Politik

Turbulenter Talk bei "Anne Will" Nehmen uns die Maschinen die Arbeit weg?

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Anne Will und ihre Talkgäste: Manfred Spitzer, Christian Lindner, Sascha Lobo, Leni Breymaier und Bernhard Rohleder (v.l.).

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Vom selbstfahrenden Auto bis zum Pflegeroboter: Die Automatisierung schreitet voran. Welche Konsequenzen das für die Gesellschaft hat, darüber lässt sich streiten - was Anne Wills Gäste eine turbulente Stunde lang auch tun.

Rund fünf Millionen Jobs könnten in den Industrieländern bis 2020 allein durch die Digitalisierung der Arbeitswelt wegfallen. Das klingt erstmal ziemlich übel. Aber ist es tatsächlich etwas Schlechtes, wenn Roboter und Computer einfache industrielle Tätigkeiten und stark routinelastige Bürojobs übernehmen? Oder bringt die zwangsläufige Veränderung im Umkehrschluss gar unsere Gesellschaft voran und setzt Potenziale frei, die vorher gebunden waren?

Über Fluch und Segen der Automatisierung sprechen am Sonntagabend bei "Anne Will" der Psychiater Manfred Spitzer, Blogger und Netzautor Sascha Lobo, die baden-württembergische SPD-Vorsitzende Leni Breymaier, der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner und Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder.

"Die Automatisierung schafft Möglichkeiten"

"Schon vor 40 Jahren haben namhafte Magazine verkündet, dass Roboter uns in absehbarer Zeit die Arbeit wegnehmen, aber das hat sich alles ausgeglichen durch neue Jobs in der Entwicklung und Pflege der Maschinen und Ähnlichem", sagt Rohleder. Der Cheflobbyist der deutschen Digitalbranche will dem unvermeidlichen Wandel das Bedrohliche nehmen, Unterstützung erfährt er dabei von Lindner: "Das Ergebnis der Computereinführung war, dass es mehr statt weniger Arbeitsplätze gab."

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Werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr: Manfred Spitzer (l.) und Sascha Lobo (r.)

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

"Wir sind mitten in einer zweiten industriellen Revolution, die in Deutschland noch unterschätzt wird", fährt der FDP-Politiker fort. Für die baden-württembergische Verdi-Chefin ist das eine Horrorvorstellung: "Ich wünsche mir keine Welt, in der Kassenpatienten von Robotern gemanagt werden, während Privatpatienten die feinen Pflegekräfte um sich haben." "Ich auch nicht", rudert Lindner zurück und erklärt Breymaier seinen Ansatz en Detail: "Wir sehen nur, dass Arbeitsplätze verschwinden und durch Maschinen ersetzt werden. Was wir nicht sehen, ist, dass die Automatisierung Raum für neue Möglichkeiten schafft. Wenn sich eine Pflegekraft nicht mehr um die Sauberkeit ihres Arbeitsplatzes kümmern muss, weil das ein Putzroboter übernimmt, hat sie mehr Zeit für die wirkliche Pflege ihrer Patienten - und davon profitieren doch alle."

Sascha Lobo bereitet ein ganz anderer Aspekt Kopfzerbrechen: "Wir denken immer, dass es einen vollständigen Ersatz der Jobs gibt, das eigentliche Problem ist aber die Aufspreizung", glaubt der Buchautor mit dem roten Irokesen-Haarschnitt und erklärt: "Es wird ein paar wenige Menschen geben, die wegen ihrer hochgradigen Spezialisierung sehr gut verdienen werden und sehr viel mehr Menschen, die in einem extrem schlecht bezahlten Job arbeiten, weil ihre Arbeit dadurch an Wert verliert, dass sie auch von Maschinen verrichtet werden kann."

"Zombifizierung unserer Kinder durch Smartphones"

Vier Menschen mit vier sehr unterschiedlichen Meinungen und spannenden Ansätzen: Die erste Viertelstunde der Digitalisierungsdebatte bei "Anne Will" verspricht eine Diskussion mit echtem Mehrwert - bis sich Manfred Spitzer einschaltet und das Niveau der Sendung auf das Level einer durchschnittlichen TV-Debatte im Rennen um die US-Präsidentschaft senkt: Der Psychiater glaubt an eine "Zombifizierung unserer Kinder durch Smartphones" und fordert, Jugendliche bis zu ihrem 16. Lebensjahr vor sämtlichen digitalen Geräten zu "schützen". Sascha Lobo wirft dem Autor von Büchern wie "Cyberkrank!" und "Digitale Demenz" vor, aus Gründen der Auflagensteigerung zu polemisieren und vom eigentlichen Thema abzulenken - geht aber in der Folge genau wie die übrigen Talkgäste dennoch immer wieder auf Spitzers Provokationen ein.

Der Psychiater schmettert Einwände der anderen Diskussionsteilnehmer mehrfach mit einem lauten "Das ist falsch!" ab und lässt grundsätzlich niemanden ausreden. "Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig", platzt es aus dem Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm irgendwann sogar heraus. FDP-Chef Lindner kann sich ein süffisantes "Wissen Sie eigentlich, dass Sie gerade im Fernsehen sind?" nicht verkneifen und sorgt damit für große Erheiterung im Publikum.

Zwar versucht Anne Will immer wieder, die Wogen zu glätten und verbietet Spitzer schließlich sogar mehr oder weniger deutlich den Mund, die anfangs erreichte Tiefe erreicht der Talk aber bis zum Ende nicht mehr.

Quelle: n-tv.de