Deutscher Arzt hilft in der Ukraine"Manchmal steht man fassungslos davor"

Medizin unter der Erde, Drohnen über der Stadt und Menschen, die trotzdem bleiben: Der Freiburger Arzt Matthias Werner kommt aus seinem zwölften Einsatz in der ukrainischen Frontstadt Cherson.
Freitagmittag, irgendwo zwischen Ternopil und Lwiw. An einer Tankstelle mitten im Nichts steht ein Auto im Leerlauf, der Himmel ist grau. Drinnen warten drei Menschen auf die Weiterfahrt nach Deutschland. Einer von ihnen ist Matthias Werner, 62 Jahre alt, Allgemeinarzt aus Kirchzarten bei Freiburg. Nur wenige Stunden zuvor war er noch in Cherson im Einsatz, im Süden der Ukraine, nur wenige Kilometer von der Front entfernt. Jetzt ist er am Telefon, erschöpft, aber gesprächig. Es war bereits seine zwölfte Reise, sagt er. Zwölfmal Ukraine, zwölfmal Krieg, zwölfmal zurück in eine Welt, in der medizinische Versorgung oft nur noch improvisiert funktioniert.
Eine Woche war er jetzt wieder in der Ukraine. Seine zwei Begleiter und er schlafen in einem Hotel in Mykolajiw. Jeden Morgen geht es nach Cherson, 65 Kilometer entfernt. Der Weg beginnt an Straßensperren. Kontrollposten, Ausweise, registrierte Telefonnummern. Immer wieder Stopps, immer wieder Kontrolle. Am Ende warten die Front, kranke Menschen und viel Arbeit. "Dann fahren wir direkt in den Bunker zum Arbeiten", sagt er, und es klingt sachlich, fast routiniert.
Bunker. Das sind keine militärischen Anlagen, sondern umgebaute Keller. Dicke Betonwände, einfache Stühle, eine provisorische medizinische Station unter der Erde. Dort warten die Menschen schon, wenn Werner eintrifft. Etwa 50 Menschen pro Tag werden behandelt, sagt der Deutsche. Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes, Schmerzen. Gerade Diabetes hätten laut Werner einige entwickelt. Das liege unter anderem an der schlechten Ernährung vor Ort. Und er behandle Menschen, die einfach nur noch erschöpft sind.
"Die Menschen sind gestresst genug", sagt er leise. Viele hätten den Krieg nicht nur im Kopf, sondern im Körper. Schlaflosigkeit, Angst, Daueranspannung. Und dann die ganz praktischen Probleme: Medikamente, die fehlen. Nahrung, die knapp wird. Geld, das nicht reicht. Ein Zuhause, das sich seit langem nicht mehr sicher anfühlt. Er sagt, sie versuchen trotzdem, so normal wie möglich zu arbeiten. Blutdruck messen, Diagnosen stellen, Medikamente ausgeben. Vielleicht hilft dieses Denken auch, dass einen nicht die Angst überkommt.
Je länger Werner erzählt, desto klarer wird, wie brüchig das medizinische System geworden ist. "Die Krankenhäuser laufen auf Sparflamme", sagt er. Ärzte seien gegangen, Operationen würden verschoben, vieles sei nur noch Notbetrieb. Und oft scheitere Hilfe nicht an Wissen oder Willen, sondern am Geld. Besonders schwer sei es, wenn der Verdacht auf schwere Erkrankungen bestehe. "Der schlimmste Fall ist, wenn man bei jemandem den Verdacht auf Krebs stellt", erzählt er. Oft bleibe dann nur die Hoffnung, dass ein Krankenhaus die Patienten überhaupt noch aufnehmen könne. Viele Menschen hätten kein Geld für weitere Behandlungen.
Ist es ein Vogel oder eine Drohne?
Dann erzählt er von einem Patienten mit schwerer Herzerkrankung. Ein Eingriff wäre dringend nötig gewesen. Kosten: rund 600 Euro. Rente: 150 Euro im Monat. "Dann stehen wir fassungslos davor." Für einen Moment sucht Werner nach Worten. In Deutschland gebe es solche Probleme ja quasi nicht.
