Politik

Talk bei Anne Will Organspende - ist Schweigen schon ein Ja?

annewill-20180909-001.jpg

Wer nicht widerspricht, wird Spender? Diskussion zum Thema Organspende bei Anne Will.

© NDR/Wolfgang Borrs

Die Runde bei Anne Will debattiert über eine schwierige Frage: Wie bekommt man mehr Menschen dazu, im Fall eines Hirntods ihre Organe zu spenden? Ein Vorschlag von Gesundheitsminister Spahn löst eine heftige Diskussion aus.

Es ist Gesundheitsminister Jens Spahn zu verdanken, dass in Deutschland wieder über Organspende diskutiert wird. Der CDU-Politiker schlägt vor, künftig das Einverständnis möglicher Spender vorauszusetzen, wenn sie nicht ausdrücklich widersprochen haben. Ist das in Ordnung? Um diese Frage ging es am Sonntagabend in der Runde bei Anne Will. Dazu hatte sich die Talkerin Gäste eingeladen, von denen nur einer Politiker war. Es war aber nicht Spahn, sondern Karl Lauterbach von der SPD. Der Gesundheitsminister habe abgesagt, wie Will mit einem Augenbrauenzucken sagte.

Die Debatte wird womöglich auch im Bundestag geführt werden - denn Spahns Chefin, Kanzlerin Angela Merkel, hat sich offen für eine Abstimmung gezeigt und angekündigt, dafür den Fraktionszwang aufzuheben. Die Relevanz ist da: 10.000 Menschen warten auf ein Spenderorgan, nicht jeder überlebt die Wartezeit. Die sogenannte doppelte Widerspruchsregelung sähe vor, dass jeder Mensch in Deutschland zu Lebzeiten ausdrücklich Nein sagen müsste, wenn er im Todesfall keine Organe spenden will. Nach dem Tod könnten die Angehörigen ebenfalls ihr Veto einlegen. In der Sendung wurde das Für und Wider der möglichen Neuregelung deutlich, sie endete allerdings in einem lauten Disput.

Zwei Betroffene hatten auf den Stühlen Platz genommen, darunter Profifußballer Ivan Klasnic, der einst für Werder Bremen spielte und sich während seiner aktiven Laufbahn einer Nierentransplantation unterziehen musste. Ihm schräg gegenüber saß Anita Wolf, die die Organe ihres hirntoten Mannes zur Spende freigegeben hatte. Die Gesundheitssoziologin Alexandra Manzei, Professorin an der Uni Augsburg, und der evangelische Bischof Wolfgang Huber waren als Gegner des Spahn-Vorschlags eingeladen worden. Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen, der wie Lauterbach leidenschaftlich für eine Widerspruchslösung argumentierte, komplettierte die Runde

"Verdammte Pflicht gegenüber Patienten"

Hirschhausen durfte gleich zu Beginn erklären, warum er ein "Riesenfan der Widerspruchslösung" sei. Mit ernster Miene und doch lächelnd sagte er, die Mehrheit der Deutschen sei dann dafür, wenn sie selbst betroffen sei. Die neue Regelung würde es den Menschen leichter machen, sie drücke den Willen der Mehrheit aus. "Wir haben die verdammte Pflicht gegenüber den Patienten", sagte er. "Ich will hier mal für Gemeinwohl statt Egoismus plädieren."

Lauterbach argumentierte wissenschaftlicher in die gleiche Richtung. Nur mit dieser Regelung sei es zu erreichen, dass die Zahlen der Organspenden stiegen, sagte er. Das zeigten Beispiele aus anderen Ländern. In 17 europäischen Staaten gebe es bereits Widerspruchsregelungen, die hätten doppelt und dreifach so hohe Organspenderaten.

