäische Aussöhnung, Kohls Händedruck mit dem französischen Präsidenten François Mitterand über den Gräbern von Verdun 1984 und den Abzug der letzten russischen Soldaten 1994 aus Berlin. Einen Seitenhieb gegen Russlands Präsident Wladimir Putin will sich Lammert nicht verkneifen. Damals sei undenkbar gewesen, dass die von Boris Jelzin ausgerufene Periode von Freundschaft und Zusammenarbeit 20 Jahre später von der russischen Führung aufs Spiel gesetzt werden könnte.

Dann widmet sich Lammert der Charakterisierung Kohls. "Legendär sind seine integrierende Kraft wie seine polarisierende Wirkung - im Übrigen zwischen den Parteien ebenso wie innerhalb der Union." Lammert spricht von dem wuchtigen Debattenredner, der hart austeilte und heftig einstecken musste, von dessen deftigem Charme und spöttischem Humor. Kohl habe junge Abgeordnete intensiv beobachtet, "ob sie sich so entwickelten, wie er sich das vorstellte". Lammert redet aus eigener Erfahrung. Der Bochumer zog 1980 im Alter von 32 Jahren erstmals in den Bundestag ein, als Kohl noch Oppositionsführer war. 1989 wurde er parlamentarischer Staatssekretär in Kohls Bundesregierung. Die Union, so Lammert, sei für Kohl immer eine Familie gewesen. Er erinnert an dessen Besuch in der Fraktion 2012. Wer dabei gewesen sei, werde sich daran immer erinnern, sagt Lammert mit etwas brüchiger Stimme. Kein Zweifel, er war damals dabei, als der Altkanzler den Abgeordneten von CDU und CSU vor Jahren den Besuch abstattete.

"Persönlichkeit, um die uns manche Nachbarn beneiden"

Lammert zitiert den Historiker Jacob Burckhardt. "Kein Mensch ist unersetzlich. Aber die wenigen, die es eben doch sind, sind groß." Kohl habe ebenso wenig alleine die deutsche Einheit ermöglicht wie Otto von Bismarck den deutschen Nationalstaat. Dennoch ließen sich "die beiden fundamentalen Veränderungen der deutschen Geschichte ohne ihre Namen nur schwer vorstellen". Kohl habe nicht nur eine Ära geprägt, sondern sei auch Verbindungsglied zweier Epochen gewesen. "Die eine half er glücklich zu überwinden, für die andere legte er die bleibenden Grundlagen." Einmal sorgt Lammert für Lacher, als es um Kohls Niederlagen geht, etwa bei der Bundestagswahl 1976. Mit dem Pfälzer als Kanzlerkandidat wurde die Union damals zwar stärkste Kraft, blieb jedoch in der Opposition. Kohl habe CDU und CSU "mit 48,6 Prozent zum zweitbesten Ergebnis aller bisherigen und auch künftigen Bundestagswahlen geführt", sagt Lammert und stoppt kurz, weil einige Abgeordnete murmeln. "Bis heute", legt der Bundestagspräsident nach und muss lachen.

Mit kritischen Worten hält sich Lammert zurück. Dass es auf Kohls Wunsch keinen nationalen Staatsakt gibt, spricht er nicht direkt an. Die für den 1. Juli im Europaparlament in Straßburg angesetzte Feier sei ein einzigartiger Akt der Würdigung. "Es versteht sich von selbst, dass Art und Ort einer herausragenden Lebensleistung nicht nur eine Familienangelegenheit ist". Lammert redet von der "Tragik der letzten Lebensjahre", ohne darauf näher einzugehen. Nur einmal wird er konkreter. Kohls Wege hätten bis zuletzt Verletzungen gesäumt, "die er selbst erlitt und anderen zufügte". Lammert spricht von der "bisweilen sturen Persönlichkeit", im Zusammenhang mit Kohls Ausscheiden aus der Politik zitiert er dessen Biograf Hans-Peter Schwarz und seine Formulierung von der "kreativen Verschleierung von Parteispenden".

Dennoch fällt Lammerts Würdigung sehr positiv aus. Er stellt Kohl in eine Reihe mit Willy Brandt, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher und Richard von Weizsäcker – für sie sei die Epoche der Weltkriege keine Erzählung, sondern Erfahrung gewesen. "Sich dieses Erbes zu vergewissern, ist offensichtlich notwendiger denn je", so Lammert. Er bezeichnet Kohl als "Glücksfall für Deutschland und Europa. Wir Deutsche können uns glücklich schätzen angesichts Persönlichkeiten dieses Formats, um die uns manche Nachbarn beneiden." Nach einer kurzen Pause schließt Lammert mit den Worten: "Wir verneigen uns voller Respekt und Dankbarkeit".

Quelle: n-tv.de