Politik

Coronavirus schürt Misstrauen Pekings fragwürdiger Umgang mit der Seuche

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Die Machthaber in Peking halten die neue Lungenkrankheit von den Titelseiten der Zeitungen fern, die Menschen schützen sich trotzdem.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Ausbruch einer neuen rätselhaften Lungenkrankheit in China sorgt bei der Regierung in Peking für alte Reflexe: Der Staat beschönigt die Zahl der Infizierten. Doch die Bürger sind hochgradig misstrauisch. Trotzdem zeigt die Medienzensur Wirkung: Von einer Panik sind die Chinesen weit entfernt.

Robert Fang fühlt sich erinnert an das Jahr 2003. Der Mann, Anfang 40, lebte damals schon in Peking. Er weiß noch ziemlich genau, wie die Wahrheit über das Ausmaß der Sars-Epidemie nur Stück für Stück ans Licht trat, nachdem sie viele Monate von den Behörden verschleiert worden war. Mehrere hundert Menschen starben. Jetzt, 17 Jahre danach, grassiert wieder ein Corona-Virus in China. Und Robert Fang registriert in seinem Umfeld eine seltsame Mischung aus Sorge und Ignoranz.

In Chinas Hauptstadt mache sich zwar ein ungutes Gefühl breit wegen dieser neuen Lungenkrankheit, die vor einigen Wochen im Land ausgebrochen ist, sagt Fang. Ein brennendes Gesprächsthema sei eine mögliche Epidemie deswegen aber trotzdem nicht. Nicht einmal die geschwätzigen Taxifahrer der Stadt würden das Thema anfassen. Sowieso wisse niemand etwas Genaues. "Die Menschen haben hier vor allem deswegen keine Angst, weil sie nicht wissen, wie ernst die Lage ist. Der Blinde fürchtet die Dunkelheit nicht", sagt Fang.

Er selbst, so gibt er zu, mache sich insgeheim aber große Sorgen. Und er glaubt, das gelte auch für viele seiner Mitbürger. "Die Öffentlichkeit traut offiziellen Zahlen nicht besonders, weil die immer geschönt sind", sagt Fang, der mit dieser Behauptung einen in China weitverbreiteten Vorwurf vertritt. Die zweifelhafte Handhabe von Sars trug damals ihren Teil dazu bei. Sie hat bis heute deutliches Misstrauen hinterlassen.

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2008 stellte das Regime im Umgang mit verseuchtem Milchpulver zudem unter Beweis, dass ihm im Zweifelsfall die Gesundheit seiner Bürger egal ist. Die Bekanntmachung, dass vergiftetes Milchpulver in chinesischen Supermärkten zu kaufen war, verzögerte sich damals um mehrere Monate, weil die Olympischen Spiele nicht beeinträchtigt werden sollten. Die Glaubwürdigkeit von chinesischen Verlautbarungen im Zusammenhang mit der neuen gesundheitlichen Bedrohung stärken solche Erinnerungen nicht.

Möglicherweise bis zu 1700 Infizierte

Auch wenn ausländische Experten Chinas Behörden bescheinigen, dass sie inzwischen schneller und konsequenter reagieren, untermauern neue Zahlen von ausländischen Forschern die These von den alten Verschleierungsreflexen des Ein-Parteien-Systems. Experten am britischen Zentrum für die Analyse globaler Infektionskrankheiten am Imperial College London bezifferten die Zahl der wahrscheinlichen Infektionen auf über 1700. Als Referenz für ihre Berechnungen bedienten sie sich dafür bei der Anzahl der entdeckten Infektionen außerhalb Chinas. Offiziell waren am Sonntag von chinesischer Seite erst 60 Fälle bestätigt worden. Nach dem Bericht aus England erhöhte sich die Zahl dann schnell auf mehr als 200. Drei Patienten seien verstorben, hieß es.