Bischof Huber, nach eigenen Angaben Inhaber eines Organspendeausweises, hatte es schwer, dagegen zu argumentieren. Er finde es beunruhigend, die Frage auf die rechtliche Zustimmung zu reduzieren, sagte er. Der feine Unterschied zwischen ausdrücklicher Zustimmung und ausdrücklichem Widerspruch beschäftigte ihn besonders. Die derzeitige Regelung ermögliche es den Angehörigen, eine Entscheidung zu treffen - "in einer Weise, die die Freiheit positiv würdigt." Die Entscheidung bleibt aktuell ganz bei den Angehörigen - es passiert nichts, wenn sie nicht Ja sagen. Bei der neuen Regelung müssten auch sie aktiv widersprechen. Lauterbach hielt dagegen, dass man von den Menschen wohl verlangen könnte, dass sie sich zu Lebzeiten mit dieser Frage befassen, zumal sie ja selbst auch ein Organ wollten, wenn sie eins bräuchten.

Huber versuchte, die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken. Die Organspenderate sei nicht deswegen so niedrig, weil die Leute nicht spenden wollten, sondern weil sie kein Vertrauen ins System hätten. Damit spielte er auf Fälle an, bei denen Ärzte Patienten bevorzugt hatten. Mit dieser Argumentation fand er in Alexandra Manzei, der Soziologin, eine Verbündete. Die sprach sich im Gegensatz zu Huber aber sogar insgesamt gegen Organspenden aus und forderte stattdessen alternative Therapiemöglichkeiten ein. Sie wies daraufhin, dass nur spenden kann, wer hirntot ist, und es kaum möglich sein werde, den Bedarf an Transplantationen zu decken. Auch Huber sagte, man solle nicht glauben, dass man mit einer Gesetzesänderung das Problem lösen könne.

In diese Richtung zielte auch ein Einspielfilm, der die Frage aufwarf, ob nicht vor allem die Kliniken an der geringen Spenderquote schuld seien. Denn Transplantationen seien ein Minusgeschäft. Notwendige Untersuchungen, ob ein Hirntoter als Spender infrage komme, seien aufwendig und teuer und unterblieben daher oft. Doch solche eher organisatorischen Fragen gingen am Kernproblem vorbei: der Frage, ob es in Ordnung ist, einem hirntoten Menschen ohne ausdrückliche Zustimmung seine Organe zu entnehmen.

"Wie in einem dunklen Raum"

Wie Angehörige eine solche Situation erleben, davon konnte Anita Wolf den Zuschauern berichten. Ihr Mann hatte einen Schlaganfall erlitten und befand sich eigentlich auf dem Weg der Genesung. Doch dann starb er plötzlich und unerwartet. Wolf stand vor der Frage, ob sie die Organe freigeben sollte oder nicht. "Es ist wie in einem dunklen Raum", sagte sie. "Wie im Vakuum, hilflos und allein." Sie fände es nicht richtig, wenn in dieser Frage Schweigen als Zustimmung zur Organspende gewertet würde. Die doppelte Widerspruchsregelung hätte ihr auch nicht weitergeholfen, weil sie mit der Entscheidung ebenso allein gewesen wäre. Daher plädierte sie vor allem für Aufklärung, wofür sie große Zustimmung bei allen erntete.

Ivan Klasnics Bericht zeigte, wie schwer es ist, auf eine Niere zu warten. An der Dialyse zu sein, sei eine Qual, sagte er. "Ich wünsche es niemandem." Nachdem seine Eltern ihm je eine Niere gespendet hatten, trägt er nun schon das dritte Organ in sich. Das bekam er allerdings in seinem Heimatland Kroatien, wo die Wartezeit offenbar deutlich geringer war als die sieben Jahre, mit denen er in Deutschland rechnen musste.

Zum Ende der Sendung wurde es dann etwas lauter, als Soziologin Manzei recht plastisch beschrieb, wie der hirntote Patient aufgeschnitten wird und bei noch schlagendem Herzen die Organe entnommen würden. Ihre Ansicht, dass Hirntote nicht mit Leichen gleichzusetzen seien, rief Proteste bei Hirschhausen und Lauterbach - beide gelernte Ärzte - hervor. Moderatorin Will gelang es, die hochkochenden Emotionen zu beruhigen, indem sie noch einmal Anita Wolf das Wort gab, der Frau, die die Organe ihres Mannes freigegeben hatte. Dass dadurch drei Menschen das Leben gerettet worden sei, gebe ihr auch Trost. "Das kann man nicht unterschätzen, das hilft mir auch."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema