Politik

Die Stimmen der Deutschtürken "Manche Kulturen brauchen 'ne starke Hand"

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Anstehen für die Abstimmung vor dem türkischen Generalkonsulat in Berlin.

(Foto: imago/Uwe Steinert)

Türken in Deutschland stimmen über Erdogans Präsidialsystem ab. Wie entscheiden sie sich? Welche Argumente führen sie an? Ein Besuch vor dem Wahllokal im Konsulat in Berlin.

Nuri Ergünlü (41 Jahre alt)

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Für Nuri Ergünlü ist Erdogan der beste Führer der Welt.

(Foto: Issio Ehrich)

"Seit Sultan Abdülhamid ist Erdogan der beste Führer", sagt Nuri Ergünlü. "Der beste Führer der Welt." Ergünlü ist 41 Jahre alt und hat gerade für die Reform der Verfassung gestimmt. So wie es - davon ist er überzeugt - noch viele Deutschtürken tun werden. "Dieses Mal gehen mehr Leute wählen - wegen der Europäer, wegen dieser Hetzkampagne."

Auf die Frage, warum Erdogan der beste Führer seit Abdülhamid sei, dem letzten wirklich autokratischen Herrscher des Osmanischen Reiches, antwortet Ergünlü: Erdogan und seine Regierung würden zum Beispiel den weltgrößten Flughafen bauen. "Wenn der fertig ist, sind London und Frankfurt am Arsch."

Wer glaubt, Ergünlü sei ein Jünger von Erdogans Regierungspartei AKP, irrt. Darum geht es ihm bei aller Verehrung Erdogans nicht. "Wenn Europa Ja zum Referendum gesagt hätte, hätte ich Nein gesagt", versichert er. Ergünlü zitiert einen Imam, der vor 600 Jahren gelebt hat. Eines Tages, so habe dieser gesagt, kämen Zeiten, in denen man nicht mehr wisse, wer Freund und Feind sei. Dann, so der Imam, müsse man genau hinschauen, in welche Richtung die Pfeile flögen. Dort, wo das Ziel der Pfeile sei, dort sei dein Freund.

Kurz bevor Egünlü in seine schwarze Limousine steigt und davonbraust, sagt er: "Wenn die Leute mich sehen, denken sie bestimmt, ich bin beim IS." Doch ihm sei egal, ob jemand Moslem, Jude oder Christ sei. "Wir wollen alle in Frieden leben und unsere Freiheit haben."

Ercan Ergün (40 Jahre alt, Angestellter)

"Wir haben uns natürlich gegen Erdogan entschieden", sagt Ercan Ergün, der gerade mit seiner Mutter aus dem Wahllokal kommt. "Wir sind Aleviten", erklärt der 40-Jährige, eine religiöse Minderheit in der Türkei. "Wir werden seit Jahrhunderten benachteiligt. Unter Erdogan werden mit unseren Steuern die Leute finanziert, die uns umbringen wollen." Ergün spricht vom Bau neuer Moscheen, in denen Hassprediger eine Bühne hätten. "Unsere Gebetshäuser werden nicht vom Staat finanziert."

Welche Rolle spielen die Stimmen aus Deutschland?

Nach Istanbul, Ankara und Izmir ist Deutschland rechnerisch der viertgrößte türkische Wahlkreis. Rund 1,4 Millionen Wahlberechtigte leben in der Bundesrepublik. Evet oder Hayir, Ja oder Nein? Diese Frage beantworten die Deutsch- und Auslandstürken schon in diesen Tagen. Während das Referendum über das Präsidialsystem in der Türkei am 16. April stattfindet, läuft die Abstimmung in Deutschland vom 27. bis zum 9. April. Danach kommen die Wahlzettel zur Auszählung in die Türkei.

In der Vergangenheit stimmten die Deutschtürken mehrheitlich für den Kurs Recep Tayyip Erdogans. Allerdings war die Wahlbeteiligung gering und Lobbyorganisationen der regierenden AKP in Deutschland mobilisierten stark im Pro-Erdogan-Lager.

Aktuelle repräsentative Umfragen unter Deutschtürken gibt es nicht. In der Türkei liegen das Ja- und das Nein Lager nah beisammen. Die Stimmen der Auslandstürken – insgesamt sind es fünf Millionen auf der Welt - sind wichtig.

Der Angestellte in einem Krankenhaus befürchtet, dass sein Widerstand gegen Erdogan nicht ausreichen wird. Ergün macht auch die Stimmung in Deutschland Sorgen. "Sprüche, die früher nur von Rechtsradikalen kamen, hört man immer öfter." Ergün spielt auf Deutschtürken an, die oft pauschal als Erdogan-Fans eingestuft werden und Sachen zu hören bekämen wie: "Warum geht ihr nicht in die Türkei, wenn es dort so schön ist!"

Als Ergün sich für ein Foto vor das Generalkonsulat stellt, fragt seine Mutter: "Was machst du da?" Ergün witzelt: "Das ist fürs Gefängnis."