Chinas Gesundheitskommission erklärte in Peking, der Übertragungsweg sei "noch nicht völlig verstanden". Die anfänglichen Infektionen wurden mit einem inzwischen geschlossenen Fischmarkt in der Stadt Wuhan in Verbindung gebracht, auf dem auch Wildtiere verkauft wurden. Coronaviren verursachen oft harmlose Erkrankungen wie Erkältungen, allerdings gehören auch Erreger gefährlicher Atemwegskrankheiten wie Sars und Mers dazu. Auch der damalige Sars-Erreger sprang höchstwahrscheinlich von einem Wildtier auf den Menschen über, angenommene Quelle sind Schleichkatzen. Die chinesischen Behörden hätten bereits eine Hypothese, von welcher Tierart der neue Erreger auf den Menschen übergesprungen sein könnte, hatte der Berliner Virusforscher Christian Drosten kürzlich erklärt. "Das wird aber erst offiziell verkündet, wenn es als gesichert gilt."

Wer in Peking und dem Rest des Landes von den Berechnungen aus London erfahren wollte, müsste sich auf englischsprachigen Nachrichtenportalen informieren. In den nationalen Medien spielte die Zahl keine Rolle. Und das ist kein Zufall. Chinesische Medien handeln nach einem strikten Leitfaden der Partei, der vorgibt, wie prominent das Thema behandelt werden darf. Das Leitmotiv: Ein grassierendes Coronavirus hat auf Titelseiten nichts verloren, und eigene Recherchen von Zeitungs- oder TV-Redaktionen zu dem Thema sind unerwünscht, genauso wie ausländische Expertenmeinungen. Nur wenn die Ausländer der chinesischen Regierung gute Arbeit bescheinigen, wird ihren Aussagen Platz und Relevanz eingeräumt.

Dilemma der Diktatur: Medienzensur wirkt

Das Resultat ist eine strenge Zurückhaltung der chinesischen Medien, wodurch das Thema in der Wahrnehmung und Dringlichkeit in den Hintergrund gedrängt wird. Auch Diskussionen in sozialen Medien werden von den Behörden unterdrückt. Dennoch kursierte ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2013 im Internet. Der Text aus dem Magazin Südliches Wochenende (Nanfang Zhoumo) erinnerte an einen Arzt, der zu Zeiten des Sars-Ausbruchs die staatlichen Zahlen öffentlich anzweifelte und schließlich Recht behielt. "Fast jeder meiner Kontakte hat heute diesen Text verbreitet, weil die Leute an die Parallelen von damals und heute erinnern wollen", sagt Robert Fang. Dahinter vermutet er ein weit verbreitetes Misstrauen der Menschen in die eigene Regierung.

Die beliebige Gestaltung von Zahlen und Statistiken gilt in China als offenes Geheimnis. Hohe Vertreter von Staat und Partei haben in den vergangenen Jahren mehr oder minder unverblümt zugegeben, dass beispielsweise die Wirtschaftsdaten des Landes geschönt werden. Besonders in Krisenzeiten glauben die Chinesen ihren Medien deswegen so gut wie gar nichts. Dennoch geht die staatliche Taktik auf, weil mit Falschbehauptungen die Emotionen der Bürger kontrolliert werden. Und Kontrolle ist die Basis der allein regierenden Kommunistischen Partei für ihre autoritäre Staatsführung.

Schließlich steckt sie in einem Dilemma, von dem Diktaturen immer betroffen sind. Wenn eine Krise ausbricht, die eine Gefahr für die Bevölkerung bedeutet, sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich, dann sind die politisch Verantwortlichen nun einmal schnell ausgemacht. In einem Staat, in dem eine einzige Partei alle Macht für sich beansprucht, erwarten die Bürger, dass diese Partei ihren Anspruch auch rechtfertigt, indem sie Krisen jeglicher Art bewältigt. Wenn die Menschen im Land das Gefühl haben, dass ihnen die Sicherheit verwehrt bleibt, könnten sie ihren Unmut gemeinsam mit anderen auf die Straße tragen. Solche Unruhen sind das Horrorszenario schlechthin für Autokraten.

Quelle: ntv.de, mit dpa