Politik

Interview mit Claudia Roth "Mit Rostock-Lichtenhagen verbinde ich entgrenzte Gewalt"

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Claudia Roth ist Kulturstaatsministerin der Bundesregierung, 1992 war sie Europaabgeordnete und Fraktionsvorsitzende der Europäischen Grünen im Europaparlament.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im August 1992, vor dreißig Jahren, setzt ein rechtsextremer Mob das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen in Brand. Nachbarn und Zugereiste jubeln, während im Haus mehr als 100 Menschen um ihr Leben fürchten. Als junge Europaabgeordnete fährt Claudia Roth kurz nach Beginn der Ausschreitungen dorthin – gemeinsam mit ihren Eltern. Wie blickt die Grünen-Politikerin heute auf die Ereignisse in der Hansestadt?

Programmhinweis

Das Interview mit Claudia Roth wurde für die Dokumentation "Eine Stadt brennt – das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen" (19.05 Uhr bei ntv) geführt. Dreißig Jahre nach diesen Übergriffen liefert die News-Reportage exklusive und neue Einblicke auf das Pogrom von Rostock. Betroffene von damals kommen zu Wort und zeigen, was sich seitdem verändert hat und wie es heute um den Rechtsextremismus in der Stadt steht.

ntv: Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Sie davon erfahren haben, was da in Rostock-Lichtenhagen passierte?

Claudia Roth: Ich habe in den Nachrichtensendungen davon gehört und vor allem die Bilder aus Rostock gesehen, diese Bilder, die einem so fremd und so unvorstellbar vorgekommen sind. Wie in einem Film, in dem es um Lynchen geht - grauenhafte Bilder von einem schreienden Mob, der billigend in Kauf nehmen will, dass Menschen verbrannt werden. Es war die pure, die schiere, die grauenhafte Aggression. Bilder von Menschen, die um ihr Leben Angst haben mussten, die sich nur mithilfe von einem wunderbaren, mutigen Mann, von Herrn Richter, überhaupt in Sicherheit bringen konnten, wobei auch sein Leben in Gefahr war. Die werde ich nie vergessen. Das sogenannte Sonnenblumenhaus, wo Vertragsarbeitnehmer und -arbeitnehmerinnen waren, die um ihr Leben fürchten mussten, weil gezielt mit Flaschen mit Brennstoff auf das Haus gezielt wurde. Das war fürchterlich. Das war ein Anschlag auf Menschen in unserer Mitte. Es war offener, grausamer, hässlichster Rassismus, der bereit war, Menschen zu töten.

(Wolfgang Richter war damals Ausländerbeauftragter der Stadt Rostock. Er erlebte den Brandanschlag im Sonnenblumenhaus und musste selbst über das Dach des Gebäudes fliehen.)

Wann und warum haben Sie sich dazu entschlossen, nach Rostock-Lichtenhagen zu fahren?

Naja, ich war europäische Politikerin, aber ich war ja aus Deutschland. Das heißt, wenn in Deutschland so etwas passiert, ist es natürlich auch eine Aufgabe für europäische Abgeordnete, sich ein Bild zu machen oder auch die Stimme zu erheben oder das Gesicht zu zeigen. Als ich 1989 ins Europäische Parlament gewählt worden bin, war da zum allerersten Mal eine Gruppe deutscher Abgeordneter, die aus einem rechtsextremen Hintergrund kamen. Das hat eine große Aufregung erzeugt und eine große Sorge in Europa. Es wurde ein Ausschuss gegen Rassismus, Antisemitismus und rassistische Gewalt in Europa eingerichtet - mit einem besonderen Augenmerk auf das, was dann in Deutschland passiert ist. Das heißt, ich bin zum einen als deutsche Europaabgeordnete und Mitglied dieses Ausschusses nach Rostock gereist. Und ich bin als Person, die politisch ihr ganzes Leben gegen jede Form von Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus gekämpft hat, nach Rostock gereist - übrigens mit meinen Eltern. Wir hatten eigentlich vor, ein paar Tage im Sommer in den sogenannten neuen Bundesländern zu verbringen. Dass die Reise nach Mecklenburg-Vorpommern dann einen solch traurigen, schrecklichen Höhepunkt findet, haben wir natürlich in diesem Ausmaß definitiv nicht erwartet. Meine Eltern waren zutiefst bewegt und zutiefst beschämt über dieses Deutschland.

Was war denn so Ihr persönlicher erster Eindruck von den Menschen, die Sie in Rostock getroffen haben? Wie sind die Ihnen begegnet?

