Politik

Wahlreise durch Brandenburg Lenzen, wie es leibt und stirbt

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Zum Radeln ist hier viel Platz: Leerstand auch auf dem zentralen Platz der Stadt.

(Foto: Julian Vetten)

Wenn am 1. September in Brandenburg gewählt wird, werden wohl wieder mehr Lenzener als im Landesschnitt AfD wählen. Die Gründe dafür sind altbekannt: Leerstand, Entvölkerung, Perspektivlosigkeit. Aber auch die Grünen haben offenbar ihren Anteil daran.

Der Liedermacher Rainald Grebe hat mal einen Song über Brandenburg geschrieben. Er heißt so wie das Bundesland selbst und ging viral, bevor es den Begriff überhaupt gab. Der Song wurde so erfolgreich, weil er in wenigen Worten das Lebensgefühl eines ganzen Bundeslandes beschrieb und vielen Menschen aus der Seele sprach. Der Anfang geht so:

Es gibt Länder, wo was los is.
Es gibt Länder, wo richtig was los ist, und es gibt
Brandenburg, Brandenburg.
In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt!
Was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg?
Es ist nicht alles Chanel, es ist meistens Schlecker.
Kein Wunder, dass so viele von hier weggehen.
Aus Brandenburg.

14 Jahre sind seitdem vergangen. Schlecker gibt es schon lange nicht mehr, während sich Brandenburg tapfer hält - und überhaupt sollte man nicht den Fehler machen, das Bundesland so eindimensional zu betrachten wie Grebe damals (mehr dazu in den weiteren Folgen der Brandenburg-Wahlreise). Trotzdem gibt es immer noch genug Orte, auf die die Brandenburgbeschreibung des Kabarettisten wie die Faust aufs Auge passt. Lenzen an der Elbe ist einer davon.

Pragmatismus statt Liebesheirat

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Früher belebt, heute ausgestorben: die Seetorstraße.

(Foto: Julian Vetten)

Zwei Wochen vor der Landtagswahl steht Jörg Deutsch vor dem Laden, der seinen Namen trägt, und deutet die Hauptstraße hinunter, die hier den schönen Namen Seetorstraße trägt: "Lenzen war eine blühende Stadt. Da vorne war ein Friseur, hier eine Kneipe, da hinten ein Gemischtwarenladen. Klamottengeschäfte, Schuhläden, hier gab es alles", sagt der Endsiebziger. Einzelhandel eben. Und heute? Auch Einzelhandel, aber im wahrsten Sinne des Wortes: Deutschs Laden ist als Einziger in der Straße übrig geblieben, hier bekommt man mittlerweile notgedrungen fast alles. "Seit im vergangenen Jahr der Spirituosenladen zumachen musste, sind wir auch eine Lotto-Annahmestelle, und die Post sowieso."

Ein Land, viele Gesichter

Am 1. September wählen Brandenburger und Sachsen einen neuen Landtag, am 27. Oktober ziehen die Thüringer nach. In den Wochen vor den Wahlen reisen wir einmal kreuz und quer durch die drei Bundesländer, um herauszufinden, was die Menschen von Templin bis Lehesten und von Lenzen bis Görlitz wirklich umtreibt.

Wenn die Deutschs zumachen würden, fiele die Innenstadt des 2000-Einwohner-Nests wohl endgültig ins Wachkoma. Das weiß auch Tochter Britta, die das Geschäft ihres Vaters vor einigen Jahren übernommen hat. Weil sie die Hoffnung hat, dass es vielleicht doch irgendwann mal wieder besser wird? "Quatsch, hier geht nichts mehr voran", sagt Britta Deutsch und lächelt dabei. Die Ladenbesitzerin versprüht eine gute Laune, die nicht so recht zu den schweren Themen passen will, über die sie spricht. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten wird klar, dass Britta ganz einfach das Beste aus den gegebenen Umständen macht: "Ich habe hier meine Natur, die wundervolle Landschaft. Und wenn ich Kultur will, dann fahre ich eben nach Schwerin, Berlin oder Hamburg."

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Die Deutschs vor ihrem Laden: Hier gibt es notgedrungen mittlerweile fast alles.

(Foto: Julian Vetten)

Die Liebe zur Natur ist es auch, die Brittas Wahlentscheidung begründet: Sie wird am 1. September grün wählen, denn "ohne Umwelt ist doch sowieso alles für die Katz". Und trotzdem ist es mehr eine pragmatische Entscheidung als eine Liebesheirat. Vater Jörg kann sich dazu nicht durchringen, sondern deutet in Richtung der nahen Burg: "Die kommen da mit ihren abgasschleudernden SUVs, auf dem Dach ihre Drahtesel. Später fahren sie dann auf den Rädern durch die Aue und schwärmen, wie schön das doch hier sei. Also, die kann ich wirklich nicht ernst nehmen." Gemeint sind die Gäste, die das Bio-Hotel besuchen, in das der BUND die damals baufällige Burg kurz nach der Wende verwandelte.

Wenn Naturschutz wie Luxus wirkt

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Der BUND verwandelte die baufällige Burg in ein Bio-Hotel.

(Foto: Julian Vetten)

In Lenzen zeigt sich deutlich, warum die Grünen in Brandenburg bisher nie große Sprünge machen konnten: Weil Naturschutzprojekte in wirtschaftlich schwachen Regionen eben häufig wie purer Luxus anmuten - so sinnvoll sie gesamtgesellschaftlich auch sein mögen. In Lenzen sind es die Deichrückverlegung und der Schutz der Wölfe, die bei Jörg Deutsch für Kopfschütteln sorgen. Und eben die als arrogant empfundene Einmischung der Hauptstädter, die nicht in der Region wohnen, aber immer genau zu wissen scheinen, was die Region am meisten braucht. Das drückt sich auch in Zahlen aus: Bei der Europawahl im Mai stimmten in Brandenburg 12,3 Prozent für die Grünen, in Lenzen waren es gerade mal 6,4 Prozent. Und auch mittlerweile, wo die Grünen im Rest des Landes laut Umfragen bei 17 Prozent stehen, dürfte die Zustimmung in Lenzen deutlich darunter liegen.

Die AfD würde Jörg Deutsch aber trotzdem nicht wählen, das verbieten ihm seine politische Überzeugung und "der gesunde Menschenverstand". Und trotzdem wird die Alternative wohl die stärkste Kraft im Land werden, 21 Prozent würden ihr Kreuzchen nach neuesten Umfragen bei der AfD machen - in Lenzen voraussichtlich sogar noch mehr, wie die Europawahl gezeigt hat.

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Nicht nur für AfD-Wähler attraktiv: die Elbtalaue.

(Foto: Julian Vetten)

Einen nicht geringen Anteil daran haben laut Jörg Deutsch ältere Menschen, die ihren Lebensabend hier in der idyllischen Elbtalaue verbringen wollen, wo die Lebenshaltungskosten unschlagbar niedrig sind. Ihre Sympathien für die AfD bringen sie mit in die 2000-Einwohner-Stadt, die in den vergangenen 30 Jahren fast ein Drittel seiner Bevölkerung verloren hat. Genaue Zahlen sind natürlich nicht zu bekommen, aber tatsächlich bekennt sich kurz darauf ein Rentnerpaar, das durch die sonst menschenleeren Straßen bummelt, zur AfD. Warum? "Hier ist noch alles in Ordnung. Und wir wollen, dass das auch so bleibt." Wenn das die Deutschs hören könnten.

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Quelle: n-tv.de

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