Ermittlungen gegen Jermak"Minditschgate" setzt auch Selenskyj unter Druck
Von Denis Trubetskoy, Kiew
Bei den Ermittlungen gegen den früheren Präsidentenberater Andrij Jermak geht es unter anderem um vier Häuser, von denen eines für einen gewissen "Wowa" gedacht war. Der Name lässt aufhorchen.
Der Abgang von Andrij Jermak, dem einflussreichen Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros, dürfte eine der schwierigsten Entscheidungen gewesen sein, die Wolodymyr Selenskyj in seiner politischen Laufbahn fällen musste. Im In- und Ausland war der 54-jährige Jurist viel kritisiert worden, fungierte jedoch bis zu seinem Abgang im vergangenen November als eine Art rechte Hand des Präsidenten.
Offiziell war es ein Rücktritt, faktisch ein Rauswurf, der unmittelbar nach Hausdurchsuchungen der Antikorruptionsbehörden bei Jermak erfolgte. Bis zu seiner Entlassung war Jermak faktisch der ukrainische Diplomat Nummer eins, federführend zuständig für die schwierigen Verhandlungen mit den USA und Russland, und auch im Inneren hatte er bei vielen Fragen das Sagen.
Nach seinem Abgang übernahm Jermak eine Rolle als Ausschussleiter im Verband der ukrainischen Rechtsanwälte und besuchte weiterhin Einheiten der Armee nahe der Front. Insgesamt wurde es allerdings ruhig um den einst allgegenwärtigen Strippenzieher. Bis Montagabend: Da wurde ihm im Zentrum von Kiew eine offizielle Verdachtsmitteilung der Staatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung (SAP) zugestellt.
Und die hat es in sich: Laut SAP gehörte Jermak einer Gruppe an, die umgerechnet rund neun Millionen Euro gewaschen hat, um einen Luxusbaukomplex in der Ortschaft Kosyn bei Kiew zu bauen. Als vorbeugende Maßnahme hat die Staatsanwaltschaft beim zuständigen Gericht die Anordnung von Untersuchungshaft beantragt. Die geforderte Kaution liegt bei rund 3,5 Millionen Euro.
Operation "Midas"
Der Fall steht im direkten Zusammenhang mit der Operation "Midas" der SAP und des Nationalen Antikorruptionsbüros NABU, die Ende 2025 hohe Wellen schlug. Seit einigen Wochen sind die ukrainischen Medien wieder voll von Informationen - Leaks aus abgehörten Gesprächen, die während der Ermittlungen aufgezeichnet wurden.
Im Zentrum der Operation "Midas", in der Ukraine auch als "Minditschgate" bekannt, steht vor allem der inzwischen nach Israel geflohene und mit ukrainischen Sanktionen belegte Unternehmer Timur Minditsch, dem einst 50 Prozent an Kwartal 95 gehörten - Selenskyjs ehemaliger TV-Produktionsfirma. Selenskyj wohnte zudem vor dem 24. Februar 2022 im gleichen Gebäude im Kiewer Regierungsviertel wie Minditsch.
Zunächst einmal ging es bei "Minditschgate" vor allem um die Korruption im ukrainischen Energiebereich. Minditsch sorgte den Ermittlungen zufolge unter anderem dafür, dass Lieferanten des staatlichen Energiekonzerns Enerhoatom zehn bis fünfzehn Prozent von der Höhe eines Auftrages in eine schwarze Kasse zahlen mussten, um den Auftrag nicht zu verlieren und überhaupt bezahlt zu werden. Der Skandal betrifft darüber hinaus die ukrainische Verteidigungsbranche. Auf den vom NABU veröffentlichten Telefonaten ist etwa zu hören, wie Regierungsposten von Minditsch und Co. regelrecht verteilt wurden. Mehrere Minister mussten infolge des Skandals zurücktreten.
Wem gehören die vier Häuser am Dnipro?
Von Anfang an wurde darüber spekuliert, dass auf "Minditschs Bändern" auch Jermak zu hören sein könnte - ihm wurden Spitznamen wie "Ali Baba" und "Chirurg" zugeordnet, die in den Gesprächen vorkommen. Und obwohl die Einflusssphären von Jermak und Minditsch etwas unterschiedlich sind, war es für die meisten Beobachter in Kiew schwer vorstellbar, dass Jermak nicht zumindest davon wusste.
Jedenfalls ist die Grundlage der Anklage gegen Jermak brisant. Der Bau von vier Häusern in Kosyn am Fluss Dnipro, der angeblich vom seit letztem Jahr deswegen angeklagten Ex-Vizepremier Oleksandr Tschernyschow organisiert und durch Minditschs schwarze Kasse finanziert wurde, beschäftigt ukrainische Medien schon länger. Aus den jüngsten Leaks, die vor allem vom Investigativjournalisten Mychajlo Tkatsch und dem Online-Medium Ukrajinska Prawda veröffentlicht wurden und deren Echtheit von Antikorruptionsorganen weder bestätigt noch dementiert wird, geht hervor, dass zwei der Häuser für Tschernyschow und Minditsch selbst gedacht waren.
