Presse über Angriff auf Iran"Irgendwann wird sich jemand den Revolutionsgarden physisch stellen müssen"

Nach dem Angriff Israels und der USA steht dem Iran eine ungewisse Zukunft bevor. Die Kommentatoren blicken mit gemischten Gefühlen auf die Geschehnisse im Nahen Osten. Mehrere Zeitungen befürchten, dass sich die Geschichte wiederholt.
Der Kommentator der "Welt" begrüßt den Angriff auf den Iran und lobt US-Präsident Donald Trump: "Nach Jahrzehnten opportunistischer und auch feiger Appeasement-Politik ist es nun einmal mehr Donald Trump, einer der großen amerikanischen Präsidenten, der sich entschieden hat, nicht länger zuzusehen. Er riskiert damit viel: Gewählt wurde er von Bürgern, die es leid waren, den klugdefäkierenden, moralisierenden Europäern aus der Patsche zu helfen und die genug hatten von der - vielfach ungeliebten - Rolle Amerikas als Weltpolizei. Das 'Ami go home' der Linken und Grünen war auch das Ideal der MAGA-Wähler." Weiter heißt es: "Doch Trump entschied sich für die Freiheit und den Kulturkampf gegen die Barbaren im Iran - und gegen seine Wähler. Jeder Anhänger von Freiheit und Demokratie muss den Amerikanern und den Israelis die Daumen drücken."
Der Berliner "Tagesspiegel" befürchtet, dass Trump keinen Plan für die Zukunft des Iran hat: "Dabei haben die Invasion des Irak 2003 und die Beseitigung des libyschen Machthabers Gaddafi einige Jahre später gezeigt, wo derartige Interventionen enden: in Chaos und Anarchie. Man möchte sich nicht ausmalen, was es hieße, wenn der Iran ebenso endet. Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Denn der Nahe Osten ist ein besonders schwieriges Umfeld. Das wird Trump kaum bedacht haben, als er den Befehl zum Angriff gab. Oder hat er billigend in Kauf genommen, dass mit dem Angriff auf den Iran die Region in Brand gesetzt werden könnte? Nein, das ist unwahrscheinlich. Diese Gemengelage könnte für ihn zu einem massiven Problem werden. Dann, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten als Oberbefehlshaber sein Land in einen langen, womöglich verlustreichen Krieg geführt hat.
Auch "Die Zeit" aus Hamburg sieht Risiken und den Iran vor einer ungewissen Zukunft stehen: "Der stärkste Einwand gegen diesen Krieg hat mit dem Danach zu tun, mit der Unklarheit über das angestrebte politische Ziel. Die iranische Opposition ist notorisch zerstritten; wie viel Unterstützung der Sohn des letzten Schahs, die prominenteste Figur unter den Regimegegnern, genießt, kann niemand verlässlich sagen. Welche Alternative zum weithin verhassten Mullah-Regime den Protestierenden im Iran selbst vorschwebt, wissen wir und vielleicht auch die Protestierenden selbst bei Weitem nicht genau genug. Ganz zu schweigen von der undurchschaubaren Dynamik im Machtapparat selbst, der sich ja auch im Fall einer deutlichen Niederlage und einer möglichen Enthauptung des Spitzenpersonals nicht einfach in Luft auflösen wird. Das alles bringt enorme Risiken mit sich".
Die "Rheinpfalz am Sonntag" aus Landau erwartet gravierende und globale Auswirkungen: "Die Entwicklungen im Nahen Osten werden Menschen auf der ganzen Welt betreffen. Der Ölpreis wird steigen, Länder wie Saudi-Arabien können noch mehr Rohstoffe absetzen. Der Iran hat überall seine Agenten und Terroristen. Sie haben in der Vergangenheit gezeigt, wie sie mit ihren Aktionen Schlimmes verursachen können. Jüdisches Leben braucht - leider wie so oft - unser aller entschiedenen Schutz. Die Welt mag ohne einen mit Atomwaffen ausgerüsteten Iran sicherer werden. Die unmittelbaren Risiken für alle sind seit gestern jedoch nicht kleiner geworden."
Die österreichische Zeitung "Die Presse am Sonntag" kritisiert den US-amerikanischen Angriff, gerade in einer Phase der Diplomatie: "Verstoßen die Angriffe auf den Iran gegen internationales Recht? Ja, es gilt ein Gewaltverbot. Und mit dem Recht auf Selbstverteidigung lässt sich auch nur über zwei Ecken argumentieren. Trump hat Irans Atomprogramm eigenen Angaben nach ja schon im Juni in der Operation 'Mitternachtshammer' vernichtet. Israel, dessen Auslöschung der Iran anstrebt, spricht nun von einem 'Präventivschlag'. Doch die Islamische Republik plante zuletzt keinen Angriff. Im Gegenteil: Es waren weitere Verhandlungen über das Atomprogramm angesetzt und die israelisch-amerikanische Allianz schlug wie schon im Juni trotzdem zu. Dennoch klingt es ohrenbetäubend hohl, wenn ausgerechnet die iranische Regierung, die Terrorgruppen wie die Hamas unterstützt, nun die Verletzung des Völkerrechts beklagt."
Die Zürcher "NZZ am Sonntag" verweist auf die folgenschweren Militäroperationen im Irak und Libyen: "Die Terror- und Bürgerkriegsjahre im Irak oder der Zerfall Libyens nach einer anderen unüberlegten Intervention des Westens sollten eine Warnung sein. Auch dem Iran könnte ein solcher Weg in den Abgrund bevorstehen - einem Land, so groß wie Libyen und mit einer doppelt so großen Bevölkerung wie jene des Iraks. Doch seine Verantwortungslosigkeit begründet Trump mit der Eigenverantwortung der Iraner. Sie hätten es in der Hand, eine freie Regierung aufzubauen. Allein, ohne Waffen, gegen Revolutionswächter und Basijmiliz. Man möchte nicht in ihrer Haut stecken", schreibt die Zeitung.