Es gab auf der einen Seite die Menschen, die den Brandanschlag überlebt haben. Ich habe zutiefst verängstigte Menschen erlebt, die um ihr Leben bangen mussten. Ich glaube, wenn sie gekonnt hätten, hätten sie sofort im nächsten Moment unser Land verlassen. Dann habe ich aufrechte, mutige Leute kennengelernt - aus Rostock und auch Angereiste aus ganz Deutschland -, die entsetzt waren. Sie haben sich geschämt und gesagt: Wir nehmen daraus die Verantwortung, gegen Rassismus viel stärker einzutreten und gegen eine Debatte, die in der Veränderung unseres Grundgesetzes mündete. Es war sozusagen die Vorausmusik, die dann 1993 dazu führte, dass zum allerersten Mal an einem Grundrecht, an einem der wichtigsten Grundrechte in unserem Grundgesetz, dem Grundrecht auf Asyl, wie in einem Steinbruch herumgedoktert und es verschärft worden ist. Und ich habe aber auch Menschen gesehen, die zumindest latent Verständnis für die Ereignisse in Rostock hatten, die Feindbilder gegen Vertragsarbeitnehmer, gegen geflüchtete Menschen aufgebaut haben. Ich habe Menschen erlebt, die überhaupt kein Verständnis dafür hatten, dass wir in Deutschland in einer bunten, in einer vielfältigen Gesellschaft leben. Und es gab auch einen unzulässigen Versuch, die Verantwortung in Richtung Ostdeutschland zu verlagern. So nach dem Motto: Das ist typisch Ostdeutschland, ehemalige DDR. Und so zu tun oder den Anschein zu erwecken, dass Rassismus und rassistische Gewalt in einem alten Westdeutschland gar keinen Platz hätten. Was natürlich nicht stimmt. Das haben die Anschläge in Mölln und Solingen und an vielen anderen Orte, wo Flüchtlingsunterkünfte angegriffen wurden, wo Menschen rassistisch angegriffen wurden, gezeigt. Dieser Versuch der Zuschreibung von Rassismus als rein ostdeutsches Problem hat einfach nicht gestimmt.

Sie sind seitdem immer wieder nach Rostock gefahren. Was ist Ihr Eindruck: Wie ist der Umgang mit der Geschichte des Sonnenblumenhauses?

Ich glaube, dass der Umgang mit der Geschichte nicht selbstverständlich ist. Wenn beispielsweise Bäume zur Erinnerung gepflanzt werden, dann sind die am nächsten Tag abgehackt. Man merkt: Es gibt ein Umfeld einer relativ deutlichen Unterstützung von Rechtsextremismus und Rassismus, von Hass und von Ausgrenzung. Gerade auch die NPD und die Rechtsextremen, die in Mecklenburg-Vorpommern sehr stark auch in den Landtag eingezogen und die nicht verschwunden sind. Und deswegen ist dieser Besuch dieses Ortes, des Sonnenblumenhauses und das Erinnern an das, was vor dreißig Jahren passiert ist, von großer Bedeutung. Denn es ist ein Erinnern in die Gegenwart hinein, in der es Rechtsextremismus gibt, in der es Angriffe gibt auf Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Identität, ihrer Herkunft. Es ist umso wichtiger, dass wir diese Tat, diese grauenhaften Stunden, nicht vergessen, sondern uns an sie erinnern. Und dass sich die Demokratinnen und Demokraten laut und deutlich dazu verhalten.

Was verbinden Sie heute mit Rostock-Lichtenhagen?

Ich verbinde damit grauenhaften, fürchterlichsten Rassismus, entgrenzte Gewalt, Hass in den Gesichtern und den Stimmen von Menschen vor einem Haus, das angezündet wird, wo gejohlt wird, wo geschrien wird, obwohl man weiß, dass Menschen in diesem Haus zu verbrennen drohen. Ich verbinde auf der anderen Seite aber damit zivilgesellschaftliche Courage. Mut, der ganz eindeutig dort dazu gehört hat, dem zu widersprechen, dem zu widerstehen, und sich an die Seite von diesen Menschen zu stellen. Zu sagen: Wir brauchen Menschlichkeit und nicht Hass. Und diese Menschen sind für mich auch die Heldinnen und Helden dieser Tage geworden. Denn es ist ein Unterschied, ob ich mich in Berlin, Köln oder anderen Städten heute für gleiche Rechte einsetze oder ob ich das damals in Rostock getan habe - vor dreißig Jahren. Mut, aufrechter Gang, demokratisches Bewusstsein, Menschlichkeit und Verantwortungsübernahme, das sind für mich die wirklichen Heldinnen und Helden dieser Tage.

Mit Claudia Roth sprach Kathrin Gräbener

Quelle: ntv.de

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