Politik

"Virus bestraft Halbherzigkeit" Merkel erklärt ihre Wellenbrecher-Strategie

Am ersten Tag des neuen Teil-Lockdowns spricht Kanzlerin Merkel den Deutschen Mut zu und appelliert an deren Vernunft: Wenn es in den kommenden Wochen gelinge, die Virus-Ausbreitung zu bremsen, könne es einen "erträglichen Dezember" geben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eindringlich für den am Montag begonnenen November-Lockdown geworben, für den sich die Regierung "schweren Herzens, aber auch aus Überzeugung" entschieden habe. "Wir müssen wieder in eine Region von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen kommen", begründete Merkel die umfassenden Schließungen und Einschränkungen des Alltagslebens. Bis zu diesem Wert sei die Corona-Pandemie beherrschbar, weil Kontakte nachvollzogen werden könnten.

Derzeit liege die 7-Tage-Inzidenz bei 127,8. "Das ist eine Naturkatastrophe, mit der wir umgehen müssen", so Merkel. "Ich kann Unmut und Unwillen verstehen, muss aber trotzdem für Akzeptanz werben." Sie sei optimistisch, dass eine große Mehrheit der Deutschen das auch verstehe. "Wir sind ganz wesentlich davon abhängig, dass die ganz große Zahl der Menschen mitmacht und vernünftig ist", appellierte Merkel. "Ob diese große gemeinsame Kraftanstrengung etwas bringt im Monat November, das hängt nicht nur von den Regeln ab, sondern auch davon, ob diese Regeln befolgt werden. Jede und jeder hat es in der Hand, diesen November zum Erfolg zu machen."

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"Das Virus bestraft Halbherzigkeit", erklärte sie zur Rigorosität des Lockdowns. "Das bedeutet, vier Wochen lang verzichten auf vieles, was das Leben schön macht." Der Lockdown könne "in dieser zweiten Welle ein Wellenbrecher" sein. Mit Blick auf die Corona-Zahlen in Israel sagte Merkel: "Es ist unzweifelhaft, dass Beschränkungen auch zu Ergebnissen führen." Für den gewünschten Erfolg müssten die Bürgerinnen und Bürger im Idealfall drei von vier sozialen Kontakten meiden.

Keine Normalität ab Dezember

Am 16. November wolle sie mit den Ministerpräsidenten der Länder erneut beraten, ob die getroffenen Entscheidungen ausreichen oder weitere Maßnahmen nötig sind. "Wir werden politisch alles versuchen, damit es auf den November beschränkt bleibt", sagte Merkel. "Ich möchte heute noch nicht über den 30. November spekulieren", sagte sie zur Frage, wie der Dezember ablaufen werde. "Es wird am 1. Dezember nicht die Normalität einkehren, wie wir sie vor Corona kannten."

Wenn es in den kommenden vier Wochen gelingen würde, die Virus-Ausbreitung in Deutschland zu bremsen, schaffe dies die Voraussetzungen für einen "erträglichen Dezember" mit Corona-Regeln, aber auch wieder mit mehr Freiräumen. "Es wird ein Weihnachten unter Corona-Bedingungen sein, aber es soll kein einsames Weihnachten sein", sagte Merkel und erwähnte unter anderem Möglichkeiten der freiwilligen Vor-Quarantäne. "Dass es die großen rauschenden Silvesterfeiern gibt, das glaube ich nicht."

Merkel erklärte, dass die verordneten Schließungen auch daraus resultieren, dass das überwiegende Wirtschaftsleben, Schulen und Kitas möglichst offenbleiben sollen. "Wenn aber all diese Kontakte unabdingbar sind, dann müssen andere eingeschränkt werden", sagte Merkel. Sie relativierte zudem die Tatsache, dass Bars und Gaststätten bisher kaum als Ansteckungsorte aufgefallen sind. "So viele Hochzeiten, Feiern und Partys gibt es gar nicht, wie Menschen gerade infiziert sind."

"Wer mir sagt: 'Ihr habt an der falschen Stelle geschlossen', der soll mir genau sagen, an welcher Stelle wir dann sonst schließen sollen", verteidigte Merkel ihren Kurs. Wenn die Wirtschaft weiterlaufe, könne sich Deutschland Entschädigungen für die nun betroffenen Branchen auch leisten. "Ein gutes Durchkommen durch die Pandemie ist das Beste für die Wirtschaft", sagte Merkel. In der Abwägung Kitas und Schule oder Restaurants und Konzerte seien letztere unterlegen.

Zwischen Frust und Hoffnung

Den Gastronomen und Club-Betreibern versprach die Kanzlerin: "Niemand wird mit seinen Einnahmeausfällen in diesem Monat alleine gelassen". Die von den Unternehmern getroffenen Hygienevorkehrungen würden in Zukunft "noch sehr wertvoll sein". Aber nur wenn das Virus unter Kontrolle sei, könnten diese Hygienemaßnahmen auch ihre Wirkung entfalten." Die Kultur bringe "für die gesamte Gesellschaft ein Opfer, genauso wie die Restaurants, Bars und Clubs", sagte sie und bekräftigte: "Wir machen doch das nicht gerne."

Zur Forderung, die Risikogruppen besser zu schützen, sagte Merkel mit Blick auf die vielen über 60-Jährigen in Deutschland. "Für 30 bis 40 Prozent der Gesellschaft sozusagen den Einkaufsdienst zu erledigen, ist nicht möglich." Kritik an fehlender Mitsprache des Bundestags wies Merkel zurück: "Der Bundestag wird schon gut eingebunden", sagte sie. "Die Tatsache, dass wir jetzt eine epidemiologische Gesamtlage haben, die ist vom deutschen Bundestag verabschiedet worden."

Sie betonte an verschiedenen Stellen ihr Verständnis für den wachsenden Frust: "Die Menschen sind etwas enttäuscht - und ich kann das verstehen -, dass das Ganze so lange anhält", sagte Merkel. "Das ist eine sehr, sehr schwere Zeit."

Aber es gebe auch Hoffnungsschimmer: "Wir haben im Gegensatz zum Frühjahr auch einige Lichtblicke", sagte sie unter Verweis auf mehr Schutzmaterial, neue Schnelltests und bessere Medikamente. "Wir haben auch Aussicht auf Impfstoffe, die in den nächsten Monaten zugelassen werden können." Bundesgesundheitsminister Jens Spahn habe das Kabinett informiert, dass in dieser Zeit "jede Woche zwei bis drei Millionen Menschen in Deutschland erkältet sind", sagte Merkel. Das mache Tests auch schwierig.

Quelle: ntv.de