Politik

CBS als Blaupause?Nächster US-Nachrichtensender wird in Trumps Sog gezogen

01.03.2026, 07:54 Uhr 20240327-DSC-8255Von Lukas Wessling
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Im Dezember sagte Trump vor Reportern im Weißen Haus: "Ich denke, CNN sollte verkauft werden. Weil ich überzeugt bin, dass die Leute, die CNN führen, entweder korrupt oder total unfähig sind". (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Mit CNN könnte bald einer der drei großen US-Nachrichtensender den Besitzer wechseln. Andere Medien reagieren mit Sorge: Der Sender CBS wurde vergangenes Jahr vom selben Konzern geschluckt - und ordentlich durchgeschüttelt.

Monatelang war erbittert um seinen Arbeitgeber gekämpft worden. Aber CNN-Analyst David Goldmann beschrieb auch den entscheidenden Moment nüchtern wie eh und je: Um einen Dollar je Aktie habe das Medienkonglomerat Paramount das Gebot erhöht. "Wenige Stunden später, nachdem Netflix-Chef [Ted Sarrandros] ein Treffen im Weißen Haus verlassen hatte, gab Netflix überraschend bekannt, es würde sich aus dem Bieterwettstreit zurückziehen", berichtete Goldman.

Goldmans stoische Ruhe ist auch deshalb erwähnenswert, weil andere lautstark um seinen Arbeitgeber fürchten: Jim Acosta, in Trumps erster Amtszeit CNNs Chefkorrespondent im Weißen Haus, schrieb auf X: "Amerika hat jetzt staatlich kontrollierte Medien." Wenn CNN in Schwierigkeiten gerate, sei das ganze Land in Schwierigkeiten. Die Besitzerfamilie des einzigen verbliebenen Bieters sind Verbündete von US-Präsident Donald Trump. Der hatte sich eindeutig öffentlich für die Übernahme ausgesprochen. Die Befürchtung außerhalb der Trump-Welt: Paramount wolle sich nicht nur einen bedeutenden Teil Hollywoods sichern, finanziell ertragreiche Studios wie HBO, sondern mit CNN auch einen Nachrichtensender, der kaum Erlös verspricht. Aber umso mehr Einfluss.

Paramount wird nicht nur von wirtschaftlichen Werten angezogen, das legen auch die Reaktionen von Börse und Marktbeobachtern nahe: Nach Netflix' Rückzug legte die Aktie des Streaming-Riesen nachbörslich um rund zehn Prozent zu. Das Geschäft sei "finanziell nicht mehr attraktiv", hatte Netflix seine Entscheidung erklärt, und die Anleger sahen das offenbar ähnlich.

Der deutsche Investor Philipp Klöckner sagte auf Anfrage von ntv.de, TV-Kanäle seien zwar wirtschaftlich keine Goldminen mehr - "aber sie geben den Besitzern Macht über die eigenen Narrative und die Politik". Deswegen habe Amazon-Gründer Jeff Bezos die "Washington Post" gekauft, deshalb habe Tesla-Chef Elon Musk Twitter übernommen.

Wie sich der Einfluss der Besitzerfamilie Ellison auswirken könnte, zeigt das Beispiel CBS. Der Fernsehsender wurde vergangenen August Teil des Medienkonglomerats Paramount Skydance. An der Spitze des Konzerns steht David Ellison, Sohn von Larry Ellison, dem Gründer des Software-Riesen Oracle. Ellison Senior entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einem der vermögenden Unterstützer von US-Präsident Trump.

Kurz vor dem Zusammenschluss mit Skydance machte CBS Schlagzeilen, weil der Mutterkonzern Paramount einen Gerichtsprozess gegen Trump mit einem Vergleich beendet hatte. Der Präsident erhielt 16 Millionen Dollar; wegen einer CBS-Sendung, die Trump als verfälschend kritisiert hatte. In den Augen von Kritikern war der Konzern eingeknickt vor Trump - aus Angst, die unter seinem Einfluss stehende Medienkartellbehörde FCC könnte die anstehende Fusion verhindern.