Ist Wowa der Präsident?
Glaubt man den Transskripten, wurden zwei andere Häuser für einen "Andrij" und einen "Wowa" gebaut. Wowa ist eine Kurzform von Wolodymyr. Die Spekulation, dass sich hinter "Andrij" Jermak verstecken könnte, verhärtet sich nun. Der erfahrene Jurist bestreitet allerdings jegliche Vorwürfe. Ob es sich bei "Wowa" um den Präsidenten selbst handelt und ob der davon wusste, bleibt eine offene Frage. SAP betonte am Dienstag, der Präsident sei nicht Gegenstand der Voruntersuchung. Allerdings verbietet die ukrainische Verfassung Ermittlungen gegen den amtierenden Präsidenten in seiner Amtszeit.
Zu erwarten ist in jedem Fall ein längerer Prozess. Es gilt zwar als eher unwahrscheinlich, dass es jenseits der abgehörten Gespräche offizielle Dokumente gibt, die seinen Besitz des Hauses nachweisen würden. Angenehm ist die Situation für Selenskyj allerdings nicht. In den jüngsten Leaks rund um Minditschgate gibt es jedoch einen Zusammenhang, der dem Präsidenten sogar noch mehr Kopfschmerzen bereiten dürfte und der Folgen für die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine haben könnte.
Minditsch scheint für Rüstungsunternehmen geworben zu haben
Andere von Mychajlo Tkatsch veröffentlichte Transkripte erhärten den Verdacht, dass zwischen Minditsch und dem größten ukrainischen Drohnenproduzenten, Fire Point, ein direkter Zusammenhang besteht oder zumindest bestand. In einem Gespräch, das am 8. Juni 2025 geführt worden sein soll, versucht Minditsch, den damaligen Verteidigungsminister und heutigen Sekretär des Sicherheitsrates, Rustem Umerow, davon zu überzeugen, noch mehr Geld in das Rüstungsunternehmen zu investieren. Dabei benutzt er mit Blick auf Fire Point Wörter wie "wir" und "unser".
Das alles ist so komplex und heikel, dass es nicht überraschend ist, dass das Präsidentenbüro das Thema öffentlich nicht kommentiert. Denn an der militärischen Effektivität der Produkte von Fire Point gibt es kaum Zweifel. Experteneinschätzungen zufolge sind die Drohnen der Typen FP-1 und FP-2 für bis zu 70 Prozent der erfolgreichen Schläge im russischen Hinterland verantwortlich. Der von Fire Point entwickelte Marschflugkörper Flamingo ist inzwischen international bekannt, auch wenn hinter seiner Zuverlässigkeit Fragezeichen stehen. Zudem entwickelt Fire Point eigene ukrainische ballistische Raketen.
Das Unternehmen ist binnen weniger Jahre quasi aus dem Nichts entstanden - und es schien vielen in der Ukraine verdächtig, dass so viele Aufträge ausgerechnet an Fire Point gehen. Eine Verbindung zu Minditsch wurde immer wieder vermutet, von der Firma aber dementiert. Minditsch habe Anteile an Fire Point kaufen wollen, sei aber zurückgewiesen worden, hieß es stets.
Bislang ist Umerow nur Zeuge
Zum Problem für Fire Point könnte nun werden, dass Minditsch auf der ukrainischen Sanktionsliste steht. Außerdem gab es eine Mitfinanzierung durch ausländische Partner, vor allem aus Dänemark. Zwischen Fire Point und dem deutschen Unternehmen Diehl Defence wurde zudem eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung der Flugabwehr für europäische Länder angekündigt.
Im Kreuzfeuer steht vor allem der Sekretär des Sicherheitsrates Umerow, der weiterhin die ukrainische Verhandlungsdelegation leitet, auch wenn eher formell, und für die Beziehungen mit den Staaten der arabischen Welt essenziell ist. Bei einem anderen Sachverhalt geht es darum, dass das Verteidigungsministerium über Minditsch schusssichere Westen von mangelhafter Qualität beschafft haben soll. Laut NABU und SAP kommt Umerow in der bisherigen Ermittlung vorerst nur als Zeuge vor - und wurde in dieser Rolle bereits befragt.
Als Verteidigungsminister hatte sich Umerow, auf den einst große Hoffnungen gelegt wurden, nicht sonderlich gut geschlagen. In der Rolle einer Art "nationalen Sicherheitsberaters" des Präsidenten, ähnlich wie in den USA, ist er für Selenskyj allerdings wichtig. Die vollständige Trennung von ihm wäre daher ein Verlust. Ansonsten ist nicht davon auszugehen, dass Selenskyjs Vertrauenswerte unter massiver Gefahr stehen. Der Beginn der Operation "Midas" hat ihn im Schnitt bei Umfragen rund zehn Prozentpunkte gekostet, die er mittlerweile aufholen konnte. Insgesamt liegt die Zustimmung zu Selensky bereits seit längerer Zeit bei rund 60 Prozent, mit minimalen Schwankungen. Trotzdem wird er nun zunächst noch mehr unter Druck stehen als ohnehin.