Politik

Bundestag gedenkt NS-Opfern "Passen Sie auf auf unser Land"

Eindringlich mahnt Charlotte Knobloch, die Demokratie gegen Anfeindungen von Rechts zur verteidigen. Dass die AfD im Parlament sitze, könne sie nicht ignorieren. Bundestagspräsident Schäuble findet es beschämend, dass Juden wieder über Auswanderung nachdächten.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat vor neuen Formen von Rassismus und Antisemitismus in Deutschland gewarnt. "An Gedenktagen wird stets Verantwortung angemahnt, aber werden wir ihr auch gerecht? Auch bei uns zeigen sich Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder offen, hemmungslos, auch gewaltbereit", warnte der CDU-Politiker im Bundestag in einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Daran nahmen auch Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sowie die Repräsentanten der Verfassungsorgane teil.

Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, warnte eindringlich vor einem Erstarken des Antisemitismus. Die Holocaust-Überlebende richtete sich dabei im Plenum des Bundestags ausdrücklich an die AfD. "Ich kann nicht so tun, als kümmerte es mich nicht, dass Sie hier sitzen", sagte sie an die AfD-Angeordneten gewandt. Sie wolle zwar kein pauschales Urteil über die AfD fällen: "Vielleicht ist die eine oder andere noch bereit zu erkennen, an welche Traditionen da angeknüpft wird." Den "Übrigen in Ihrer Bewegung" sage sie aber: "Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen, und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen - und ich sage ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren."

"Wünsche mir Demokratie wehrhafter"

Wer die heutigen Corona-Maßnahmen mit dem vergleiche, was die Juden einst in Deutschland ertragen mussten, der "verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Schoa", sagte sie. "Wir dürfen stolz sein auf unsere Bundesrepublik, (...) aber wir müssen sie wehrhaft verteidigen", forderte Knobloch. Antisemitisches Gedankengut und Verschwörungsmythen erhielten wieder mehr Zuspruch - von der Schule bis zur Corona-Demonstration. In ihrem Bekanntenkreis spielten etliche Juden inzwischen mit dem Gedanken, auszuwandern.

Knobloch bezeichnete sich in ihrer Rede als "stolze Deutsche". Sie fügte hinzu: "Ich hatte eine Heimat verloren, ich habe für sie gekämpft, ich habe sie wiedergewonnen und werden sie verteidigen." Sie wisse: "Unser Land leistet viel, dass jüdische Menschen sicher sind und hoffentlich nie wieder allein." Sie sei "stolz auf unsere Demokratie, auch wenn ich sie mir wehrhafter wünsche". Knobloch richtete einen Appell an die Zuhörer: "Ich bitte Sie: Passen Sie auf auf unser Land."

Nach ihrer Rede standen die Abgeordneten auf, um zu applaudieren. Aus den Reihen der AfD blieben einige Abgeordnete sitzen, darunter Albrecht Glaser, der als erster AfD-Abgeordneter mit seiner Kandidatur für den Posten des Bundestagsvize gescheitert war.

Weisband: Es ist gefährlich, sichtbar zu sein

Zweite Gedenkrednerin im Bundestag war die Publizistin Marina Weisband. Sie berichtete davon, dass es für Juden und Jüdinnen in Deutschland auch heute noch fast unmöglich sei, "einfach nur Menschen" zu sein. Sie müssten aus Sicherheitsgründen ihr Jüdischsein verstecken und unsichtbar machen.

"Einfach nur Mensch zu sein ist Privileg derer, die nichts zu befürchten haben aufgrund ihrer Geburt", sagte Weisband. "Einfach nur Mensch zu sein bedeutet, dass jüdisches Leben in Deutschland unsichtbar gemacht wird" - denn es sei "gefährlich, sichtbar zu sein".

Die jüngere Generation der Juden in Deutschland stehe vor der Aufgabe, "einen Weg zu finden, das Gedenken weiterzutragen, ohne uns selbst zu einem lebenden Mahnmal zu reduzieren", sagte Weisband. Ziel sei es, dass jüdisches Leben in Deutschland als "schlichte Selbstverständlichkeit" wahrgenommen werde.

Schäuble beklagte, dass jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt werden müssten. "Juden verstecken ihr Kippa, verschweigen ihre Identität. In Halle entkam die jüdische Gemeinde nur durch einen Zufall einem mörderischen Anschlag", sagte er. Nach Jahrzehnten der Zuwanderung dächten deutsche Juden über Auswanderung nach. "Und das beschämt uns. Es ist niederschmetternd, eingestehen zu müssen, unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte."

Die Nationalsozialisten und ihre Helfer hatten während des Zweiten Weltkrieges sechs Millionen Juden ermordet. Seit 1951 erinnert Israel am Holocaust-Gedenktag an die Opfer. Die Vereinten Nationen legten 2005 den Internationalen Holocaust-Gedenktag auf den 27. Januar. An diesem Tag erreichte die Rote Armee 1945 das deutsche Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und befreite mehr als 7000 überlebende Häftlinge.

Quelle: ntv.de, jwu/AFP/dpa

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