Viertel von Produktionsteam geht

Zwei Monate nach der geglückten Fusion bekam CBS eine neue Chefredakteurin: Bari Weiss, eine Journalistin ohne Fernseherfahrung. Abermals zwei Monate später, im Dezember 2025, machte Weiss Schlagzeilen, weil unter ihrer Führung ein Bericht der Nachrichtensendung "60 Minutes" kurz vor seiner Ausstrahlung zurückgezogen wurde. Der Bericht hatte sich mit einem Gefängnis in El Salvador auseinandergesetzt, in das die USA vorwiegend venezolanische Migranten abschieben, wo sie laut den UN und NGOs unter menschenrechtswidrigen Bedingungen einsitzen und gefoltert werden. Meist ohne vorher ein Gerichtsverfahren durchlaufen zu haben.

Laut der "New York Times" hatte Weiss verlangt, den Bericht um die Sichtweise der Trump-Regierung zu ergänzen. CBS begründete die Zurückziehung mit zusätzlichem Recherchebedarf, die verantwortliche Reporterin Sharyn Alfonsi hingegen sprach von einer "politischen" Entscheidung. In einer internen Mitteilung schrieb sie laut übereinstimmenden Medienberichten, der Beitrag sei sachlich korrekt, fünfmal geprüft und von Juristen sowie internen Kontrollgremien freigegeben worden.

Ihr Team habe die Regierung mehrmals um Stellungnahmen gebeten. Offenbar ohne Erfolg. Trump und sein Team könnten unangenehme Berichterstattung ab sofort einfach blockieren, schrieb Alfonsi demnach, "wenn die Weigerung der Regierung, sich zu beteiligen, zu einem triftigen Grund wird, eine Geschichte zu unterbinden".

In der Folge nahm ein Viertel des Produktionsteams von "60 Minutes" Abfindungen an und verließ den Sender. Eine Mitarbeiterin schrieb zum Abschied, möglicherweise sei nicht länger nur der journalistische Wert eines Beitrags entscheidend. Sie befürchte, "eine Reihe sich wandelnder ideologischer Erwartungen" könnten zukünftig den Ausschlag geben.

Europäische Kartellbehörden könnten Deal platzen lassen

Während bei CBS die Entlassung von 2000 Mitarbeitern verkündet wurde, baute CBS-Chefin Weiss alte Weggefährten als neue Aushängeschilder des Senders auf. Weniger klassische Nachrichtensendungen, mehr meinungsgetriebene Formate, offener nach rechts. So beschrieben Beobachter den Wandel. Weiss sprach von größerer Meinungsvielfalt. Konzernchef Ellison sagte, CBS solle "das große US-Publikum in der politischen Mitte" erreichen.

In diesem Zuge wurde auch die Sendung des Late-Night-Urgesteins Stephen Colbert abgesetzt. Offiziell war es eine "rein finanzielle" Entscheidung. Viele in der Branche vermuteten ein Geschenk an Trump. Der feierte die Absetzung eines seiner bissigsten Kritiker: "Stephen Colbert ist ein erbärmlicher Versager", schrieb Trump.

Derzeit ist es nur eine Befürchtung, dass es bei CNN genauso laufen wird wie bei CBS. Noch steht eine Genehmigung der Kartellbehörden aus. Experten erwarten Prüfungen in den USA und im Ausland. Analysten halten eine Genehmigung durch die US-Bundesbehörden im aktuellen politischen Umfeld für wahrscheinlich und verweisen auf Larry Ellisons Nähe zu Trump.

Widerstand könnte aus Bundesstaaten wie Kalifornien kommen; der dortige Justizminister kündigte eine "intensive Prüfung" an. Auch europäische Regulierer werden voraussichtlich ein Wörtchen mitreden wollen. Paramount-Chef Ellison reiste vergangenes Jahr auch deshalb nach Deutschland und Großbritannien, traf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, warb für politische Unterstützung. Schließlich ist das Streamingangebot von Paramount+ und dem Warner-Ableger HBO Max auch auf dem europäischen Markt vertreten, auch in europäischen Kinos laufen Filme der beiden Giganten.

Transparenzhinweis: HBO ist ein Partner von RTL+

Quelle: ntv.de

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