Politik

US-Präsident ist hochverschuldet Lügen schockieren Trumps Wähler nicht

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Trump weist die "New York Times"-Berichte zurück.

(Foto: REUTERS)

Die Veröffentlichung von Trumps Steuerunterlagen durch die "New York Times" kommt für den US-Präsidenten kurz vor der Wahl reichlich ungelegen. Schließlich wird sein Märchen vom Wirtschaftsgenie entlarvt. Schaden muss ihm die Affäre dennoch nicht.

Donald Trump ist einer weiteren Lüge überführt worden: Die "New York Times" zitiert aus Steuerunterlagen des selbsterklärten "größten Deal-Machers", die ein vollkommen anderes Bild des Unternehmers und US-Präsidenten zeichnen. Trumps angeblicher unternehmerischer Erfolg ist demnach wie seine Reality-TV-Sendung "The Apprentice", die ihn in den USA so berühmt gemacht hatte: nur Show. In Wahrheit drücken den 74-Jährigen demnach Hunderte Millionen Dollar Schuldenlast, chronische Verluste in vielen seiner Unternehmungen und sinkende Gewinne aus den bisher profitablen Geschäftszweigen.

Trump ist schon oft beim Lügen erwischt worden, aber diesmal geht es um den Kern seiner Selbstdarstellung: ein Genie zu sein, das mit mutigen Entscheidungen zu unermesslichem Reichtum gelangt ist. Hier und da mit vielleicht etwas dreisten Mitteln aber immer ganz im Sinne des amerikanischen Traums, ein Leben in Prunk und Luxus zu führen. Für viele seiner Wähler war diese Qualität ein Kernargument, Trump 2016 zum Präsidenten zu wählen. Ihr von der Wahl-Kampagne befeuertes Kalkül lautete: Dieser Mann schafft, was er will. Wenn er Amerika wieder großartig machen will, schafft er das auch.

Trump wollte Veröffentlichung nicht

Tatsächlich aber ist Trump kein Überflieger in Fragen von Investitionen und Finanzen, sondern offenbar ein Blender: Der "New York Times"-Bericht zeigt auf, dass er schon zu Beginn seiner Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner in Schwierigkeiten steckte. Seine damals als aussichtslos geltende Bewerbung sollte demnach vor allem die Person Trump wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Schließlich war und ist der Verkauf von Rechten an der Marke "Trump" eines seiner lukrativsten Geschäfte.

Es verwundert deshalb nicht, dass Trump in den vergangenen Jahren alles unternommen hat, eine Veröffentlichung seiner Steuerdaten zu verhindern. In zehn von fünfzehn Jahren kein Einkommen zu versteuern zu haben, passt einfach nicht zur Mär des beständig reicher werdenden Genies. Zugleich ist nicht ausgeschlossen, dass Trump gezielt Gewinne durch übertriebene Kosten und hochgerechnete Schuldenlast kleinrechnet. Steuervermeidung ist ein Sport, für den sich viele Unternehmen und ihre Eigner begeistern. Trump bildet da keine Ausnahme. Doch selbst in diesem Fall sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Trump könnte in den kommenden Jahren von seinen hohen Verbindlichkeiten eingeholt werden. Was dann von seinem Imperium übrig bliebe, vermag niemand zu sagen. Vom Weißen Haus aus ließe sich ein Teil-Bankrott aber mutmaßlich leichter abwenden. Gläubiger dürften eher Skrupel haben, einen amtierenden Präsidenten bloßzustellen.

Umso ungünstiger ist der Zeitpunkt der "New York Times"-Veröffentlichung für Trump: Am Dienstagabend schon steht das erste TV-Duell mit dem demokratischen Herausforderer Joe Biden an. Der wird sich diese Vorlage mit Sicherheit nicht nehmen lassen und vor Trump-Wählern und Unentschlossenen den Inhalt dieses Berichts genüsslich ausbreiten. Manche Kommentatoren sehen deshalb in den Steuerunterlagen bereits den letzten Sargnagel für Trumps Wiederwahl.