Über allem Geschehen liegt eine permanente Anspannung. "Wenn man draußen ist und irgendetwas surrt, schaut man sofort nach oben", sagt der Deutsche. Die Gefahr durch Drohnen ist allgegenwärtig. Manchmal reiche schon ein Generator. Eine Klimaanlage. Ein Geräusch, das früher niemand bemerkt hätte. Heute verändert es die Körperhaltung der Menschen. Ruhe bedeutet dort nicht automatisch Sicherheit.
Viele würden inzwischen bei jedem Vogel kurz innehalten und schauen, ob es wirklich ein Vogel oder aber eine Drohne ist. Erst prüfen, dann weitergehen. Wie real die Gefahr ist, habe Werner direkt bei seiner ersten Fahrt nach Cherson erlebt. Noch am ersten Tag habe ein Freund angerufen, der Kontakte ins ukrainische Militär habe. "Die Russen hatten uns offenbar getrackt", erzählt Werner. Danach habe das Team zusätzliche Verhaltensregeln bekommen.
Ob er keine Angst hat? "Angst", sagt Werner, "ist das falsche Wort". Vor Ort in der Gefahr sei das eher Aufmerksamkeit und keine Angst. Die eigentliche Anspannung kommt vorher - auf der Fahrt, in der Vorbereitung. Vor Ort verschiebt sich etwas. Man funktioniert. "Hat man die Gefahr erst einmal vor sich, versucht man sie zu managen."
Was bleibt, sind nicht nur die Einsätze. Es sind die Geschichten der Menschen. Dinge, die man nicht einfach wieder ablegt, wenn man den Bunker verlässt. Dinge, die weit über die Ländergrenze hinausgehen.
Vor Kriegsbeginn zählte Cherson ungefähr 300.000 Einwohner. Mittlerweile sind es schätzungsweise nur noch 50.000. Trotz des Dauerbeschusses bleiben viele Menschen in Cherson. Wieso? Auch darauf hat Matthias Werner eine Antwort. Sie gehen nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. "Viele haben gar nicht das Geld zu fliehen", sagt Werner. Andere wollten bleiben, weil ihr Leben dort sei. Ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Alltag, der einmal normal war.
Eine alte Frau und ein Moment, der hängenbleibt
Werner ist zum zwölften Mal in der Ukraine. Und er sagt, es werde nicht das letzte Mal sein. "Wir wollen diese Menschen nicht im Stich lassen", sagt er. Viele Menschen dort seien einfach dankbar, dass jemand kommt. Dass jemand bleibt, zumindest für eine Zeit.
Am Ende erzählt Werner von einem Moment, der nichts mit Explosionen zu tun hat, nichts mit Drohnen oder Kontrollposten. Eine ältere Frau habe Medikamente bekommen. Mehrere Packungen, einfach so. "Sie konnte gar nicht begreifen, dass wir ihr das schenken", sagt der Arzt. Die Medikamente hätten umgerechnet mehrere Monatsrenten gekostet. Die Frau habe angefangen zu weinen. Nicht laut. Einfach so, mitten im Bunker. Sie habe geweint - nicht wegen einer spektakulären Rettung. Sondern wegen ein paar Packungen Medikamente. Vielleicht sind es genau diese Momente, die bleiben.
Freitagmittag sitzt Werner im Auto Richtung Deutschland. Auf der Webseite seiner Arztpraxis in Freiburg steht "Liebe Patienten, die Praxis bleibt vom Montag, den 04.05.2026 bis einschließlich Freitag, den 08.05.2026 geschlossen." Ab Montag ist er wieder Hausarzt, stellt Rezepte aus, misst Blutdruck, behandelt Erkältungen. Nur eben in Freiburg. "Wie war Ihr Urlaub?", fragen manche Patienten vielleicht. Was man darauf antwortet, wenn man gerade aus Cherson kommt, weiß Werner vermutlich selbst nicht genau.