Die Angriffe der USA und Israels auf den Iran markieren den Beginn und nicht das Ende eines Konflikts, ist sich die italienische Zeitung "La Repubblica" sicher: "Der gemeinsame Angriff Israels und der USA (...) ist nicht der letzte Akt eines Konflikts, der seit fünfzig Jahren andauert und den Donald Trump vor acht Monaten für gelöst hielt, als er verkündete, Teherans Atomwaffenarsenal sei durch die Bombardierung der drei strategischen Standorte des Regimes 'vollständig zerstört': Es ist vielmehr der erste Akt des Krieges im Zeitalter des Chaos, in dieser neuen Weltunordnung, die souveränistisch und neo-autoritär vom amerikanischen Präsidenten geschaffen wurde."
Die französische Zeitung "Dernières Nouvelles d'Alsace" aus Straßburg kommentiert: "(...) Einen Konflikt dieser Art zu beginnen, ist das eine - zu wissen, welchem Ziel er dient, etwas ganz anderes. Die Beispiele Irak, Afghanistan oder Libyen und das unbeschreibliche Chaos, in das diese Länder gestürzt wurden - mit den bekannten Folgen für den gesamten Planeten - liegen eigentlich noch nicht so lange zurück, als dass man sie schon hätte vergessen können. (...) In der sehr langen Geschichte der modernen Kriege hat das Bombardieren eines Landes - selbst im Übermaß - noch nie genügt, um eine Regierung zu stürzen. Vielleicht wird es diesmal eine Premiere, wer weiß - zumal die Macht in Teheran während der letzten, im Blut erstickten Volksrevolution so stark wie nie zuvor ins Wanken geraten ist und die israelisch-amerikanischen Angriffe vom vergangenen Juni sie in erheblichem, wenn auch noch nicht genau bezifferbarem Ausmaß, geschwächt haben. Doch irgendwann wird sich jemand den Revolutionsgarden auch physisch stellen müssen. (...) Da dies wohl weder amerikanische Truppen noch jene ihres israelischen Verbündeten sein werden, bleibt nur noch das iranische Volk, dem dieser Angriff angeblich den Weg bereitet haben soll."
Auf den US-Angriff könnte etwas noch Schlimmeres folgen als das Mullah-Regime, erklärt die norwegische Zeitung "Verdens Gang". "Ab jetzt ist alles möglich, denn der Angriff auf den Iran durch Israel und die USA kann einen umfassenden Krieg in der Region auslösen. Die USA und der Iran sind seit der Islamischen Revolution 1979 verfeindet, und Israel betrachtet den Iran als existenzielle Bedrohung. Vor acht Monaten unterstützten die USA Israel bei Angriffen auf iranische Atomanlagen. Es ist unklar, was zerstört wurde, aber vieles deutet darauf hin, dass der Angriff weniger erfolgreich war als von Trump behauptet. Das iranische Regime ist eine Bedrohung, für die eigenen Bürger und für die übrige Welt. Am besten wäre es, wenn das Regime kollabiert und etwas Besseres an seine Stelle tritt. Aber die Sache könnte eben auch fürchterlich schiefgehen - für den Iran, für Israel und die Region. Wir wollen das Beste hoffen. Aber gleichzeitig müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen".
Die "New York Times" meint: "Der Angriff hat zwar zur Tötung eines brutalen Diktators geführt, aber es bleibt unklar, wie es nun weitergeht. US-Präsident Trump hat nicht dargelegt, warum die Welt davon ausgehen sollte, dass dieser Regimewechsel besser ausgeht als die Regimewechsel im Irak und in Afghanistan zu Beginn dieses Jahrhunderts. Diese Kriege haben zwar Regierungen gestürzt, aber verständlicherweise die amerikanische Öffentlichkeit gegenüber unbefristeten Militäroperationen von ungewissem nationalem Interesse verbittert und die Soldaten, die loyal daran teilgenommen haben, verärgert. Jetzt, da die Militäroperation im Gange ist, wünschen wir uns vor allem die Sicherheit der amerikanischen Truppen und das Wohlergehen der vielen unschuldigen Iraner, die seit langem unter ihrer brutalen Regierung leiden."
Die Istanbuler Zeitung "Hürriyet" warnt vor einem Bürgerkrieg im Iran: "Ohne Bodenoffensive kann das Regime nur durch einen starken internen Aufstand gestürzt werden. Ein möglicher Aufstand könnte zu einem Bürgerkrieg führen. Das ist uns heute klar: Oman, Genf, Wien. Verhandlungen, Treffen, runde Tische. Aber es war alles Theater. Es war alles Täuschung. Es war alles nur gespielt."
Die japanische Zeitung "Nihon Keizai Shimbun" kritisiert den US-Angriff und spricht sich für eine diplomatische Lösung aus: "Wegen des Atomprogramms hatten die USA und der Iran gerade noch am Donnerstag verhandelt und der Iran hatte das nächste Gespräch in Aussicht gestellt. Es ist zutiefst bedauerlich, dass diese diplomatischen Bemühungen von einer militärischen Aktion begraben werden. Das Thema Atomprogramm kann nicht einfach durch eine militärische Intervention erledigt werden. Gerade deswegen haben die bisherigen Regierungen in Washington versucht, das Problem diplomatisch zu lösen. Vom Atom-Abkommen mit dem Iran 2015 stiegen die USA 2018, in der ersten Amtszeit Trumps, einseitig aus. Das bedeutet: Trump ist für die aktuelle Lage mitverantwortlich."