Trump-Fans beschäftigen andere Themen

Zwingend aber ist das nicht: Schon jetzt ist absehbar, dass überzeugte Trump-Wähler von dem Bericht kaum irritiert sein dürften. Entweder, weil sie diese Nachricht gar nicht erst erreicht oder sie die Steuerberichte wegen ihrer Herkunft nicht glauben wollen. "Fake News", reagierte Trump via Twitter auf den Bericht. Eben solche gefälschten Nachrichten unterstellt er der "New York Times", seit Jahren zu produzieren. Dafür gibt es zwar keine Beweise, was aber stimmt: Die liberalen Medien haben sich seit Beginn seiner Amtszeit auf Trump eingeschossen, weshalb dessen Unterstützer gar nichts anderes von der "Times", der "Washington Post", von CNN und MSNBC erwarten als schlechte Nachrichten über ihren Präsidenten. In ihren eigenen Blasen dominieren ganz andere, positive Nachrichten.

Evangelikale und Katholiken zum Beispiel lobpreisen in diesen Tagen die umstrittene Nominierung der Konservativen Amy Coney Barret als neue Richterin für den Supreme Court. Auch die von Trump angekündigte Anordnung eines "Born Alive"-Gesetzesaktes, der Forderungen von Abtreibungsgegnern nachkommt, beschäftigt das konservative Wählerlager derzeit. Trump hat den religiösen Wählern viel geliefert. Über sein oft unchristliches Verhalten sehen die meisten von ihnen hinweg. Hinzu kommen von Trump befeuerte Gerüchte, es drohe ein Betrug bei der Briefwahl und dass Biden für seine Auftritte starke Medikamente brauche. Wegen Letzterem fordert Trump gar einen Drogentest vor dem TV-Duell.

Verteidigung absehbar

Ein Blick in das Trump-nahe Medienportal "Breitbart" zeigt zudem eine weitere Verteidigungslinie Trumps auf: Die Steuerunterlagen liefern keine Belege für frühere Vorwürfe liberaler Medien gegen Trump. Weder finden sich Hinweise auf ominöse Geschäftsbeziehungen nach Russland noch auf Zahlungen an Trumps früheren Anwalt Michael Cohen. Dieser soll in Trumps Namen Schweigegeld an Pornostar Stormy Daniels gezahlt haben, damit diese nicht über ihre angebliche Affäre mit Trump spricht - was Vorwürfe illegaler Wahlkampffinanzierung nach sich zog.

Das Trump-Lager wird die Unterlagen also eher in ihr Gegenteil verkehren, die entlastenden Momente betonen und ansonsten kritisieren, dass die "New York Times" die Steuerunterlagen nicht teilt. Das macht die Redaktion zum Schutz ihrer Quellen nicht, erleichtert es dem Trump-Lager aber, die Echtheit der Behauptungen anzuzweifeln.

Unmoralisch oder durchsetzungsstark?

Trump-Fans werden also kaum erschüttert sein. Ebenso, wie Trump-Gegner sich zwar bestätigt sehen werden, aber kaum zusätzlicher Argumente für ihre Meinung über Trump bedürfen. Mit Blick auf die Wahl kommt es daher auf die Unentschlossenen in den großen Wechselwähler-Staaten an. Lassen sie sich davon beeindrucken, dass Trump nicht der ist, der er vorgibt zu sein? Fühlen sie sich überhaupt getäuscht von ihrem Präsidenten?

Schon 1987 schrieb Trump in seinem Buch "The Art of the Deal" darüber, wie er die Fantasien der Menschen bedient. "Die Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte und das Großartigste und das Spektakulärste ist", schrieb der damalige Immobilienunternehmer. "Ich nenne das wahrhaftige Übertreibung. Es ist eine unschuldige Form der Übertreibung - und eine sehr wirksame Form der Werbung." Überzogene und falsche Darstellungen sind in diesem Weltbild als Mittel zum Zweck legitim. Der Zweck, US-Präsident zu werden, wurde erfüllt. Ob so ein Verhalten eines Staatsoberhaupts unwürdig oder Ausdruck von Trumps Durchsetzungsstärke ist, entscheiden die US-Wähler in fünf Wochen. Der Ausgang ist offen.

Quelle: ntv.de