Elif Delikaya (18 Jahre alt, Abiturientin)

"Mit der Gewaltenteilung haben wir keine guten Erfahrungen gemacht, auch wegen des Putsches", sagt Elif Delikaya. "Um sowas zu verhindern, wäre es besser, wenn eine Person etwas mehr Macht hat."

Delikaya ist 18 Jahre alt, hat einen offenen, wachen Blick. Die Abiturientin hat sich intensiv mit den Inhalten der Reform auseinandergesetzt. "Ich weiß, dass Erdogan einfach das Parlament auflösen kann", sagt sie. "Aber ich habe Vertrauen in ihn." Auf die Frage, was ist, wenn Erdogan nicht mehr regieren kann, antwortet Delikaya: "Ich hoffe, sein Nachfolger ist jemand, den Erdogan ausgewählt hat." Ob sie sich so ein System auch für Deutschland vorstellen kann? "Das kommt darauf an, wer regiert." Angela Merkel? "Ja, warum nicht."

Merve Erm (25 Jahre alt, App-Designerin)

"Es ist doch nun wirklich nicht schwer, sich zu entscheiden", sagt Merve Erm. Die 25-Jährige ist UI/UX-Entwicklerin, sie gestaltet Apps für Smartphones. "Wenn wir nach dieser Wahl nochmal abstimmen wollen, ist offensichtlich, wie man sich entscheiden muss." Mit Nein zum Präsidialsystem. Aber - das fügt Erm hinzu - sie könne niemanden dafür verurteilen, die falsche Entscheidung zu treffen.

Erm kommt aus Istanbul, hat erlebt, wie sich die Stadt in den vergangenen Jahren verändert hat. Es waren keine positiven Veränderungen für eine junge Frau, die mit ihrer Mütze auch in Berlin aus der Menge heraussticht. "Ich kenne Leute, die seit zehn Jahren in Deutschland leben und keine Ahnung mehr haben, was in der Türkei eigentlich los ist." Sie würden sich nur aus den staatstreuen türkischen Medien informieren, die ein verzerrtes Bild zeichneten. "Wenn man schon so lange im Ausland lebt, sollte man wirklich nicht mehr wählen."

Ilias Arslan (52 Jahre alt, Handwerker)

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Die Diskussion über das Präsidialsystem in Deutschland findet Arslan "niveaulos".

(Foto: Issio Ehrich)

Besonders wichtig sind für Ilias Arslan Dinge, die "Hand und Fuß" haben, Dinge, die "man sehen kann". Der 52-jährige Altbausanierer hat mit Ja gestimmt, weil Erdogan viel für den einfachen Bürger getan habe - vor allem wirtschaftlich. Arslan möchte, dass es so bleibt.

Bei dem Handwerker muss sich viel angestaut haben, Redepausen macht er nicht. Kaum hat er seine Entscheidung begründet, geht es um die Details der Reform, um Umfragewerte, europäischen und US-amerikanischen Interventionismus. Die Diskussion über das Präsidialsystem in Deutschland findet Arslan "niveaulos". Da würden zu viele Leute ihre Meinung herausschreien, ohne wirklich zu wissen, worum es geht.

Stimmt es denn nicht, dass die Gewaltenteilung leiden würde? Man dürfe nicht immer alles mit der Bundesrepublik vergleichen. "Wenn hier in Deutschland Wahlen anstehen und keine Regierung zustande kommt, dann läuft alles ganz normal weiter. Deutschland ist eine alteingesessene Demokratie. Wenn in der Türkei nach der Wahl keine Regierung gebildet werden kann, entsteht ein Chaos, das sich keiner vorstellen kann. Das begreifen die Europäer nicht." Arslan sagt: "Manche Kulturen brauchen 'ne starke Hand."

Deniz Kurt (30 Jahre alt, Studentin)

Deniz Kurt ist die Überraschung noch anzumerken, als sie aus dem Wahllokal kommt. "Da war diese alte Frau, die wählen wollte", erzählt die 30-Jährige. "Sie hat die Wahlhelfer gefragt, wo sie ihr Kreuz machen soll. Sie hatte keine Ahnung, worum es überhaupt geht."

"Ich bin mittlerweile ziemlich pessimistisch", sagt Kurt. "Seit den Gezi-Protesten haben wir jeden Tag an Hoffnung verloren." Als sich die Möglichkeit bot, in Deutschland englische Literatur zu studieren, zögerte Kurt wie viele ihrer Freunde nicht. Sie wanderte aus. Jetzt befürchtet sie, dass es in ihrer alten Heimat noch schlimmer wird.

"Wir müssen doch eigentlich alle mit Nein stimmen", sagt Kurt. "Das gebietet der gesunde Menschenverstand." Doch sie glaubt nicht mehr daran. "Ich wurde seit so vielen Jahren nicht mehr positiv von der Türkei überrascht." Kurt hat nicht abgewartet, um zu sehen, wie sich die alte Frau entschieden hat.

Quelle: n-tv.de

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